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„Ich bin immer noch ein Krieger“

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Der frühere US-Außenminister Colin Powell.
Der frühere US-Außenminister Colin Powell. © dpa

Der frühere US-Außenminister Colin Powell hat mit seiner Rede vor den Vereinten Nationen dem Angriff auf Bagdad den Weg bereitet und die ganze Welt getäuscht. Ein Gespräch über falsche Geheimdienstinformationen, einen falschen Krieg – und einen richtigen Präsidenten.

Der frühere US-Außenminister Colin Powell hat mit seiner Rede vor den Vereinten Nationen dem Angriff auf Bagdad den Weg bereitet und die ganze Welt getäuscht. Ein Gespräch über falsche Geheimdienstinformationen, einen falschen Krieg – und einen richtigen Präsidenten.

Colin Powell war von 2001 bis 2004 der beliebteste Politiker im Kabinett von Präsident George W. Bush – in den USA wie im Rest der Welt. Man versteht das schnell, denn er spricht freundlich, offen, höflich, sicher. Bis das Gespräch auf den Irak-Krieg kommt, der am 20. März vor zehn Jahren begann. Da windet sich der ehemalige Außenminister zwischen Reue und Loyalität; sein Ton wird ungeduldig und mitunter gereizt. Es ist das Kapitel seiner Karriere, das er lieber vergessen würde.

Mr. Powell, wissen Sie noch, wo Sie vor zehn Jahren waren, als Truppen der USA und anderer Staaten den Irak angriffen?

Ich war beim Präsidenten im Weißen Haus. Wir hatten an diesem Abend noch darüber debattiert, ob wir versuchen sollten, Saddam Hussein möglichst schnell zu erwischen. Wir entschieden uns, es zu versuchen. Deshalb mussten wir den Krieg einen Tag früher beginnen, als wir es geplant hatten. Ich war dabei, als der Präsident dem amerikanischen Volk erklärte, dass der Krieg begonnen hatte und wir den mutmaßlichen Aufenthaltsort von Saddam Hussein bombardierten. Wie sich herausstellte, war er dann doch nicht dort gewesen.

Wenige Wochen zuvor, am 5. Februar 2003, hatten Sie vor den Vereinten Nationen Ihre Rede gehalten, in der Sie angebliche Beweise für Massenvernichtungswaffen im Irak aufzählten. Waffen, die es nie gab. Diese Rede, die den Weg zum Krieg ebnete, haben Sie später als „Schandfleck“ Ihrer Karriere bezeichnet. Wie leben Sie mit dieser Bürde?

Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht auf diese Rede angesprochen werde. Und obwohl die Entscheidung für diesen Krieg damals von der gesamten US-Regierung, dem Pentagon und einer großen Mehrheit des Kongresses getroffen worden war, war ich am Ende derjenige, der auch die Vereinten Nationen überzeugen sollte. Ich hatte gegenüber dem Präsidenten ja selbst darauf gedrungen: Wenn wir dem Irak vorwerfen, dass er UN-Resolutionen bricht und nicht mit den UN-Waffeninspekteuren kooperiert, müssen wir unsere Sicht auch vor die UN bringen. Seitdem erinnert sich jeder an meine UN-Rede.

Weil Millionen an den TV-Schirmen zugeschaut haben, als Sie der Welt mit dieser Rede diesen Krieg verkauften. Der frühere deutsche Außenminister Joschka Fischer schrieb: „Die Beliebtheit und Glaubwürdigkeit des US-Außenministers ließen die Behauptungen als Fakten erscheinen.

Meine Rede wurde zur Anklage gegen den Irak schlechthin, sie hatte in den USA und dem Rest der Welt viele Menschen von der Notwendigkeit eines Eingreifens überzeugt. Leider enthielt sie Fehler. Ich muss mit diesem Makel leben.

In Ihrem neuen Buch „Leadership“ enthüllen Sie, das Dossier über mutmaßliche Massenvernichtungswaffen zur Vorbereitung für Ihre UN-Rede sei eine Katastrophe gewesen. Weil es Behauptungen aufstellte, die nicht durch Quellen belegt waren.

Jetzt dürfen Sie aber nichts durcheinander bringen: Ich habe das Dossier deshalb als Katastrophe bezeichnet, weil es so unstrukturiert war, dass ich all die Informationen nicht zu den Originalquellen des CIA und zum Lagebericht der Geheimdienste zurückverfolgen konnte. Ich hatte angenommen, dass das Büro der Nationalen Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice das Dossier zusammengestellt hatte. Ich wusste nicht, dass alles aus dem Büro des Vize-Präsidenten Dick Cheney kam?…

…?der im Gegensatz zu Ihnen schon früh auf einen Militärschlag gegen den Irak drängte.

Sein Stabschef Scooter Libby, ein Jurist, hatte aus der Geheimdienstbeurteilung eine Art Anklageschrift verfasst. Das war das Dossier, das mir vorlag.

Wieso sagten Sie die Rede nicht ab?

