Sinnbild eines Lebens im Exil: Kurt Maier an seinem Arbeitsplatz in der Kongressbibliothek.
+
Sinnbild eines Lebens im Exil: Kurt Maier an seinem Arbeitsplatz in der Kongressbibliothek.

USA

„Ich möchte erzählen, wie es war“

  • Karl Doemens
    vonKarl Doemens
    schließen

Als Kind musste Kurt Maier vor den Nazis fliehen. Mit 89 ordnet er die Bibliothek des US-Kongresses – und leistet im Schwarzwald Erinnerungsarbeit. Dafür bekommt er heute das Bundesverdienstkreuz.

Im fünften Stock ist erst einmal Schluss. Der Aufzug im Madison Building des amerikanischen Kongresses bleibt wegen Reparaturarbeiten eine Etage unter der Cafeteria stehen. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, müssten wir die Treppe nehmen“, sagt Kurt Salomon Maier entschuldigend. Seine Stimme hat einen leichten badischen Akzent. Bevor der Besucher antworten kann, hat der 89-Jährige schon die ersten Stufen genommen. Seine Zeit ist knapp. In einer Stunde muss er zurück zu den Büchern.

Seit mehr als 40 Jahre arbeitet Maier in der Library of Congress, der größten Bibliothek der Welt. Jeden Morgen um sieben Uhr sitzt der Mann mit akkurater Krawatte unterm Pullunder an seinem Schreibtisch im Großraumbüro. Die mit Stellwänden und Regalen voller deutscher Literatur abgetrennte Nische ist sein Rückzugsort – und das Sinnbild eines Lebens im Exil.

Maier wurde im badischen Kippenheim geboren, hat aber fast sein ganzes Leben in den USA verbracht. Er ist stolzer Besitzer eines US-Passes, hat hier bei der Army gedient, studiert und geheiratet. Aber: „Die Sprache, das Essen, die Literatur“, sagt er nachdenklich: „Deutschland ist für mich immer noch mehr Heimat.“ Eine Heimat, die dem Juden im Alter von zehn Jahren geraubt wurde, als er mit seinen Eltern und seinem Bruder in letzter Minute vor dem Holocaust fliehen musste.

Maier 1935 mit seinem kleinen Bruder Heinz und den Eltern.

Das emotionale Bekenntnis zu den deutschen Wurzeln ist nicht die einzige Überraschung einer eindrucksvollen Begegnung. Wenn man einen Zeitzeugen trifft, dessen jahrzehntelanges Engagement für „Erinnerung, Versöhnung und das deutsch-amerikanische Verhältnis“ mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt wird, erwartet man unwillkürlich eine noble, aber auch etwas distanzierte Respektperson, die den Banalitäten des Alltags enthoben ist. An diesem Montag wird Maier der Orden in der Deutschen Botschaft in Washington verliehen – eine seltene Auszeichnung. Aber der Geehrte redet mit einer Natürlichkeit und Leichtigkeit über sein außergewöhnliches Leben, als wäre er der freundliche Nachbar von nebenan. Seine wachen Augen signalisieren Neugier auf Neues, sein Wesen ist zugewandt, und sein Humor vertreibt jeden Anflug von Beklommenheit.

„Ich hole mir noch schnell einen Sprudel“, nutzt Maier ein selten gewordenes deutsches Wort, nachdem er seinen Pappteller etwas lustlos mit Kartoffelbrei und Gemüse befüllt hat. Mit der badischen Küche kann die Washingtoner Bibliothekskantine eindeutig nicht mithalten. Trotzdem bleibt die amerikanische Baseball-Kappe auch beim Essen auf dem Kopf, und gelegentlich mogeln sich ein paar englische Begriffe in das Gespräch.

Die frühe Kindheit des 1930 Geborenen verlief unbeschwert. Seine Mutter betrieb einen kleinen Lebensmittelladen, sein Vater reiste als Handelsvertreter für Stoffe durch den umliegenden Schwarzwald. Jüdische und christliche Kinder besuchten in Kippenheim gemeinsam die Schule. Nach der Machtergreifung der Nazis wähnte der Vater als Erster-Weltkriegs-Soldat sich und seine Familie wie viele patriotische Juden zunächst geschützt. Doch dann kam die Pogromnacht von 1938 und schließlich der 22. Oktober 1940, an dem 6500 Juden aus Baden zwangsdeportiert wurden. „Wir hatten zwei Stunden Zeit, unsere Sachen zusammenzupacken“, erinnert sich Maier. Der Vater steckte sich die Reichswehr-Nadel an. „Die wird Ihnen nichts nützen“, sagte ein SS-Mann eiskalt.

Es folgte eine Odyssee zwischen Leben und Tod. Sie führte über ein Internierungslager in Südfrankreich, wo die Familie den Winter zwischen Ratten in ungeheizten Holzbaracken verbringen musste, bis nach Marokko. Am Ende allem hatten die Maiers Glück: Anders als viele badische Juden endeten sie nicht in den Gaskammern von Auschwitz, sondern bekamen dank der Bürgschaftserklärung amerikanischer Verwandter US-Einreisevisa, die ihnen das Leben retteten. In Casablanca ergatterten sie Tickets für die Passage über den Atlantik. Am 9. August 1941 liefen Kurt, sein Bruder Heinz und die beiden Eltern auf dem portugiesischen Dampfer „Nyassa“ endlich im rettenden Hafen von New York ein.

