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Ukraine-Krieg: Hunderttausende verlassen Russland – „Ich kann nicht zurück“ 

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Von: Viktor Funk

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Aus Russland Ausgewanderte in einer Bar in der georgischen Hauptstadt Tiflis.
Aus Russland Ausgewanderte in einer Bar in der georgischen Hauptstadt Tiflis. © AFP

Aus politischen und ökonomischen Gründen kehren viele Menschen ihrer Heimat Russland den Rücken. Ein Ende der Auswanderung ist nicht in Sicht.

Eigentlich habe er Glück gehabt, erzählt Michael Rubin. Der gebürtige Moskauer geht durch die Straßen der georgischen Hauptstadt Tiflis, beim Telefonat sind Autogeräusche zu hören, Hunde bellen. Er habe Russland schon vor der aktuellen Ausreisewelle verlassen, er hatte Zeit, sich einzurichten. „Jetzt kommen viele hierher, die Mietpreise steigen.“ Rubin verließ Russland fast zeitgleich mit seinem Kollegen Dmitrij Sucharew (39) im vergangenen Sommer.

Beide sind politische Aktivisten und Journalisten, beide recherchierten für die Organisation FBK, die der inhaftierte russische Oppositionelle Alexej Nawalny gegründet hatte. Der Fokus ihrer Arbeit liegt auf den Machenschaften und Korruptionsfällen der politischen Elite Russlands.

Russland: Aktivisten fliehen nach Repressionen

Im Sommer 2021 wurde Sucharew auf einem Polizeirevier in St. Petersburg verhört, bei Rubin und seinen Eltern gab es Durchsuchungen in Moskau. Dann, so berichten beide unabhängig voneinander, hätten sie innerhalb weniger Stunden das Land verlassen.

„Wir dachten, das sind Säuberungen vor der Duma-Wahl im September, aber jetzt verstehen wir, dass die Säuberungen wohl anderen Vorbereitungen dienten“, erzählt Sucharew. Er und Rubin seien Nachbarn in Tiflis.

In letzter Zeit seien weitere Bekannte, Freunde und Kolleg:innen nachgekommen. „Ich kenne mindestens 40 Leute, die in den vergangenen Wochen Russland verlassen haben“, sagt Sucharew.

„Hier in Tbilissi sind inzwischen sehr viele russische Journalisten“, erzählt Rubin. Er selbst sei zuerst in die USA ausgereist und von dort nach Georgien. Bei den Durchsuchungen in seiner Wohnung hätten Ermittler sich vor allem für seinen Laptop interessiert, sagt er. „Dann fanden sie auch meinen Reisepass und haben ihn ganz oben auf alle Unterlagen gelegt. Vielleicht war das ein Zufall, vielleicht war das auch ein Hinweis an mich.“

Wer erst in den vergangenen Wochen auswanderte, stößt auf Probleme, die bis vor kurzem noch undenkbar waren: So funktionieren die in Russland registrierten Kreditkarten Visa und Mastercard auch im Ausland nicht. Viele, die sehr kurzfristig ausgereist waren, kommen an ihr Geld nicht ran.

Istanbul wird zu einer Drehscheibe für russische Emigranten

Unter den Ausgewanderten gibt es jene, die nur einen russischen Inlandspass haben und damit zum Beispiel nach Armenien oder Kasachstan reisen können. Anderen öffnet der Reisepass weitere Möglichkeiten, sie gehen zum Beispiel nach Istanbul, das laut der „Neuen Züricher Zeitung“ zu einem neuen Hotspot für russische Emigrierende geworden ist – wie vor mehr als 100 Jahren nach der Oktoberrevolution.

Und wiederum andere haben Visa für die USA, Kanada oder ein Schengen-Visum. Sie können in die EU, wie etwa Lisa Alexandrowa-Sorina. Sie ist Schriftstellerin, Journalistin und politische Aktivistin. Ihre neue Heimat heißt Stockholm.

Vor dem Konsulat in Montreal, Kanada, verbrennt ein Mann seinen russischen Pass.
Vor dem Konsulat in Montreal, Kanada, verbrennt ein Mann seinen russischen Pass. © ANDREJ IVANOV/AFP

Mehrfach war sie in Russland inhaftiert, weil sie zur Unterstützung des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny demonstriert hatte. Das Gefängnis habe sie nicht gefürchtet, erzählt sie. „Das war Erfahrung für mich. So sammelte ich Material für Artikel oder Bücher.“

Schon früher war Stockholm ihre Wahlheimat, dort verarbeitete sie die Erfahrungen, die sie in Russland machte. 2021 erschien ihr neuer Roman „Die Russen kommen“ auf Russisch und Schwedisch. Wann sie zu neuen Recherchen nach Russland aufbrechen kann, ist ungewiss.