Ich war beunruhigt, aber nicht übermäßig besorgt, nur weil das Dossier schlecht strukturiert war. Wir haben es umgearbeitet und dabei auf die ursprünglichen Informationen zurückgegriffen. Es gab ja das Hintergrundmaterial des CIA – das dem Kongress bereits vier Monate zuvor vorgelegt worden war. Und der hatte es akzeptiert. Auch der Präsident und der Vizepräsident benutzten es, das Kabinett benutzte es. Alle unsere Führungsleute im Militär hielten es für zuverlässig.

Wie wir heute wissen, waren auch diese Geheimdienst-Informationen falsch. Sie schreiben nun, Sie ärgerten sich, dass Sie den Braten nicht rochen. Hätten Sie Ihren Zweifeln mehr nachgehen müssen?

Sie legen mir Worte in den Mund. Nochmal: Ich hatte vor meiner UN-Rede keinerlei Zweifel an den Einschätzungen unseres Geheimdienstes. Ich habe lediglich Mr. Libbys Zusammenfassung dieser Informationen abgelehnt. Danach haben mir CIA-Experten vier Tage lang geholfen, das Material sinnvoll zu strukturieren.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als sich abzeichnete: Es gibt keine Massenvernichtungswaffen?

Davon waren wir sehr überrascht. Wir hatten Hunderte Waffeninspekteure in den Irak geschickt. Sie alle meldeten: Wir können keine Massenvernichtungswaffen finden. So sah es aus, das war die Realität: Es gab keine Massenvernichtungswaffen. Unsere Informationen waren falsch.

Bis heute wird Ihnen vorgeworfen, die Welt und Ihr Volk belogen zu haben. Trifft Sie das?

Nochmal: Wir wussten damals nicht, dass die Geheimdienstinformationen falsch waren. Wir hielten sie für richtig. Ich habe vor den Vereinten Nationen nur Dinge vorgetragen, die mir abgesichert erschienen. Und ich werde wütend, wenn man mir vorwirft, ich hätte gelogen. Das habe ich nicht.

Europäische Staaten wie Frankreich und Deutschland waren von den vorgetragenen Kriegsgründen jedenfalls nicht überzeugt. Durch das Veto der Russen im UN-Sicherheitsrat wurde Ihr Einsatz sogar zum völkerrechtswidrigen Angriffskrieg. Hätten Sie besser auf „Old Europe“, wie US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld die Kriegsgegner gescholten hat, hören müssen?

Den Ausdruck „Old Europe“ habe ich nie verwendet! Außerdem ist die Frage zu simpel: Wer war im Recht, wer im Unrecht? Meine deutschen Freunde, meine russischen und französischen Kollegen schätzten die Notwendigkeit des Krieges anders ein als wir. Aber ich glaube nicht, dass auch nur einer der Kriegsgegner sagen würde, es gab kein Risiko, dass der Irak Massenvernichtungswaffen einsetzt.

In Ihrem Buch steht auch der Satz: „Hätten wir gewusst, dass keine Massenvernichtungswaffen existieren, hätte es keinen Krieg gegeben.“ War der Krieg ein Fehler?

Der Krieg basierte auf falschen Informationen. Aber ich bin froh, dass es Saddam Hussein nicht mehr gibt.

Aber Ihre Buchaussage lässt eigentlich keine Zweideutigkeiten zu: Ohne Massenvernichtungswaffen kein Krieg!

Ich wollte lediglich sagen: Obwohl ich befürworte, dass die Welt ein schreckliches Regime losgeworden ist, muss man auch festhalten: Wenn wir vorher gewusst hätten, dass es keine Massenvernichtungswaffen gab, hätte es keine Grundlage für den Einmarsch gegeben. Ja.

Die Bush-Administration kommt in Ihrem Buch nicht gut weg: Sie werfen ihr vor, den Irak zerbrochen, aber nicht die Verantwortung übernommen zu haben.

Nach dem Sieg brach in dem Land das Chaos aus. Viele Verantwortliche aus unserer Militärführung und im Verteidigungsministerium dachten, wir müssten nur Saddam Hussein loswerden, schon wäre alles in Ordnung. Aber der Sturz eines Unrechtsregimes machte die Kinder nicht satt und die Städte nicht sicher.

Sie kritisieren vor allem Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und den Chef der Übergangsverwaltung, Paul Bremer. Beide hätten einen von Präsident Bush gebilligten Plan, Saddams Armee und auch die Partei neu zu organisieren, nicht umgesetzt. Stattdessen lösten sie die Armee auf und setzten Parteimitglieder bis hin zum Lehrer auf die Straße.

Ja. Dabei wäre die Armee als einzige Institution in der Lage gewesen, das Land zu stabilisieren. Wir hätten sie nur mit neuen Kräften auffüllen und die gefährlichen Personen entfernen müssen. Dieser Plan wurde vom Pentagon über den Haufen geworfen. Das irakische Volk erwartete, dass wir die Lage stabilisieren würden. Das haben wir kein bisschen getan. Wir sahen stattdessen zu, wie die Revolten begannen und außer Kontrolle gerieten. Der Irak verwandelte sich eben nicht über Nacht wie durch ein Wunder in eine Demokratie.

