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Leihmutterschaft und Eizellspende: „Ich plädiere für eine regulierte Zulassung“

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Von: Ruth Herberg

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Familientherapeutin Petra Thorn. Foto: Monika Müller
Familientherapeutin Petra Thorn. Foto: Monika Müller © Monika Müller

Sozialarbeiterin Thorn über das Tabu-Thema Leihmutterschaft, die Rolle der Beratung und das Risiko einer Kommerzialisierung

Frau Thorn, die Ampel-Koalition will neben einer Legalisierung der Eizellspende auch die Legalisierung der altruistischen Leihmutterschaft prüfen lassen. Wie ist hier der Stand der Debatte in Deutschland?

Öffentlich wird leider sehr wenig darüber debattiert. In den letzten Monaten wurde vor allem im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine über die Leihmutterschaft gesprochen und berichtet, dort ist sie erlaubt. Aber von einer öffentlichen Debatte hier habe ich eher wenig wahrgenommen. Deswegen ist es ein Schritt in die richtige Richtung, dass jetzt eine Enquete-Kommission diskutieren soll, ob die Leihmutterschaft und auch die Eizellspende zugelassen werden.

Warum wird in Deutschland so wenig darüber debattiert?

Für die Betroffenen ist das immer noch ein schwieriges und auch ein Tabu-Thema, weil es so intim ist. Und in der Politik will man sich, glaube ich, nicht mit diesen heiklen Themen auseinandersetzen, weil es die Meinungen spaltet.

Was sind die wichtigsten Aspekte, über die wir uns Gedanken machen müssen bei der Frage nach einer Legalisierung?

Da ist zum einen die Frage, wie eine Kommerzialisierung verhindert werden kann, also wie man mit der Bezahlung der Leihmutter umgeht. Darüber hinaus muss sichergestellt sein, dass die Behandlung der Leihmutter möglichst risikoarm ist, und auch eine psychosoziale Beratung ist ein wichtiger Bestandteil. Und es muss auch um eine sichere juristische Übertragung der Elternschaft gehen, dass also das Kind eindeutig den Wunscheltern zugeordnet wird. Wenn wir die Leihmutterschaft zulassen wollen, müssen wir zu allen diesen Punkten eine Haltung und eine Regulierung finden.

Weltweit ist die Leihmutterschaft nur in wenigen Ländern erlaubt, zum Beispiel in einigen US-Bundesstaaten. Welche Erfahrungen gibt es im Ausland?

In den USA wird das teilweise hochkommerziell betrieben, dort sind zum Beispiel Vermittlungsagenturen involviert. In Australien oder Neuseeland dagegen ist das Verfahren rein altruistisch, die Leihmutter darf also nicht bezahlt werden, erhält aber eine gedeckelte finanzielle Kompensation. England ist zwischen diesen beiden Polen. Dort wird zudem viel Forschung zu diesem Thema durchgeführt, daher wissen wir, dass sich die Kinder gut entwickeln, dass auch die Familiendynamik unauffällig ist. Und eine Studie hat gezeigt, dass die größte Sorge der Leihmutter sein kann, dass die Wunscheltern das Kind nicht annehmen. Das widerspricht unserer intuitiven Vermutung, dass es der Leihmutter grundsätzlich schwer fällt, das Kind nach der Geburt abzugeben.

Zur Person

Petra Thorn ist Sozialarbeiterin und Familientherapeutin und bietet in ihrer Praxis in Mörfelden psychosoziale Kinderwunschberatung an. Von 2016 bis 2020 war sie Mitglied im Deutschen Ethikrat. thh

Gibt es einen Kompromiss, über den wir in Deutschland nachdenken könnten?

In der Leopoldina-Stellungnahme zur Fortpflanzungsmedizin von 2019, an der ich mitgearbeitet habe, haben wir einen Kompromiss formuliert. Das Verbot könnte aufrechterhalten werden, aber wir Fachkräfte sollten die psychosoziale und medizinische Beratung straffrei durchführen können. Kinder müssen nach einer Leihmutterschaft im Ausland hier in Deutschland rechtlich sicher ihren Eltern zugeordnet werden. Und wir haben empfohlen, die Erfahrungen in anderen Ländern intensiv zu beobachten und die Frage der Zulassung in einigen Jahren noch einmal zu evaluieren.

Wie würden Sie persönlich entscheiden?

Ich plädiere mittlerweile für eine regulierte Zulassung der Eizellspende und der Leihmutterschaft. Meine große Sorge ist, dass wir ansonsten das Embryonenschutzgesetz, das beides verbietet, in den nächsten 20 Jahren wieder nicht anfassen und wir keine Weiterentwicklung haben.

Unter welchen Bedingungen würden Sie die Leihmutterschaft legalisieren?

Wichtig wäre für mich, dass es keine kommerzielle Leihmutterschaft gibt, aber eine angemessene Entschädigung für die Leihmutter. Sie muss sorgsam ausgewählt werden, und es muss eine verbindliche und umfassende medizinische, juristische und psychosoziale Beratung geben. Und es muss einen niedrigschwelligen Zugang zu Beratung und Begleitung auch während der Schwangerschaft und nach der Geburt geben. Die betroffenen Eltern haben viele Fragen, oft auch noch Jahre nach der Leihmutterschaft, wenn es zum Beispiel um die Aufklärung des Kindes geht. Der Zugang zu Beratung muss daher lange offen bleiben.

Interview: Ruth Herberg

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