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Jamal Hakrush (62), ist der erste muslimische Polizeivizepräsident Israels.

Interview

„Ich rechtfertige nichts“

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Der erste arabische Polizeivizepräsident in Israel über seinen diplomatischen Auftrag und Vorurteile in der Gesellschaft.

Aus dem Zierbrunnen vor dem kleinen Polizeihäuschen, das ganz hinten auf dem Polizeistation von Kiryat Ata liegt, kommt kein Wasser mehr. Neben dem Plastikrasen, auf dem uns Yoni Mizrachi, Pressesprecher von Polizeivizepräsident Jamal Hakrush empfängt, gehen zwei Polizisten bei der Morgengymnastik vor ihren gesattelten Pferden auf die Knie. Es ist 8.30 Uhr. Schwitzige Hände schütteln sich. Die schwerbewachte Polizeistation liegt auf einem Hügel zwischen dem mehrheitlich von arabischen Israeli bewohnten Nazareth und der jüdischen Stadt Kiryat Ata. Hier arbeitet der 62-jährige Jamal Hakrush. Er ist der erste Araber, der zum Polizeivizepräsident, dem zweithöchsten Rang in der israelischen Polizei befördert wurde. Vor drei Jahren finanzierte die israelische Regierung die Gründung einer neuen Abteilung: zur Verbesserung der Beziehung zwischen den arabischen Israelis und der israelischen Polizei im Land. Gilad Erdan, der Minister für öffentliche Sicherheit, sagte, die Abteilung solle siebzig Jahre Versäumnisse der israelischen Polizei ausbügeln. Bis 2021 sollen 18 Polizeistationen in arabischen Gemeinden gebaut werden, acht gibt es bereits. Außerdem soll die israelische Polizei diverser werden. Sie möchte 1300 arabische Polizisten rekrutieren. Viele arabische Israelis fühlen sich vom Staat Israel vernachlässigt. Fast zwei Drittel der Kinder leben unter der Armutsgrenze, die Arbeitslosigkeit ist hoch, viele Einrichtungen wie Krankenhäuser, Bahnhöfe und Schulen sind unterfinanziert. Einer Studie des israelischen Parlaments zufolge sagten nur 16 Prozent der Araber, dass die Polizei gut auf Verbrechen reagiere. Mehr als die Hälfte der Befragten gaben an, sie hätten Gewaltverbrechen nicht der Polizei gemeldet. Dazu kommt: Die israelische Polizei wird noch immer durch die Brille des Nahostkonflikts betrachtet. Jamal Hakrush muss diese Wahrnehmung ausgleichen – mit nur einer Polizeiabteilung. Keine leichte Aufgabe. Der Pressesprecher Yoni Mizrachi setzt sich beim Interview an die Tischecke. Das Gespräch unterbricht er nur wenige Male, vor allem um Hakrush zuzustimmen. Nur einmal hätte er es lieber gehabt, dass Jamal Hakrush eine Frage nicht beantwortet. Hakrush antwortet trotzdem.

Herr Hakrush, welches Bild hatten sie als Jugendlicher von der israelischen Polizei?
Ich sah die Polizisten in meiner Nachbarschaft als eine Kraft, die gegen die arabische Minderheit arbeitet. So sahen es alle in meiner Umgebung. Gleichzeitig war die Kriminalität schon damals hoch. Heute bin ich nicht der Meinung, dass die Polizei die arabische Minderheit in Israel komplett schlecht behandelt hat, aber es gab immer Differenzen. Und diese Differenzen lösten eine Vertrauenskrise zwischen den Bürgern und der Polizei aus. Als Polizist darfst du nicht von der Gemeinschaft getrennt sein, sonst gibst du ein Versprechen ab, das du im nächsten Moment nicht halten kannst.

Was fehlt der israelischen Polizei im Umgang mit den arabischen Gemeinden bisher?
Die Polizei war meist nur zur Überwachung in arabischen Gemeinden präsent und hat sich nicht unbedingt für die Verbesserung der Sicherheitssituation eingesetzt. Als Polizist möchte ich für die Menschen da sein und nicht nur das Gesetz einhalten. Die Menschen in den arabischen Gemeinden haben ein großes Bedürfnis nach Sicherheit. Und sie haben die Realität, die sie umgibt, klar im Blick.