Während des Irak-Kriegs kamen 100.000 Iraker ums Leben und 4487 US-Soldaten. Inzwischen hat Präsident Obama die Kampftruppen abgezogen. Was sehen Sie heute, wenn Sie nach Irak blicken?

Ich sehe eine Regierung, die intern streitet, genau wie das die deutsche oder jede andere Regierung tut. Außerdem sehe ich eine Regierung, die sich bemüht, alle Teile des Landes zu repräsentieren – die dabei aber auf Probleme stößt. Viele Menschen sind immer noch unzufrieden und werden deshalb gewalttätig. Aber der Großteil des Landes lehnt die Gewalt ab. Ich sehe aber auch Ölexporte in einem Maß wie nie zuvor, wodurch die Iraker einen gewissen Wohlstand erreichen. Wir sehen Aufbau, der das Land langsam, aber sicher stabilisiert.

Welche Lehren lassen sich aus dem Irak-Krieg, der Rolle der UNO und der Vereinigten Staaten ziehen – auch im Hinblick auf gegenwärtige Krisen, beispielsweise in Syrien oder Nordkorea

Geschichte wiederholt sich nicht. Irak war ein besonderer Konflikt, man kann die Lehren, die daraus gezogen – oder nicht gezogen wurden – nicht einfach auf andere Konflikte übertragen. In Nordkorea herrscht auch ein despotisches Regime, aber es ist in der internationalen Gemeinschaft keine Neigung erkennbar, dort einzumarschieren. Vor allem, weil es nicht als so dramatische Bedrohung angesehen wird. In Syrien ist es wieder anders. Der Westen ist nicht direkt von Syrien bedroht. Daher sind weder die USA noch andere westliche Mächte wild darauf, Truppen zu schicken, mitten in einen Bürgerkrieg.

Ist die Skepsis am militärischen Eingreifen danach generell gewachsen?

Ich war in der Hinsicht schon immer skeptisch. Meine Regel ist: Versuche, zuerst Politik und Diplomatie einzusetzen. Aber man muss immer die Option eines Militärschlages offen halten. Man hat mich oft einen „zögerlichen Krieger“ genannt – aber ich bin immer noch ein Krieger. Wenn es nötig ist, muss man es machen. Nur glaube ich nicht, dass sich aus unseren Erfahrungen im Irak Konfliktbewältigungsstrategien ableiten lassen.

Man kann aus dem Irak-Krieg wirklich gar nichts lernen?

Eine Lehre ist mit Sicherheit: Wenn es schon nötig scheint, militärisch einzugreifen, sollte man sich für die Zeit nach dem Einmarsch genau überlegen, wie man vorgehen will. Das kann man zurzeit gut in Mali beobachten. Die Franzosen sind noch da, haben aber klargemacht, dass die Verantwortung so schnell wie möglich an Malis Streitkräfte übergehen soll. Man sollte einen Einmarsch zu Ende denken, die Folgen abwägen. Das haben die USA, besonders das Pentagon, im Irak zu wenig berücksichtigt.

Mr. Powell, Sie haben als Republikaner den Demokraten Barack Obama bei beiden letzten Präsidentschaftswahlen unterstützt – was Ihnen in den eigenen Reihen viel Kritik einbrachte. Später warfen Sie Ihrer Partei rassistische Tendenzen vor. Warum sind Sie überhaupt noch bei den Republikanern?

Das werde ich oft gefragt. Bevor ich Obama wählte, habe ich siebenmal hintereinander für einen republikanischen Präsidentschaftskandidaten gestimmt. Sieben Mal. In der Mitte des vergangenen Jahrzehnts begann meine Partei, sich zu verändern, sie driftete weit nach rechts. Es fällt mir schwer, ihr da zu folgen. Ich bin zuallererst Amerikaner, nicht Republikaner. Als Amerikaner fand ich es wichtig, für den Kandidaten zu stimmen, den ich für am besten qualifiziert hielt, die Herausforderungen des Landes zu meistern. Und der beste Mann war 2008 und 2012 Mr. Obama.

Wie ist denn Ihre Beziehung zu George W. Bush Junior?

Gut.

Klingt diplomatisch. Immerhin verließen Sie 2004 seine Regierung.

Es gab nie Feindseligkeiten zwischen uns. Wir hatten Meinungsverschiedenheiten, waren aber auch oft einer Meinung. Wir haben viel umgesetzt: Die Reduzierung der Nuklearwaffen mit den Russen, die Erweiterung der Nato, wir haben unser Engagement in Afrika erhöht. Aber die Menschen reden bis heute vor allem über Irak und Afghanistan. Aber Präsident Bush und ich haben großen Respekt füreinander.

Interview: Steven Geyer und Martin Scholz

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