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Auch Radfahren ist Politik, sagt Ska Keller.

Europäische Grüne Ska Keller

"Ich stehe für ein offenes Europa"

Die Spitzenkandidatin der Europäischen Grünen Ska Keller spricht im Interview über ihre Kandidatur, "knallgrünen Wahlkampf" und das Politikgefühl ihrer Generation.

In dieser Woche wurde Ska Keller per Internet-Urwahl gemeinsam mit dem französischen Agraraktivisten José Bové zur Spitzenkandidatin der Europäischen Grünen für die Europawahl am 25. Mai nominiert. Sie will sich dafür einsetzen, dass Europa sich nicht länger abschottet.

Frau Keller, Glückwunsch zur Kür, aber an der Internet-Wahl haben sich europaweit nur 22 000 Menschen beteiligt. Ein legitimatorisches Defizit?
Es ist klar, dass wir uns alle eine höhere Beteiligung gewünscht hätten. Aber wir haben als relativ kleine europäische Partei als erste dieses Experiment gewagt, eine paneuropäische Debatte zu starten. Wir hatten lebhafte Debatten in zehn Mitgliedstaaten, wir waren bei den Menschen vor Ort. 22 000 Beteiligte sind keine Weltrevolution, aber es war ein Anfang mit grüner Basisdemokratie in Europa.

Sie sind 32 Jahre alt. Folgt bei den Grünen die Generation Y auf die Alt-68er?
Ich kann mit dem Generationenbegriff wenig anfangen. Es ist normal, dass in den Parteien das politische Personal wechselt. Auch bei den Grünen. Ich würde aber nicht von einem organisierten Generationswechsel sprechen. Unsere Themen jedenfalls bleiben: Das sind Klimaschutz, eine gerechte Sozial- und Flüchtlingspolitik, der Kampf gegen Diskriminierung. Ich selbst bin über Tierschutz zur Politik gekommen. Uns Grünen ist immer wichtig geblieben, dass wir eine Bewegungspartei sind. Politik wird nicht nur im Parlament gemacht, Politik ist das, was wir tagtäglich machen, wenn wir Radfahren, in den Bioladen gehen oder uns bewusst dafür entscheiden, bestimmte Dinge zu machen.

Sie sind in der DDR geboren. Wie würden Sie das Politikverständnis der Nachwendegeneration beschreiben, die ein grenzenloses Europa als ganz selbstverständlich erlebt hat?
Ganz Nachwende bin ich auch nicht; ich war fast acht, als die Mauer fiel. Die DDR hat mich also schon noch geprägt. Wir hatten an der polnischen Grenze ja noch sehr, sehr lange Schlagbaum, das hat im Westen nur kaum einer mitgekriegt. Das grenzenlose Europa ist für mich gar nicht selbstverständlich. Mitten durch Guben verläuft die deutsch-polnische Grenze, das Leben mit Ausweis und Kontrollen war also immer da. Das änderte sich erst mit dem EU-Beitritt Polens. Dieses Zusammenwachsen hat mich in der Tat geprägt.

Sie haben sich bei der Kür zur europäischen Spitzenkandidatin überraschend gegen Rebecca Harms durchgesetzt, die Grünen-Fraktionschefin im Europaparlament. Beim nationalen Parteitag kommende Woche in Dresden treten Sie gegen Harms auch für Platz 1 der deutschen Liste an.
Nachdem ich die europaweiten Primaries gewonnen habe, möchte ich dem Parteitag mit meiner Kandidatur ein Angebot machen. Ich habe beim Vorwahlkampf für die europäische Spitzenkandidatur gezeigt, dass ich Menschen für grüne Ideen begeistern kann. Das möchte ich auch im Wahlkampf in Deutschland einbringen.

Bei der Europawahl treten die Spitzenkandidaten erstmals auch für das Amt des Kommissionspräsidenten an. Für die Sozialdemokraten geht Martin Schulz ins Rennen. Werden die Grünen im Europaparlament Schulz unterstützen?
Erst mal haben wir natürlich zwei eigene Kandidaten und eigene Ansprüche. Martin Schulz ist ja nicht gerade ein grüner Ideologe. Er steht für die klassische alte Kohle-und-Industrie-SPD. Martin Schulz muss erst mal ein paar richtige Angebote machen. Wir machen jedenfalls einen knallgrünen Wahlkampf.

Und die knallgrünen Inhalte?
Klimaschutz, gerechte Sozialpolitik, Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit. Und dann werde ich mich natürlich für meine Schwerpunktthemen einsetzen: Flüchtlingspolitik, da stehe ich für ein offenes und demokratisches Europa, das sich nicht abschottet. Und wir werden im Wahlkampf natürlich über den Unmut gegen das Freihandelsabkommen mit den USA reden. Die EU-Kommission will dieses Projekt unbedingt, aber ohne das Europaparlament und die Menschen einzubeziehen. Diese Geheimniskrämerei darf es nicht geben.

Interview: Peter Riesbeck

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