Nobelpreisträger Thomas Südhof.
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Nobelpreisträger Thomas Südhof.

USA

"Ich finde es gefährlich, wie Trump lügt"

  • vonAnne Brüning
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Nobelpreisträger Thomas Südhof spricht im Interview mit der FR über die antiwissenschaftliche Haltung des Präsidenten Donald Trump und den Protest dagegen. Auch der Nationalismus schränke die Wissenschaft zunehmend ein.

Eigentlich beschäftigt sich Thomas Südhof mit Vorgängen in winzigem Maßstab. Er erforscht die Signalübertragung im Nervensystem. Für seine Erkenntnisse darüber erhielt er 2013 zusammen mit zwei Kollegen den Medizin-Nobelpreis. Zurzeit hat der deutsche Neurowissenschaftler, der in den USA lebt, jedoch immer wieder Anlass, seinen Blickwinkel von ganz klein auf ganz groß zu weiten. Und zwar auf die Politik. Es ist die antiwissenschaftliche Haltung des Präsidenten Donald Trump, die ihn dazu veranlasst. Südhof findet es wichtig, sich dagegen zu wehren, dass wissenschaftliche Erkenntnisse einfach verleugnet werden.

Herr Südhof, am 22. April heißt es für Forscher weltweit: raus aus den Laboren und auf die Straße. Sie wollen beim March for Science für die Wissenschaft demonstrieren. Auch bei Ihnen in der Nähe, in San Francisco, findet ein Protestmarsch statt. Werden Sie dabei sein?
Das habe ich vor. Ich unterstütze den Protestmarsch voll und ganz, denn wir sind hier alle sehr besorgt über die Entwicklungen. Der Marsch ist ein ausgezeichnetes Mittel, um seine Stimme zu erheben.

Unter Wissenschaftlern gibt es eine Diskussion darüber, ob es richtig ist, sich politisch zu äußern und zu engagieren. Einige finden, Wissenschaftler sollten neutral bleiben. Wie ist Ihre Einstellung dazu?
Aus meiner Sicht spricht nichts dagegen, sich an einem politischen Protestmarsch zu beteiligen. Ich gehe da aber nicht als wissenschaftliche Autorität hin, sondern privat. Das sollte man bei seinen Aktivitäten klar trennen. Als Wissenschaftler protestiere ich dagegen, dass wissenschaftliche Tatsachen angezweifelt und sogar verneint werden. Als Bürger protestiere ich gegen die politischen Maßnahmen, die meiner Meinung nach eine Gefahr für unser Land darstellen, etwa die Kürzungen in der Forschung und im Umweltschutz.

Was befürchten Sie von der Trump-Regierung?
Ich finde es gefährlich und besorgniserregend, wie Trump ganz offensichtlich lügt – zum Beispiel was den Klimawandel anbetrifft. Wenn man im öffentlichen Diskurs keinen Wert auf die Wahrheit legt, dann hat das auch Konsequenzen für die Wissenschaft. Denn wenn nicht mehr wichtig ist, wie etwas wirklich ist, was also ,wahr‘ ist, dann ist auch Wissenschaft nicht mehr wichtig. Das gefährdet unsere Zukunft – nicht nur als Kultur, sondern auch in ganz praktischem Sinne. Wo sollen denn die neuen Medikamente herkommen, wenn man nicht ehrliche Wissenschaft macht?

Man hat den Eindruck, alternative Fakten sind salonfähig geworden.
Ja, das ist eine sehr unerfreuliche Entwicklung. Im politischen Diskurs und in den politischen Aktionen geht zunehmend der Anstand verloren. Das ist nicht nur in Amerika so, hier aber seit Trump besonders schlimm. Lassen Sie uns aber nicht das Wort „alternative Fakten“ benutzen – es geht hier um Lügen, nicht um Fakten, die alternativ sind.