Und doch kann der Bau solcher Polizeistation für die Bewohner auch erst einmal Überwachung bedeuten.
Wo eine Polizeistation steht, gibt es weniger Kriminalität. Die Bürger fühlen sich sicherer, wenn sie einen direkten Ansprechpartner haben. In Umfragen sehen wir, dass das Vertrauen zur Polizei wächst, wenn sie leicht erreichbar ist. In den letzten Jahren wurden uns immer mehr Verbrechen gemeldet, was vorher nicht passiert ist. Damit ist zwar die Statistik der Gewaltverbrechen in die Höhe gegangen, doch gleichzeitig konnten wir auch feststellen, dass das Vertrauen uns gegenüber wächst. Insgesamt konnten wir durch die Präsenz der Polizeistationen auch extreme Gewaltdelikte verhindern, einfach weil wir schnell vor Ort sein konnten. Natürlich schaffen es immer nur die schlechten Nachrichten in die Medien.

Wie sind Sie in die Position gekommen, in der Sie heute sind?
Ich habe ganz unten angefangen und mich mit viel Anstrengung nach oben gearbeitet. Ich gehöre zu einer Minderheit in Israel. Und die wird deutlich anders behandelt als die Mehrheit im Land. Ein Fehler, den ein jüdisch-israelischer Offizier in seiner Laufbahn begehen kann, den kann ich mir nicht leisten.

Können Sie Ihre eigene Erfahrung überhaupt einbringen?
Ich bin ein doppelter Botschafter. Zum einen versuche ich den arabischen Israelis aus meinen Städten klarzumachen, dass wir nicht gegen sie arbeiten und zum anderen muss ich die Polizisten innerhalb der Einheit für die den Umgang mit der arabischen Gemeinde sensibilisieren. Es ist nicht immer einfach, diese Brücken zu schlagen.

Sie bereiten junge muslimische Bewerber auf den Eignungstest vor. Was ist dabei am schwierigsten?
Am schwierigsten ist es, die jungen Leute davon zu überzeugen, dass die Polizei für sie und nicht gegen sie arbeitet. Und am Anfang standen wir vor einem Dilemma. Für die neue Abteilung brauchten wir arabische Rekruten. Und die Sprache blieb immer ein Problem. Aber die Kriterien für die Eignungstests sind für alle gleich. Wir überlegten, wegen der Sprachbarriere die Anforderungen etwas zu senken. Am Ende habe ich mich dagegen entschieden. Das hätte langfristig zu Ressentiments geführt. Ich wollte nicht, dass irgendjemand sagen kann, die Neuen wären nur zweite Garde und hätten es einfacher gehabt.

Israel hat sich im vergangenen Jahr zu einem rein jüdischen Staat erklärt und Hebräisch zur alleinigen Amtssprache gemacht. Hat das Ihre Arbeit erschwert?
(Der Pressesprecher Yoni Mizrachi beugt sich vor, sagt aber nichts)
Komplett offen kann ich meine Meinung hier nicht sagen. Ich trage diese Uniform, ich bleibe Polizist. Selbstverständlich hat dieses Gesetz das System, in dem ich mich täglich bewege, nicht verbessert. Und trotzdem hoffe ich, dass solche Entscheidungen unsere Arbeit nicht aufhalten.

Im letzten Jahr wurden 60 arabische Israelis ermordet. Bis zum Juli dieses Jahres schon 40. Was muss getan werden, um die Gewalt zu verringern, insbesondere an Orten, an denen es noch keine Polizeistationen gibt?
Es ist für mich sehr wichtig zu betonen, dass die arabischen Gesellschaft am meisten unter der Gewalt leidet und keine per se gewalttätige Gesellschaft ist, obwohl 53 Prozent der Gewaltverbrechen in der arabischen Gesellschaft passieren. Man muss immer die Umstände miteinbeziehen in diese Zahlen. Über 97,5 Prozent der arabischen Gesellschaft wollen ein normales Leben. Wir haben schwer mit den anderen 2,5 Prozent zu kämpfen, die 62 Prozent der Morde verüben.

