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Mit Hexenkostüm demonstriert diese Frau in Lausanne ihre Entschlossenheit, für mehr Gleichberechtigung zu kämpfen.

Schweiz

Hunderttausende Schweizerinnen im Streik

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Mit Arbeitsniederlegungen, Protestzügen und Kirchenglocken fordern die Frauen in der Schweiz gleiche Löhne und gleiche Jobchancen.

Mit Lärm und Elan starteten die Frauen in der Schweiz in ihren großen Tag. In Zürich schlugen sie um Mitternacht Töpfe, fuhren hupend in einem Autocorso durch die Bankenmetropole. In Basel blockierten sie Straßen und in Lausanne stimmten sie feministische Hymnen an. Um elf Uhr legten viele Frauen ihre Arbeit nieder, danach hielt ein „rollendes Programm“ die Bevölkerung weiter in Atem: Protestzüge versammelten sich, Frauenparlamente tagten und sogar die Kirchenglocken läuteten. „Ich war bei einem kreativen Workshop für Frauenrechte“, erzählt Karin Müller, die in der Genfer Kantonsverwaltung arbeitet, der FR. „Bei uns waren wohl ein Drittel der Beschäftigten im Ausstand.“ Hunderttausende, vielleicht sogar mehr als eine Million Menschen machten beim „Frauen*streik“ in der Schweiz mit.

Frauen in der Schweiz fordern  „Lohn, Zeit, Respekt“

Der Protest gegen Diskriminierung und für gleiche Rechte von Frauen in Wirtschaft und Gesellschaft war unüberhörbar und unübersehbar. Das Motto lautete: Lohn. Zeit. Respekt. „Unser Protest läuft sehr gut“, zog die Streikkoordinatorin Anne Fritz vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund eine Zwischenbilanz.

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Mit ihrem Protest ermutigten die Schweizerinnen auch andere Frauen in Europa zum Aufbegehren – denn fast überall auf dem Kontinent erlebt der weibliche Teil der Bevölkerung noch Benachteiligung. „Kameradinnen aus Österreich und aus Spanien sind zu uns in die Schweiz gereist, um mit uns zu streiken“, sagte die Koordinatorin.

Angezettelt hatten linke Gewerkschafterinnen aus der französischen Schweiz den Protesttag – die Romandie gilt gesellschaftspolitisch progressiver als die Deutschschweiz. Die Organisatorinnen verbreiteten eine klare politische Botschaft: Das herrschende „patriarchale kapitalistische System“ betrachte das „Männliche“ und das „Weibliche“ nicht als gleichwertig, schreibt das nationale Streikkomitee in einem Aufruf. Das führe dann auch zu den unfairen Löhnen für Frauen.

Schweizerinnen verdienen zwischen 12 und 19 Prozent weniger als die Männer

„Frauen verdienen immer noch deutlich weniger als Männer, je nach Erhebungsmethode zwischen 12 und 19 Prozent“, heißt es von der Gewerkschaft für den öffentlichen Dienst, VPOD. Das Bundesamt für Statistik nennt etwa die gleichen Zahlen.

Konkret verlangen die Frauen deshalb: gleiche Bezahlung für gleichwertige Arbeit. Der Staat müsse Lohnkontrollen und Sanktionen bei Lohndiskriminierung einführen. Berufe mit vielen Frauen müssten finanziell aufgewertet werden. Dabei haben die Gewerkschafterinnen besonders die Pflege im Blick: In Schweizer Krankenhäusern etwa besteht das Pflegepersonal zu 85 Prozent aus Frauen.

Neben einer besseren Bezahlung verlangen die Frauen Weiteres: von familienverträglicheren Jobs und kürzeren Arbeitszeiten bis hin zu mehr Härte bei sexuellen Übergriffen und besseren Karrierechancen.

Schweiz: Anteil von Frauen in den Geschäftsleitungen unter zehn Prozent

Dass vielen weiblichen Kräften noch immer der Aufstieg verwehrt wird, belegt der Schillingreport über Schweizer Führungsgremien. Danach liegt der Frauenanteil in Geschäftsleitungen von Unternehmen unter zehn Prozent. In mehr als der Hälfte der Firmen sitzt gar keine Frau in der Geschäftsleitung. „Nach wie vor bleibt ein ausgewogener Gendermix in den Geschäftsleitungen ein Generationenprojekt“, urteilt der Herausgeber des Reports, Guido Schilling. Ebenso ernüchternd sieht es im Politikbetrieb aus. In beiden Kammern des nationalen Parlaments herrscht eine erdrückende Männermehrheit. In der Regierung, dem Bundesrat, stehen vier Minister drei Ministerinnen gegenüber.

Viel länger als in anderen europäischen Ländern übten die Männer in der Schweiz die uneingeschränkte Herrschaft aus. Erst 1971 öffnete sich das Alpenland dem 20. Jahrhundert und gewährte den Frauen auf nationaler Ebene das Wahlrecht. Noch länger waren die Frauen von kantonalen Abstimmungen ausgesperrt, etwa in Appenzell-Innerrhoden. Das Schweizerische Bundesgericht entschied 1990, dass auch die weibliche Bevölkerung dieses Kantons wählen darf. Ein Jahr später, 1991, bliesen die Schweizerinnen zum ersten landesweiten Frauenstreik: Hunderttausende gingen auf die Straße und pochten auf mehr Mitsprache. Nur langsam lenkte das männliche Establishment ein. So führte die Schweiz erst 2005 den bezahlten Mutterschaftsurlaub ein.

Immerhin signalisieren zum Frauenstreik 2019 etliche Politiker ihre Unterstützung für die Wählerinnen. Innen- und Sozialminister Alain Berset prangert die Missstände bei der Gleichstellung offen an: „Wir müssen das endlich ändern“, fordert der Sozialdemokrat.

Nur die rechtspopulistische Schweizerische Volkspartei (SVP) scheint dem Frauenprotest kaum etwas abgewinnen zu können. Ein Repräsentant der SVP, der Berner SVP-Abgeordnete Erich Hess, rastete sogar aus. Er riss ein Plakat des Frauenstreiks wiederholt vom Pult des Berner Stadtparlaments. Mit Billigung der meisten Abgeordneten hing es dort, um für das Anliegen der Frauen zu werben.

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