Sie arbeiten an der Stanford University in Kalifornien, sind also weit weg von der Hauptstadt Washington und dem Politikbetrieb. Wie ist die Stimmung bei Ihnen an der Westküste?
Die Stimmung ist im ganzen Land schlecht, auch in Kalifornien. Hillary Clinton hat fast drei Millionen Stimmen mehr als Donald Trump bekommen und trotzdem hat Trump aufgrund des US-Wahlsystems gewonnen. So etwas ist schwer einzusehen. Ich frage mich, wie ich angesichts derartiger Vorgänge meinen Kindern Demokratie erklären soll.

Kennen Sie Trump-Anhänger?
Keinen einzigen. Die meisten sind offenbar heimliche Anhänger. Sie schämen sich für seine Exzesse, finden aber, dass er die richtigen Projekte und Programme für die Zukunft des Landes hat. Man muss bedenken, dass das Einkommen eines normalen Arbeitnehmers in den USA seit zehn Jahren stagniert. Diese Menschen hoffen, dass es unter Trump wieder aufwärts geht. Ein Riesenproblem ist die Schwäche der Opposition, wie immer wenn etwas in einer Demokratie nicht mehr gut funktioniert.

Trump nennt den Klimawandel eine chinesische Lügengeschichte und sagt, Autismus sei eine Folge von Impfungen. Wie begegnet man derart hanebüchenen Behauptungen?
Man muss versuchen, gegen diese Unwahrheiten auf allen Ebenen anzukämpfen. Wir Wissenschaftler sollten so häufig wie möglich öffentlich Stellung nehmen zu allem, was unwahr ist. Das können wir aber nur, wenn wir selbst glaubwürdig sind. In dieser Hinsicht haben wir in der Vergangenheit nicht immer alles richtig gemacht. Wir haben zum Beispiel mehr Geld für unsere Forschung gefordert, ohne zu sagen, wofür die Mittel verwendet werden und warum diese Art von Forschung wichtig ist. Das muss sich ändern. Sonst machen wir uns selbst auch unglaubwürdig.

Sie forschen weder zum Klimawandel noch zu Impfungen. Fühlen Sie sich als Neurowissenschaftler frei in Ihrem Tun?
In der Biologie geht es noch. Aber auch in diesem Bereich müssen wir seit einiger Zeit stets dokumentieren, dass unsere Resultate nicht irgendwie wirtschaftlich oder militärisch bedeutend sind und damit der Exportkontrolle unterliegen. Wenn unsere Arbeit nur entfernt für das Wirtschaftsministerium von Interesse ist, wird es kompliziert. Wenn ich an synthetischer Biologie oder Milzbrandbakterien forschen würde, dann dürfte ich nicht problemlos über meine Forschungsinhalte reden und mich auch nicht in E-Mails darüber äußern. Ich halte mich von den Bereichen fern, die unter diese Maßnahmen fallen. Solche Einschränkungen gefährden die Wissenschaft.

Wird sich diese Entwicklung unter Trump verschlimmern?
Ja, das ist zu befürchten. Auch in anderen Ländern. Denn weltweit verstärkt sich der Nationalismus. Die Führer der Länder rechtfertigen ihr Tun damit, dass ihr Land nicht von anderen Ländern übervorteilt werden soll. So argumentiert ja auch Trump. Er sagt, andere Länder bestehlen die USA, und will diese angebliche wirtschaftliche Aggression aus dem Ausland nicht mehr zulassen. Dieser Nationalismus schränkt auch die Wissenschaft zunehmend ein, nicht nur die Wirtschaft und das öffentliche Leben. Es besteht die Gefahr, dass wir künftig weniger Möglichkeiten haben, mit ausländischen Kollegen zu kommunizieren. Dass zum Beispiel der Austausch von Daten oder die Veröffentlichung gemeinsamer Daten erschwert werden. Das beschneidet die Freiheit. Wissenschaft beruht aber auf Freiheit. Sie ist ein zentraler Bestandteil der westlichen Kultur, in der Gedankenfreiheit und Wahrheit höchste Güter sind. Das müssen wir beschützen.

Interview: Anne Brüning

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