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„Deutsch-Südwest“ 1904, Gefecht zwischen der „Schutztruppe“ und einer Herero-Guerilla: Das Sammelbild eines Zigarettenalbums von 1936 gesteht den Afrikanern wenigstens ihre tatsächliche Bekleidung zu und zeichnet sie nicht als „halbnackte Wilde“.
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„Deutsch-Südwest“ 1904, Gefecht zwischen der „Schutztruppe“ und einer Herero-Guerilla: Das Sammelbild eines Zigarettenalbums von 1936 gesteht den Afrikanern wenigstens ihre tatsächliche Bekleidung zu und zeichnet sie nicht als „halbnackte Wilde“.

Namibia

„Ich habe deutsche Vorfahren dank einer Vergewaltigung“

Der Aktivist Nandiuasora Mazeingo über die Ungerechtigkeit deutscher Hilfen für Namibia wegen des Genozids 1904 – und warum Bundespräsident Steinmeier zu Hause bleiben sollte.

Deutschland erkennt nach jahrelangen Verhandlungen an, dass es eine historische Verantwortung trägt für den Genozid zwischen 1904 und 1908 im heutigen Namibia, damals „Deutsch-Südwestafrika“. Berlin beabsichtigt Hilfszahlungen zu leisten, und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sollte in Namibia symbolträchtig dieses Kapitel Kolonialgeschichte abschließen. Sein historischer Staatsbesuch lässt aber auf sich warten. Eine frühere Reise von Außenminister Heiko Maas wurde schon abgesagt. Angeblich wegen der Corona-Gefahr. In Namibia denken manche anders darüber.

Herr Mazeingo, Sie sind Leiter einer Stiftung, die sich mit dem Genozid an Ihrem Volk beschäftigt. Welche Spuren hat der Völkermord in Ihrer Familie hinterlassen?

Meine Großmutter hatte eine helle Haut. Als Kind habe ich mich gefragt, warum sie anders aussieht. Heute weiß ich, dass ein deutscher Soldat ihre Mutter vergewaltigt hat. Sie war verheiratet, als ihr das angetan wurde. Ich habe dank einer Vergewaltigung also auch deutsche Vorfahren und fühle mich wie angekettet an mein unfreiwilliges deutsches Erbe. Es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht frage, wie meine Familie trotz dieser schrecklichen Episode mir ein glückliches Zuhause ermöglicht hat. Meine Großmutter galt ihr Leben lang als Schönheit, denn sie war ja hell. Sie hatte ein erfülltes Leben und wurde sogar beneidet. Das war die paradoxe Folge der Indoktrination unseres Volkes mit europäischen Schönheitsidealen. Mein Vater war Farmer auf einem Flecken Land, das uns „Eingeborenen“ zur Verfügung stand. Er hat mir von klein auf erzählt, wie es dazu kam, dass den Herero nur ein winziges und zwischen den großen Höfen der Deutsch-Namibier und der weißen Südafrikaner eingepferchtes Grundstück zur Verfügung stand. Er war stolz darauf, dass wir Herero unsere Gemeinden unter diesen widrigen Gemeinden wiederaufgebaut haben. Aber wo wären wir heute, wenn niemand uns Vieh und Land weggenommen hätte und nicht so viele von uns nach 1904 ermordet worden wären?

Zur Person

Nandiuasora Mazeingo leitet die Ovaherero Genocide Foundation, die die Erinnerung an den Völkermord von 1904 bis 1908 wachhält.

Er und andere Aktive haben auf change.org eine Petition gestartet dafür, dass Reparationen den Nachkommen der Opfer und nicht dem Staat ausgezahlt werden. FR

Herero-Organisationen bestehen darauf, dass die Bundesrepublik Reparationen leistet, anstatt finanzielle Hilfen in Höhe von 1,1 Milliarden Euro anzubieten. Die Entschuldigung für den Genozid, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Parlament in Windhoek aussprechen sollte, wollten sie nicht annehmen. Warum bedeuten ihnen die Begrifflichkeiten so viel, dass sie so einen Deal platzen lassen wollen?