Maier erinnert sich an diese dramatischen Monate noch genau. Und er will, dass auch andere nicht vergessen. Deshalb hat er seine Geschichte in den vergangenen Jahren mehr als hundertmal in deutschen Schulen und Kirchengemeinden erzählt. Dafür wird er nun mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Doch vor dem Beginn seiner Vortragsreisen in den 1990er Jahren musste er zunächst in der neuen Welt Fuß fassen.

Das Leben nach der Flucht beginnt für den Elfjährigen in der Bronx, dem nördlichsten Stadtteil von New York, wo viele deutsche Auswanderer wohnen und seine Familie zunächst bei Verwandten unterkommt. „Wir nannten die Bronx scherzhaft das Vierte Reich“, sagt Maier. Er erinnert sich an deutsche Bäckereien und jüdische Metzgereien, wo es koschere Leberwurst und Landjäger gab: „Das war für mich das Größte“. Der Vater arbeitet zunächst in einer Fabrik und beginnt dann, als Händler mit Hemden und Stoffen von Haustür zu Haustür zu ziehen: „Immer, wenn da ein deutscher Name stand, hat er geklingelt.“ Selbstverständlich wird Zuhause am Esstisch Deutsch gesprochen.

Sohn Kurt besucht die Public School, dann die High School. Er jobbt im Supermarkt und bei der Post, erwirbt die amerikanische Staatsangehörigkeit und beginnt schließlich ein Studium an der Columbia University, wo er auch seine spätere Ehefrau kennenlernt, die 2007 gestorben ist. Anders als seine Eltern, die nie mehr nach Deutschland zurückkehrten („Sie waren verbittert“), betritt Kurt Maier als junger Erwachsener wieder deutschen Boden: Sein Militärdienst führt ihn 1952 in den Hunsrück. Er nutzt die Zeit für eine Fahrt nach Kippenheim und fotografiert die verwaiste Synagoge: „Es war ein seltsames Gefühl.“

Doch für den Bücherliebhaber gibt es immer auch das andere Deutschland, das er liebt – die Heimat von Goethe, Thomas Mann, Nietzsche und Stefan Zweig. Maier promoviert über „Das Bild des Juden in der deutschen Nachkriegsliteratur“, er gibt Amerikanern in New York Deutschunterricht, und vor allem verschlingt er Berge von Büchern. So ist es eigentlich nur konsequent, dass sein beruflicher Werdegang ihn 1978 schließlich an jenen Ort führt, wo es mehr Bücher gibt als irgendwo in der Welt – in die Kongressbibliothek auf dem Washingtoner Kapitolshügel. Dort ist Maier seither gemeinsam mit zwei Kollegen für die Erfassung der deutschen Belletristik und Sachliteratur zuständig. Pro Buch dauert das eine halbe Stunde. Jeden Tag kommen mehrere Kisten mit neuen Druckwerken. Die Arbeit geht nicht aus.

Eine kleine Führung nach dem Mittagessen vermittelt einen Eindruck von der faszinierenden Geisteswelt, die Lichtjahre von den rohen politischen Schlachten entfernt zu sein scheint, die wenige hundert Meter entfernt täglich im Kongress geschlagen werden. Leicht gebeugt, aber voller Energie, stürmt Maier an den deutschen Neuerscheinungen vorbei durch ein Labyrinth von Bücherregalen in die chinesische Abteilung, wo es seltene Folianten zu bestaunen gibt. Dann besucht er einen befreundeten Kollegen, der gerade ein kurdisch-englisches Wörterbuch veröffentlicht hat, und steuert an mehreren Stapeln mit arabischen Zeitungen vorbei zurück zu seinem Schreibtisch.

Doch Maier will sich in seinem Geviert in der Kongressbibliothek nicht einmauern. Als er Anfang der 1990er Jahre von einer kirchlichen Initiative in seine badische Heimat eingeladen wird, besteigt er ein Flugzeug und berichtet Jugendlichen im Schwarzwald über sein Leben. „Einige Lehrer haben gesagt: Wir wünschten, die Schüler würden bei uns so aufmerksam zuhören“, amüsiert er sich. Der Austausch macht ihm Freude. Seither fliegt er fast jedes Jahr für zwei Wochen nach Freiburg, Baden-Baden, Heidelberg und Kippenheim. Morgens redet er vor Schulklassen. Am Abend stellt er sich Gesprächsrunden in kirchlichen Einrichtungen. Dafür opfert er seinen Jahresurlaub. Seit mehr als 25 Jahren.

„Ich möchte erzählen, wie es war“, beschreibt der Pendler zwischen den Kontinenten seine Motivation. Doch bleibt er nicht in der Geschichte stecken. Er wolle demonstrieren, „wie es ist, auf Wanderschaft zu gehen und keine Heimat mehr zu haben“, sagt Maier. Bewusst bezieht er sich auch auf die aktuellen Flüchtlingsschicksale von Syrien bis Myanmar. Dass ihn vor einiger Zeit eine muslimische Schülerin nach dem Vortrag fragte, ob sie ihn umarmen dürfe, hat ihn tief berührt. Und er mahnt, die Freiheiten einer liberalen Gesellschaft nicht für selbstverständlich zu halten: „Man muss aufpassen. Das kann alles schnell gehen.“

Die Mittagspause ist vorbei. Maier muss sich wieder den Büchern widmen. Seinen diesjährigen Urlaub hat er bei einem kranken Cousin in Israel verbracht. Doch das sei eine Ausnahme gewesen, versichert er: „Nächstes Jahr fahre ich bestimmt wieder nach Deutschland.“

Kommentare