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So viele Menschen waren auf der Pennsylvania Avenue in Washington seit den 60ern nicht mehr.

USA

Hunderttausende gegen die Waffenlobby

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In Washington D.C. demonstrieren Hunderttausende Menschen mit den jugendlichen Überlebenden des Parkland-Massakers ? ihre Botschaft ist eindeutig.

Sie haben sich knapp verpasst. Es ist kurz nach zwölf Uhr am Samstagmittag, als Cameron Kasky in Jeans und Hoodie auf die Bühne vor dem Washingtoner Kapitol steigt und „den politischen Führern, den Skeptikern und den Zynikern“ im Land ein aufreizendes „Willkommen bei der Revolution!“ zuruft. Ein hunderttausendfacher Jubel schallt zurück. Zehn Straßenblocks weit wogt das Meer der Zuschauer auf der Pennsylvania Avenue, umflutet das Trump-Hotel mit seinem markanten Türmchen und verliert sich in westlicher Richtung erst kurz vor dem Weißen Haus. 

Doch der Präsident sieht und hört nichts. Er ist am Freitag, als Kasky gemeinsam mit anderen Schülern der Marjory Stoneman Douglas High School aus Florida in Washington eintraf, in die umgekehrte Richtung abgeflogen. Gerade einmal 65 Kilometer trennen sein Luxusanwesen Mar-a-Lago, wo er das Wochenende verbringt, von der Schule in Parkland, an der vor fünfeinhalb Wochen ein 19-jähriger Amokläufer mit einem halbautomatischen Sturmgewehr das Leben von 14 Schülern und drei Lehrern auslöschte. Doch während die Überlebenden des Blutbads mit ihren Angehörigen in der Hauptstadt emotional des Grauens gedenken, während sie wütend und kämpferisch schärfere Waffengesetze fordern und einen der größten Protestmärsche seit den Tagen des Vietnamkriegs anführen, ist Donald Trump abgetaucht. Ungerührt spielt er vor der Haustür der Opfer eine Runde Golf. 

Wenn es noch eines Bildes für die Zerrissenheit der USA bedurft hätte, dann hat es dieser Samstag geliefert. „Heute ist ein schlechter Tag für Tyrannei und Korruption“, ruft Kasky aus, und es fällt schwer, dabei nicht an den Präsidenten zu denken: „Wir versprechen, das kaputte System zu reparieren und eine bessere Welt für die nächste Generation zu schaffen.“ Das sind große, vielleicht auch etwas idealistische Worte. Sie illustrieren die konträren Welten, in denen der Präsident und die jungen Leute leben, die seit dem Parkland-Massaker keine Ruhe geben:   Trump ist 71 Jahre alt, rüstet verbal und militärisch immer weiter auf und schart in seiner Regierung alte, weiße Männer um sich. 

Kasky ist gerade einmal 17 Jahre jung, kämpft für eine Welt mit weniger Waffen, und seine Zuhörerschaft beim „Marsch für unsere Leben“ ist in Hautfarbe, Alter, Geschlecht und sexueller Orientierung bunt gemischt. „Genug ist genug“ steht auf den selbst gemalten Plakaten, die von den Demonstranten getragen werden, oder: „Kugeln sind keine Lehrmittel!“ Eine ältere Dame kritisiert die Verfilzung der republikanischen Partei mit der Waffenlobby: „Unterstützt die Menschlichkeit, nicht die NRA“.

Überhaupt sieht man bei diesem Aufstand der Jugend auch viele Senioren, die sich wahrscheinlich noch an die Anti-Vietnamkrieg-Demos Ende der 1960er Jahre erinnern. Doch auch viele Pädagogen sind gekommen. „Ich bin als Lehrer ausgebildet, nicht als Scharfschütze“, kritisiert einer von ihnen die Pläne des Präsidenten zur Bewaffnung der Lehrer. An der Pennsylvania Avenue hält Katiana Carter ein Schild mit der Aufschrift „Wir sind Schüler, wir sind die Opfer“ in die Höhe. Die 15-Jährige ist gemeinsam mit 40 Mitschülern aus einem Vorort von New York nach Washington gekommen. Ihr Plakat wird nicht von hohlem politischem Pathos gespeist: Ein Freund der Latina, der vor sieben Jahren nach Parkland gezogen war, befand sich während des Gemetzels tatsächlich im Schulgebäude. Er konnte sich retten. 

„Es macht mich wahnsinnig zu wissen, dass ein Junge, mit dem ich aufgewachsen bin, fast getötet worden wäre“, sagt das Mädchen. Sie ist überzeugt: „Es hätte überall sein können. Es hätte jeden treffen können.“ Deshalb sind sie und ihre Mitschülerinnen nach Washington gekommen und wollen keine Ruhe geben: „Wir sind die künftigen Wähler. Wir werden nicht tatenlos zusehen.“ Bewusst haben die Parkland-Schüler, die in den vergangenen Wochen landesweit eine gewaltige Protestwelle angestoßen haben, ihre Forderungen knapp gehalten. 

