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Ein irakischer Gefangener kann seinen Sohn nur ansehen, als der ihn durch die Scheibe des Gefängnisses in Abu Ghraib küsst.

"Ich nenne das Hurra-Journalismus"

Vom richtigen Ticken: Warum die deutschen Medien den Folterskandal von Abu Ghraib verschliefen"Drei so genannte Leitmedien wollen von den Folterungen im Gefängnis Abu Ghraib nichts gewusst haben: RTL-aktuell, Bild und Focus. Das ist ein journalistischer Offenbarungseid", sagt Medienexperte Horst Müller. Dossier: Der Irak-Krieg und die Folgen

Frankfurter Rundschau:Herr Müller, hätten die deutschen Medien schon früher über die Folterungen irakischer Gefangener durch US-Soldaten berichten können?

Horst Müller: Nicht können, sondern müssen. Es gab bereits 2003 Berichte von amnesty international, in denen die Übergriffe beschrieben wurden. Es gab Zeugenaussagen, und es gab sogar eine Pressemitteilung des amerikanischen Verteidigungsministeriums, in denen die Anklagepunkte bestätigt wurden. Mit anderen Worten: Die Beschuldigten haben die Folterungen selbst eingeräumt. Da fragt man sich, was es noch braucht, damit berichtet wird. Anscheinend muss man den deutschen Medien erst die Gefolterten vor die Tür legen.

Stattdessen wurde hier erst berichtet, nachdem am 28. April die Sendung "60 Minutes II" auf dem US-Sender CBS eine Reportage über die Folterungen brachte.

Aber selbst da mit Verzögerung. Die Nachrichtenagentur dpa hat 15 Stunden gebraucht, um die Meldung, die bei CBS lief, wiederzugeben - ohne zusätzliche Recherche. Da haben sämtliche Korrespondenten im Tiefschlaf gelegen, obwohl die CBS-Sendung zuvor den ganzen Tag im Fernsehen angekündigt worden war.

Wie erklären Sie sich das Versäumnis?

Mit Einführung von CNN hat sich der Job des Korrespondenten grundlegend gewandelt. Er ist nicht mehr Primär-, sondern Sekundärberichterstatter und schaut, was die anderen machen, anstatt selbst Themen und Prioritäten zu setzen. Zu Hause in den Redaktionen dasselbe Bild: Da gilt nicht das Wort des Korrespondenten, sondern was andere Zeitungen und Sender berichten. Ich nenne das Hurra-Journalismus. Was Tagesschau oder Spiegelmelden, wird einfach übernommen, da wird gar nicht mehr geguckt, ob das richtig ist, sondern nur noch, wie groß die anderen das Thema machen. Erst dann traut man sich selbst.

Im Falle von Abu Ghraib war aber selbst der "Spiegel" spät dran.

Unheimlich spät. Die hatten sogar noch wenige Tage vor dem CBS-Beitrag einen Titel über die Amerikaner im Irak, ohne auch nur mit einem Wort die Folterungen zu erwähnen. Spiegel-Chef Stefan Aust muss das Versäumnis wohl bemerkt haben, denn dann hat der Spiegel schnell einen Titel über die Folterungen gemacht. Anschließend zogen alle nach. So funktioniert das.

Auf dem Titel war das Foto eines Gefangenen mit Kapuze über dem Kopf und Drähten an den Händen.

Es braucht wahrscheinlich diese schrecklichen Bilder, damit deutsche Medien berichten. Sie müssen sich allerdings fragen lassen, ob sie letztendlich nur die Story zu den Bildern gesucht haben, oder ob tatsächlich die Geschichte im Vordergrund stand. Ich bin da pessimistisch.

Es gab ja sogar schon vorher Fotos.

Ja, es gab dieses Bild von einem Iraker mit einer Kapuze über dem Kopf, der seinen Jungen im Arm hält ...

Es gibt auch schon lange die Bilder aus Guantanamo von gefesselten Irakern mit Knebeln im Mund und Säcken über den Köpfen.

Schlimmer noch. Es gab sogar eine offizielle Begehung, als Abu Ghraib von den Amerikanern übernommen wurde. Aber nur einigen wenigen Journalisten fiel auf, dass da gefesselte Gefangene bei 50 Grad in der Sonne saßen und das möglicherweise mit den Menschenrechten unvereinbar war.

Sind wir Journalisten schon zu abgestumpft?

Es gab am Anfang des Kriegs ein ganz perverses Foto: Eine attraktive US-Offizierin bewachte Gefangene. Das war so eine Art Domina. Das Bild lief überall, etwa in Bild. Alle fanden das toll, da wurde richtig nett drüber berichtet.

"Bild" hat sehr zögerlich über die Folterungen berichtet.

Da ist man mit Amerika-Kritik sehr zurückhaltend und macht lieber große Geschichten über heldenhafte US-Soldaten, die ihre Kameraden retten. Oder über Saddam Hussein im Erdloch. Das war wirklich auffallend zurückhaltend, wenn man schaut, in welchem Umfang und mit welch brachialen Methoden die Bild-Zeitung sonst vermeintliche Skandale anrührt. Im Falle Abu Ghraib aber wurde anscheinend nur darauf gewartet, dass es pro-amerikanische Berichtselemente gab.