Hilfen sind ein Zeichen des guten Willens. Reparationen sind die international anerkannte Sühneleistung für begangenes Unrecht. Das deutsche Eingeständnis der Schuld bleibt ohne Reparationszahlungen unaufrichtig. Die deutsche Regierung spricht zur Begründung ihrer Haltung von einem deutschen Genozid in der früheren Kolonie nach den heute gültigen Maßstäben. Dabei gab es auch schon 1904 internationale Übereinkünfte, wie die Haager Landkriegsordnung von 1899. Sie bestimmte, dass Zivilisten der feindlichen Seite im Krieg zu schützen sind. Selbst die Kolonialmächte haben sich bei der sogenannten Kongokonferenz unter deutscher Leitung in Berlin 1884 dazu verpflichtet, das Lebensrecht der unterworfenen Völker zu achten. Was 1904 im damaligen Deutsch-Südwestafrika geschah, war also auch nach den damaligen Regeln verbrecherisch. Wir wollen das Rad ja nicht neu erfinden. Wir erwarten, dass wir genauso behandelt werden wie die Juden nach dem Holocaust. Der Holocaust geschah, bevor die UN 1945 gegründet wurde und trotzdem waren die Deutschen bereit, Israel Reparationen zu zahlen. Das Vorgehen Deutschlands ist an Arroganz nicht zu überbieten. Die größten Organisationen der Herero und Nama wurden in den Prozess überhaupt nicht eingebunden. Wer sich versöhnen will, bittet doch diejenigen an den Tisch, denen Unrecht geschehen ist, sieht ihnen in die Augen und entschuldigt sich. Wir verlangen, dass der Genozid ohne Wenn und Aber anerkannt wird und Reparationen geleistet werden. Mein Rat an Herrn Steinmeier ist, zu Hause zu bleiben.

Ihre Kritik gilt auch der Regierung Namibias. In der Debatte fielen Begriffe wie „Apartheid“ und „Verrat“. Seit der Unabhängigkeit regiert die ehemalige Befreiungsorganisation Swapo das Land. Sie wird vor allem von der Mehrheitsethnie der Ovambo gewählt. Wie sehr vergiftet die Debatte die Beziehungen zwischen den Volksgruppen in Namibia?

Die Spannungen sind so schlimm wie seit langer Zeit nicht. Die Regierung stützt sich auf die Ovambo. Bei den Herero und Nama könnte das eine gefährliche Reaktion auslösen, wenn die Angelegenheit zunehmend unter ethnischen Gesichtspunkten betrachtet wird. Es könnten sich Stimmen unter den Herero und Nama mehren, die den Ovambo den Raub unseres Erbes vorwerfen. Die Regierung ignoriert die zunehmenden Spannungen als Folge ihres unsensiblen Umgangs mit dem Genozid und der Frage der Wiedergutmachung. Sie ist froh über jede Geldquelle, die sich ihr auftut. Da ist das deutsche Angebot willkommen. Genauso gefährlich erscheint es mir, dass sich die deutschstämmigen Namibier nun an die Seite Deutschlands stellen. Sie profitieren, da das Abkommen die Frage nach der Neuverteilung der Grundstücke als Wiedergutmachung des Landraubs nicht berührt. Ich warne davor, dass sich die Dinge bei uns in Richtung Simbabwe entwickeln, wo Robert Mugabe die weißen Farmer enteignete. Namibia hat bei seiner Landreform auf den freien Markt gesetzt. Dabei hatten die Herero und Nama nie eine Chance, weil es ihnen an Finanzkraft mangelt. Reparationszahlungen hätten das ändern können. Aber gerade junge Leute halten unseren Weg des Dialogs zunehmend für sinnlos. Wir bitten um weitere Geduld. Wenn die beiden Regierungen aber nicht zur Vernunft kommen, kann es Chaos und Gewalt geben.

Interview: Cedric Rehman

Nandiuasora Mazeingo leitet die Ovaherero Genocide Foundation.

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