Russland: Rund 300.000 Menschen sind schnell ausgereist

Genaue Zahlen über die jüngst Ausgewanderten sind schwierig zu ermitteln. Beliebte Fluchtländer sind Finnland, die baltischen Staaten, Georgien, Armenien und die Türkei. Laut dem georgischen Innenministerium trafen dort in den ersten drei Wochen seit Kriegsbeginn am 24. Februar mehr als 30.000 Russinnen und Russen ein, 18.000 von ihnen reisten weiter. In Israel kamen bis Ende März knapp 12.000 Russen an.

Das Portal okrussians.org kommt auf mindestens 300.000 Menschen, die kürzlich Russland verlassen haben. Die Seite ist ein Projekt, das unter anderem der ehemalige Journalist Mitja Aleschkowskij verantwortet. Das Projekt will russischen Staatsbürgern helfen, die aufgrund von Kritik der russischen Politik in Not geraten sind und das Land verlassen wollen. In einer Umfrage unter 1500 Ausgereisten fanden die Initiatoren von okrussians.org heraus, dass deren Durchschnittsalter 32 Jahre ist, 80 Prozent haben einen Hochschulabschluss.

Russland: IT-Spezialisten verlassen das Land

Über eine Gruppe von Emigranten berichtete auch die russische Nachrichtenagentur Interfax. Demnach wären allein im März mindestens 70.000 IT-Spezialisten ausgereist. „In der zweiten Welle im April werden mit Sicherheit wieder mindestens 70.000 bis 100.000 Menschen das Land verlassen – und das sind nur IT-Fachkräfte“, zitierte Interfax den Russischen Verband für digitale Kommunikation.

Die Flucht der IT-Unternehmen aus Russland hat wohl in erster Linie mit dem Boykott westlicher digitaler Konzerne des russischen Marktes zu tun. Der Schock für die russische Regierung führte dazu, dass sie IT-Beschäftigte vom Militärdienst freistellte sowie den Unternehmen Steuererleichterungen zusagte. Ob das hilft, ist fraglich.

Die FR sprach mit einem IT-Unternehmer, der jetzt ebenfalls in Tiflis lebt, er möchte sich nicht zur Politik äußern. Wie wahrscheinlich viele IT-Spezialisten habe er Russland in erster Linie deshalb verlassen, „weil IT ohne freies Internet nicht funktioniert“.

Vor allem aber verliert Russland kritische Geister. Fast alle oppositionellen Medienschaffenden sind weg. Wer bleibt, riskiert Angriffe, wie Dmitri Muratow.

Russland: Chefredakteur der „Nowaja Gaseta“ angegriffen

Der Chefredakteur der unabhängigen Zeitung „Nowaja Gaseta“ ist am Donnerstagabend in einem Zug von Unbekannten mit ätzender Farbe angegriffen worden. Den Tätern muss bekannt gewesen sein, dass der Friedensnobelpreisträger für den bestimmten Fernzug ein Ticket gekauft hatte – unwahrscheinlich, dass keine staatlichen Organe hinter der Tat stecken. Die Zeitung selbst kann in Russland seit gut zwei Wochen nicht mehr arbeiten und eröffnete in dieser Woche einen europäischen Ableger unter den Namen „Novaya Gazeta. Europe“.

Fast zeitgleich mit dem Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine hatte die russische Regierung das Presserecht so verschärft, dass kein kritischer Bericht mehr über den Ukraine-Krieg möglich ist, ohne die Existenz eines Mediums und bis zu 15 Jahre Haftstrafe für die Journalist:innen zu riskieren.

Flucht aus Russland: „Ich wollte gar nicht weg“

Nikolai, (Name von der FR geändert), war Moskauer Reporter in der Ukraine. Er begleitete die Maidanrevolution und berichtete später von dem Krieg in der Ukraine, den Russland seit 2014 unterstützte, sowie von der Annexion der Krim. „Ich bin immer wieder in die Ukraine gereist, dort konnte ich frei atmen, nicht so wie in dieser politischen Atmosphäre in Moskau.“ Auch er befindet sich heute in Georgien.

Ihre Ablehnung des Krieges haben auch einige Promis erklärt und Russland verlassen, darunter die Filmschauspielerin Tschulpan Chamatowa. Sie lebt heute in einem baltischen Staat und will nicht wieder nach Russland. „Um dort zu überleben, müssen wir lernen, zu schweigen und zu lügen“, erklärte sie in einem Video.

Die alte Heimat ist für viele Russinnen und Russen zu einem Ort geworden, den sie fürchten. „Ich liebe Moskau, ich wollte gar nicht weg“, sagt der Aktivist Rubin. „Aber jetzt bin ich Bürger eines Staates, in den ich nicht mehr zurückkehren kann.“ (Viktor Funk)

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