Wie versuchen Sie, diese 2,5 Prozent zu erreichen?
Überall auf der Welt gilt die gleiche Formel in der Polizeiarbeit. Man kann die Verbrechensrate nicht eindämmen, ohne sich mit der Vertrauenskrise auseinanderzusetzen. Es ist eine einfache Gleichung. Wir müssen uns um die Bedürfnisse der 97,5 Prozent der arabischen Bevölkerung kümmern, die uns brauchen, und gleichzeitig müssen wir die Kriminalität bekämpfen. Nur so können wir langsam Brücken aufbauen.

Vor einigen Wochen kam es im TV-Dokudrama Jerusalem District zu einem Skandal. Die Serie begleitet die Polizei in Jerusalem bei ihrer Arbeit. Während eines Einsatzes hatte die Polizei in einem palästinensischen Haus eine Waffe platziert. Danach häuften sich immer mehr Manipulationsbeweise. Der israelische Rundfunk hat die Serie gesperrt. So etwas trägt nicht zum Vertrauen der arabischen Gemeinde bei.
Pressesprecher Yoni Mizrachi: Mir ist es lieber, wenn Sie diesen Vorfall nicht ansprechen.
Jamal Hakrush: Das ist schon ok. 

Es wurde ja nicht nur ein Verbrechen simuliert. Die israelische Polizei hat die Palästinenser, leichtfertig als Verbrecher dargestellt. Was soll ich sagen?
Ich rechtfertige nichts davon. Ich weiß, in welcher Realität ich aufgewachsen bin. Ich bin nicht von diesem Leben losgelöst. Menschen werden immer Fehler machen. Und ich bin nicht bereit, mich von einem solchen Vorfall verunsichern zu lassen. Pressesprecher Yoni Mizrachi: Ich betone noch einmal, Jerusalem unterliegt nicht dieser Abteilung.

Sie haben in den letzten drei Jahren 1350 neue Polizisten eingestellt. Davon nur 300 Muslime. Warum so wenige?
In den drei Jahren, in denen die neue Abteilung existiert, hatten wir mehr als 5000 arabische Bewerber. Das zeigt uns, dass die Polizei von der arabischen Bevölkerung immer besser angenommen wird. Trotzdem haben wir nur die Besten genommen.

Im Jahr 2018 allein wurden 24 Frauen von Familienmitgliedern ermordet. Wie geht die Polizei mit geschlechtsspezifischer Gewalt um?
Es tut mir sehr leid zu sagen, dass das ein sehr ernstes Problem ist. Wir müssen die Frauen davon überzeugen, dass wir ihnen helfen. Wenn eine Polizeistation im Stadtzentrum steht, kann das zum einen eine Abschreckungswirkung für Täter haben und den Frauen gleichzeitig das Gefühl geben, dass sie einen Ort haben, an den sie sich wenden können.

Wie viele Rekrutinnen hatten Sie in den vergangenen Jahren?
Wir haben 50 Frauen, die bei uns ausgebildet wurden. Einige von ihnen sind gläubige Musliminnen.

Interview: Franziska Grillmeier

Zur Person

Jamal Hakrush (62), ist der erste muslimische Polizeivizepräsident Israels. Er soll mit einer neuen Abteilung die Sicherheit in arabischen Gemeinden Israels verbessern soll. Oft gerät er dabei zwischen die Fronten.

Der Polizist stammt aus der Stadt Kafr Kana im Nordosten des Landes. Er arbeitete als Bauarbeiter, mit 21 Jahren ging er zur Polizei. 2016 wurde er Polizeivizepräsident.

Sicherheit ist eines der drängendsten Themen in den arabischen Gemeinden in Israel. Es gibt fast keine arabische Stadt innerhalb der israelischen Grenzen, in der in den vergangenen Jahren keine Schießerei stattgefunden hat. Laut einer Untersuchung der Knesset, des israelischen Parlaments, wurden zwischen 2014 bis Mitte 2017 64 Prozent der Morde in Israel an Arabern begangen. Dabei machen sie nur 21 Prozent der Bevölkerung aus.


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