1. Startseite
  2. Politik

Hungerkatastrophe befürchtet

Erstellt:

Von: Julia Kaiser

Kommentare

Provisorische Versorgung für Geflüchtete in Jemen.
Provisorische Versorgung für Geflüchtete in Jemen. © afp

Nach dem Ende der Waffenruhe im Jemen verschlechtert sich die Versorgungslage rapide.

Die Vereinten Nationen sprechen beim Krieg im Jemen von der derzeit größten humanitären Krise der Welt. Und mit dem Ende der Waffenruhe dürfte sich die Situation im Jemen weiter verschlimmern – das steht fest für Jens Heibach, Jemen-Experte am Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien in Hamburg. „Betroffen sind vor allem die Menschen, die in den von den Rebellen gehaltenen Gebieten leben“, sagte Heibach dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Aber auch die Rettung des von Havarie bedrohten jemenitischen Öltankers FSO Safer, der seit Jahren mit Millionen Litern Öl an Bord im Roten Meer verrostet, könnte ausgebremst werden – und schwere ökologische Folgen nach sich ziehen. „Wenn die FSO Safer in der nun kommenden stürmischen Herbst- und Winterzeit auseinanderbrechen sollte, wird sich die humanitäre Situation vor allem der Menschen im Nordjemen noch einmal drastisch verschlechtern“, so Heibach. Beispielsweise werde der Schiffsverkehr mit Hilfslieferungen eingeschränkt und der Fischfang nicht mehr möglich sein.

Die bisherige Waffenruhe im Jemen lief vor einigen Tagen ohne eine erneute Verlängerung aus, Verhandlungen blieben ohne Erfolg. Der Waffenstillstand galt seit Anfang April und wurde seitdem zweimal verlängert. Doch diese relativen Ruhephasen waren keineswegs ein „paradiesischer Zustand“, betonte Wenzel Michalski, Direktor von Human Rights Watch in Deutschland. Auch die vergangenen Monate seien furchtbar gewesen. Menschen starben durch Minen, wurden gefoltert und sind verschwunden.

Der Konflikt im Jemen ist das Ergebnis des gescheiterten Arabischen Frühlings im Land. Auf der einen Seite steht eine Militärkoalition unter der Führung Saudi-Arabiens, die die international anerkannte Hadi-Regierung unterstützt. Auf der anderen Seite stehen die Huthi-Rebellen, unterstützt von Saudi-Arabiens Erzfeind Iran. Seit 2015 kämpfen die Konfliktparteien um die Vorherrschaft in dem bitterarmen Land. Beide begehen Kriegsverbrechen und greifen zivile Ziele an, wie Krankenhäuser und Wohngegenden, so Michalski. Die Unruhen stärkten zudem Gruppierungen der Terrororganisationen Al Kaida und dem sogenannten Islamischen Staat. .

Dass die Verhandlungen zur Verlängerung der Waffenruhe scheiterte, liege, nach Einschätzung Heibachs, vor allem an den Huthi. Denn die Rebellen seien überzeugt, nun militärisch an Boden gewinnen zu können. „Sie sehen sich in einer Position der Stärke – und sind es auch, wenn man ihre Position mit der der international anerkannten Regierung vergleicht“, sagt der Jemen-Experte.

Wie es mit den Zivilistinnen und Zivilisten im Land weitergeht, das könne sich Michalski kaum vorstellen. „Menschen, die jetzt hungern, werden verhungern“, so der Direktor. Denn schon vor der Waffenruhe erreichten die Hilfslieferungen die meisten Menschen im Krisengebiet nicht oder nur sehr schwer.

Hinzu komme, dass jemenitische Frauen seit April zunehmend Schwierigkeiten haben, in den von den Huthi kontrollierten Gebieten ohne einen männlichen Vormund humanitäre Hilfe zu leisten. Die Folge: Reisen in die Projekte vor Ort und Hilfslieferungen mussten abgesagt werden, was sich direkt auf den Zugang zu Hilfe für insbesondere für Frauen und Mädchen auswirke, sagte Diala Haidar, Jemen-Expertin von Amnesty International.

Laut dem Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten waren im März diesen Jahres über 23 Millionen Jemenit:innen Hunger, Krankheiten und anderen lebensbedrohlichen Risiken ausgesetzt. Bis zum Ende des Jahres könnten laut dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen 19 Millionen Menschen im Jemen an Hunger leiden.

Nach Angaben des Analyseprojektes Armed Conflict Location & Event Data Project sind zwischen dem 1. Januar 2015 und dem 23. September 2022 – also innerhalb von knapp acht Jahren – 15 200 Zivilisten allein bei Angriffen ums Leben gekommen. Hinzu kommen indirekte Todesfälle wegen fehlender Nahrung, Gesundheitsversorgung und Infrastruktur. Und trotz dieser humanitären Katastrophe gibt es kaum Flüchtlinge aus dem Jemen – denn die Flucht auf dem Landweg ist laut Heibach sehr schwierig. Barrieren machten es den Jemenitinnen und Jemeniten fast unmöglich, das Land über die Nachbarländer Saudi-Arabien oder den Oman zu verlassen.

„Der Flugverkehr wurde seit Kriegsbeginn massiv eingeschränkt und teils völlig unterbunden, sodass diese Möglichkeit ebenfalls oft nicht gegeben war – zumal sie ohnehin nur den Jemenitinnen und Jemeniten offenstand, die die Kosten hierfür aufbringen konnten“, erklärt der Experte. Auch der Seeweg sei für jene, die die Flucht ergreifen wollen, weitgehend versperrt. Und dennoch: „Es gibt viele Verzweifelte, die den Weg über das Meer zum Beispiel nach Dschibuti oder Somalia wählen – und umgekehrt“, so Heibach.

Auch interessant

Kommentare