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Keine Zeit verlieren: Matthias Platzeck beim Besichtigen eines Deiches an der Oder.

Rücktritt von Matthias Platzeck

"Ich habe meine Kräfte überschätzt"

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Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck hat immer auf den Ruf der Pflicht gehört und lange Krankheiten verschleppt. Jetzt geht es nicht mehr: Platzeck tritt zurück.

Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck hat immer auf den Ruf der Pflicht gehört und lange Krankheiten verschleppt. Jetzt geht es nicht mehr: Platzeck tritt zurück.

Ein Dejà-vu-Erlebnis. Etwas mehr als sieben Jahre liegt das erste Ereignis zurück. Ein Montag auch damals. Wenige Minuten verspätet tritt Matthias Platzeck nach der Präsidiumssitzung seiner Partei vor die Kameras im Willy-Brandt-Haus. Seine Stimme ist brüchig, seine Augen sind leicht gerötet. „Ich habe meine Kräfte – das muss ich heute rückblickend einräumen – überschätzt“, sagt der Mann mit dem Drei-Tage-Bart. Dann folgt ein erschütterndes Bulletin seiner verschleppten Krankheiten. Im Saal ist es mucksmäuschenstill. „Es macht keinen Sinn, weiter gegen die Wand zu laufen“, sagt Platzeck.

So endet der beispiellose bundespolitische Aufstieg des Ostdeutschen am 10. April 2006 nach zwei Hörstürzen und einem Nervenzusammenbruch mit seinem Rücktritt als SPD-Vorsitzender. Künftig werde er sich ganz seinem Bundesland widmen, verspricht der Regierungschef von Brandenburg. Das tut er tatsächlich – bis sein Körper in diesem Sommer erneut die Dienste versagt. Einem Schlaganfall im Juni folgt am Montag das endgültige Aus: Nach elf Jahren in der Staatskanzlei erklärt der 59-Jährige seinen Rücktritt als Ministerpräsident.

Ein Abgang vor dem Ende der Amtszeit, in einer heiklen Phase des Flughafen-Pannenprojekts – man kann nur ahnen, wie schwer dem Potsdamer Pflichtmenschen diese Entscheidung gefallen ist. Seine Sehschwächen und Gleichgewichtsstörungen nach dem Schlaganfall hätten sich schon deutlich verbessert, hatte er sich vor vier Wochen betont locker in den Urlaub verabschiedet: „Der Linksdrall wird weniger, aber ist noch stärker als es das Parteibuch erfordert“, scherzte er. An der Ostsee hat er dann mit sich gerungen. Unglaublich erschöpft sei er gewesen, berichten Vertraute. So blieb dem Vater von drei Töchtern und stolzem Großpapa nur der Rückzug.

Viel unverstellte Menschlichkeit

Als die Nachricht am Montagmittag durchsickert, sind nicht nur Parteifreunde wie der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD im Bundestag, Thomas Oppermann, betroffen. Er spricht von einem „großen Verlust für die deutsche Politik“. Auch professionelle Beobachter, denen neben der unverzichtbaren Distanz ein Schuss Zynismus oft nicht fremd ist, halten inne.

Das liegt nicht nur an der Krankheitsgeschichte. Der bescheidene Platzeck hat sich als Quereinsteiger in den Politbetrieb auch nach zwei Jahrzehnten soviel unverstellte Menschlichkeit und herzliche Offenheit bewahrt wie kaum einer in der Branche. Das sichert ihm einen großen Sympathiebonus. Doch es gibt auch Kritiker in der SPD, die seinen Mangel an menschlicher Härte für ein Defizit halten.

In die große Welt hat es Platzeck nie gezogen. Potsdam – Karl-Marx-Stadt – Berlin – Potsdam: so lauten seine Stationen. In die Politik kam der Diplomingenieur zu DDR-Zeiten über die Umweltbewegung. Im November 1990 berief ihn der damalige brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe zum Umweltminister, sieben Jahre später beim Oderhochwasser machte er sich als „Deichgraf“ einen Namen. 2002 folgte er Stolpe als Regierungschefs. Als zwei Jahre später Landtagswahlen anstanden, verteidigte Platzeck tapfer die umstrittenen Reformen der Agenda 2010. Seither galt er auch in der Bundespartei als Hoffnungsträger.

"Wir brauchen keinen Messias, wir haben Matthias"

Die Erwartungen hätten größer kaum sein können, als im November 2005 plötzlich seine Stunde kam. Die SPD, noch waidwund vom Basta-Führungsstil des Ex-Kanzlers Gerhard Schröder, hat sich in die große Koalition retten können, doch kurz darauf tritt Franz Müntefering nach einem vermeintlichen Putsch als Parteichef ab. Nun drängen alle Platzeck, projizieren ihre Hoffnungen auf seine jungenhafte und kameradschaftliche Art. „Wir brauchen keinen Messias, wir haben Matthias!“, steht auf einem Plakat beim SPD-Parteitag in Karlsruhe. Mit 99,4 Prozent wird Platzeck zum SPD-Vorsitzenden gewählt. Doch die Intrigen in der Partei gehen weiter, die programmatische Arbeit am Konzept des „Vorsorgenden Sozialstaats“ stockt, der Körper streikt. Nach nur 146 Tagen gibt Platzeck auf.

Als gebürtiger und überzeugter Preuße empfindet er diesen Rücktritt bis heute als Makel. „Wenn Du Deiner Verantwortung nicht gerecht geworden bist, hältst Du besser die Klappe“, begründet er Jahre später im vertrauten Kreis seine bundespolitische Zurückhaltung. Mit Fraktionschef Frank- Walter Steinmeier ist er persönlich befreundet. Doch in der Öffentlichkeit hat sich Platzeck seither ganz auf Brandenburg konzentriert.

Ein Anliegen lag ihm, dem ehemaligen Vertreter der Bürgerbewegung, besonders am Herzen: die ehrliche Aussöhnung mit der ostdeutschen Vergangenheit. Insofern war seine Koalition mit der Linkspartei im Jahr 2009, die ihm viel Kritik und manchen Ärger einbrachte, durchaus ein Projekt. Nach dem Rücktritt des Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit als Aufsichtsratschef der Berliner Flughafengesellschaft kam in diesem Januar mit dessen Nachfolge noch eine weitere Herkulesaufgabe hinzu. Er übernehme den Job „nicht aus mangelnder Lebenslust“, sondern weil ein Schlüsselprojekt für die neuen Länder ans Netz gebracht werden müsse, sagte Platzeck damals. Abermals ließ sich der Preuße in die Pflicht nehmen. Wie es scheint, hat er erneut seine Kräfte überschätzt.

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