Sie haben in ihrer Untersuchung von "Bild" die Antwort bekommen, dass es vorher keine Beweise gab für die Vorwürfe.

Es geht ja noch weiter. Die haben allen Ernstes behauptet, dass sie nichts wussten. Und nicht nur Bild. Drei so genannte Leitmedien wollen von den Folterungen nichts gewusst haben: RTL-aktuell, Bild und Focus. Das ist ein journalistischer Offenbarungseid.

Warum haben die Korrespondenten vor Ort nicht reagiert?

Denen kann man keinen Vorwurf machen. Die sind dort in einer schwierigen Lage, manche werden dauerhaft bedroht und bewusst von Informationen abgeschnitten. Die Leute in den warmen Büros sind das Problem. Bei denen laufen alle Informationen zusammen, die müssen die Aufmerksamkeit ihrer Mitarbeiter schärfen.

Ist nicht auch die wirtschaftliche Krise ein Grund für schlechteren Journalismus, weil einfach kein Geld mehr für Recherche da ist?

Das ist schon möglich. Es traut sich in den Chefetagen der Verlage offenbar niemand mehr, den Journalisten den Rücken freizuhalten und sie ausdauernder recherchieren zu lassen. Stattdessen muss immer der schnelle Erfolg her, eine exklusive Geschichte. Dabei erreicht man so das Gegenteil. Nennen Sie mir mal eine exklusive Geschichte in den letzten Jahren aus Spiegel, Stern oder Focus, die die Welt bewegt hätte.

Dabei sind doch die Möglichkeiten so gut wie noch nie.

Vielleicht sind sie zu gut. Sie können heute am Schreibtisch mit dem Internet und elektronischen Datenbanken alles in Minuten recherchieren, wofür Sie früher Tage unterwegs waren. Das führt dazu, dass die Journalisten die Informationen kaum noch hinterfragen. Es gibt so viele Belege, dass im Fall des Irak Fakten ignoriert wurden, die nicht in appetitlichen Info-Häppchen aufbereitet waren. Viele Redakteure lesen die Pressemitteilungen nicht richtig, weil sie nur noch in Schlagzeilen denken.

Die Berichte von Organisationen wie amnesty international sind aber auch schwer verdaulich.

Das ist eine Katastrophe. Die Berichte stimmen zwar, sind aber sprachlich so verkrustet, das liest kein Mensch. Die müssten viel mehr zusammenfassen und Überschriften machen, an denen man hängen bleibt.

Wieso machen die es nicht besser?

Ich denke, es gibt da so eine innere Ablehnung gegen alles, was zu kommerziell wird, zu populistisch. Damit will man sich nicht gemein machen.

Beruht eine gewisse Ablehnung nicht auf Gegenseitigkeit, weil viele Journalisten amnesty für einen Haufen von idealistischen Gutmenschen halten?

Absolut. Weil sich da ein paar Promis wie Herbert Grönemeyer engagieren, nimmt man die mal aus Höflichkeit so mit oder schaut mal nett bei der Jahrestagung vorbei. Das war's aber auch.

Ist das also auch eine ideologische Frage? Immerhin haben Sie festgestellt, dass alternative, linke Medien wie die "taz" und die "Junge Welt" wesentlich früher über Abu Ghraib berichtet haben.

Deren Leser hatten einen absoluten Wissensvorsprung gegenüber den Nutzern der so genannte Leitmedien wie Spiegel oder ARD. Das ist aber nicht nur eine Frage der Ideologie, sondern auch der Konventionen. Diese Journalisten schotten sich nicht so sehr ab und nehmen nicht so viel Rücksicht auf den Mainstream. Während sich die anderen noch mit den Anschlägen auf die Amerikanern beschäftigten oder über Saddam im Erdloch berichteten, waren die schon viel weiter.

Die anderen haben die Meldungen in ihrem Internetangebot versenkt. Ist das so eine Art Abladeplatz für Geschichten, denen man nicht traut?

Man muss fast das Gefühl haben. Das ZDF hat in unserer Befragung gesagt, man hätte keine Beweise und genaueren Kenntnisse gehabt. Tatsächlich standen im Internetangebot des ZDF schon vorher eigene Berichte mit detaillierten Zeugenaussagen. Auch Spiegel-Chef Aust hat uns wissen lassen, dass es vor dem 28. April "keine konkreten Vorgänge" gegeben habe. Dabei hatte Spiegel-online rund einen Monat zuvor die Meldung verbreitet, dass US-Soldaten Iraker misshandelt haben sollen.

Glauben Sie, dass die Untersuchung zur Selbstkritik in den Medien beiträgt?

Es gibt in diesem Land einen Riesen-Mainstream, und die Wenigen, die dagegen berichten, werden nicht ernst genommen, sondern an die Seite gedrängt. Dabei könnten sich auch ARD undSpiegel, die immer diese Attitüde der Allwissenheit vor sich hertragen, einmal kritisch mit sich selbst auseinander setzen. Aber die werden sagen: Das ist so ein Spinner von einer kleinen Ossi-Hochschule - was will der uns kritisieren. Der tickt doch wohl nicht richtig.

Interview: Oliver Gehrs

Dossier: Der Irak-Krieg und die Folgen

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