Sie verlangen vor allem ein Verbot des Verkaufs halbautomatischer Waffen und großer Magazine an Privatleute sowie lückenlose Überprüfungen aller Waffenkäufer. Für deutsche Verhältnisse mag das bescheiden klingen. Doch wenn man sich vor Augen führt, dass derzeit bei sogenannten Gun Shows in den USA jeder 18-Jährige ohne Überprüfung seiner Tauglichkeit eine beliebige Zahl von AR-15-Sturmgewehren kaufen kann, wie sie die Amokschützen von Las Vegas und Parkland einsetzten, wird deutlich, wie provokativ diese Forderungen für ein Land sind, das den Waffenbesitz gleich hinter der Pressefreiheit als Grundrecht in seiner Verfassung verankert hat.

Zwar sind Buhrufe und Pfiffe unüberhörbar, als Präsident Trump kurz auf den Videoleinwänden gezeigt wird. Doch Sarah Chadwick, eine der Schülerinnen aus Parkland, die mit einer Parodie auf einen Videospot der Waffenlobby NRA im Netz viel Aufsehen erregt hat, betont in ihrer Rede ausdrücklich: „Das hier ist keine Frage der parteipolitischen Überzeugung. Es ist eine Frage der Moral.“ Auch ihre Mitstreiter achten genau darauf, dass die Botschaft nicht verwässert wird. Manche afroamerikanischen Aktivisten haben deshalb den Vorwurf erhoben, die überwiegend weißen Jugendlichen aus dem wohlhabenden Vorort von Palm Beach würden mit der Konzentration auf die Schulmassaker die Polizeigewalt und die alltägliche Kriminalität ausblenden, unter der Amerikaner afroamerikanischer Herkunft in schwierigen sozialen Verhältnissen zu leiden haben. 

Für den Protestmarsch in Washington gilt das nicht. Da tritt irgendwann Zion Kelly auf die Bühne. Sein Zwillingsbruder war im vergangenen September im Nordosten von Washington auf dem Schulweg von einem Straßenräuber erschossen worden. Kelly ruft alle Zuhörer auf, sich kenntlich zu machen, wenn sie selbst schon einmal von Waffengewalt betroffen wurden. Tausende Hände auf der Pennsylvania Avenue strecken sich in die Höhe. Ein erschreckender, aber extrem eindrucksvoller Moment. 

Auch für Tony Reynolds und seine Frau Jennifer ist Waffengewalt eine reale Erfahrung. Der Software-Entwickler aus Denver war 23 Jahre alt, als 1999 zwei Schüler der nahe gelegenen Columbine High School bei einem Amoklauf zwölf Mitschüler und einen Lehrer töteten. Damals spendete Reynolds Blut. Bei dem Schulmassaker von Sandy Hook im Jahr 2012 verloren gute Freunde des Ehepaars ein Kind. Deswegen hat die Nachricht aus Parkland die Reynolds’ so erschüttert. Ihre Töchter Mae (12) und Lucy (10) gehen auf eine Schule, die nur fünf Meilen von Columbine entfernt liegt. 

„Wir haben jetzt wirklich genug. Ich will nicht, dass unseren Kindern so etwas passiert“, sagt Tony Reynolds: „Ich habe nichts gegen Jagdwaffen, aber niemand braucht halbautomatische Sturmgewehre.“ Das klingt absolut vernünftig. Dennoch drängt sich eine skeptische Nachfrage auf: Weshalb sollte es dieses Mal anders sein als bei allen bisherigen Schießereien, die das Land für zwei Wochen in einen Schockzustand versetzten und lautstarke Rufe nach schärferen Waffengesetzen provozierten, ohne dass sich irgendetwas änderte? „Meine Generation hat es nicht geschafft“, sagt Reynolds, „aber diese jungen Leute haben eine unglaubliche Energie.“ Es gebe noch einen weiteren Unterschied, ergänzt seine Frau: „Trump ist Präsident. Das wirkt wie ein Katalysator.“ Reynolds nickt. „Wir werden nicht in ein paar Tagen neue Gesetze bekommen. Aber ich glaube, dass die Kongresswahlen im November wirklich etwas ändern werden.“

Die Hoffnung darauf, dass die Waffengewalt zum beherrschenden Thema der sogenannten Midterm-Wahlen wird, eint viele Demonstranten. „Wählt sie ab! Wählt sie ab!“, skandieren sie immer wieder lautstark, wenn auf der Bühne gerade einmal Pause ist. Fürs Erste haben die Politiker die Demonstranten schwer enttäuscht: Ein 2000 Seiten dickes, kunterbuntes Gesetzespaket des Kongresses, das Trump am Freitag unterzeichnete, enthält kaum mehr als weiße Salbe zur Verschärfung des Waffenrechts. 

Doch in der amerikanischen Gesellschaft scheint sich etwas zu verändern. Nicht nur unterstützen zahlreiche Prominente von Oprah Winfrey bis George Clooney den Schülerprotest tatkräftig. Das Image der Waffennarren im Land hat schwere Kratzer bekommen. So strich die Fluggesellschaft Delta den bisherigen Sonderrabatt für Mitglieder des Lobbyverbandes NRA. Stattdessen flog sie Hunderte Parkland-Aktivisten kostenlos nach Washington. 

Mit beeindruckender Disziplin und Professionalität haben es die jugendlichen Überlebenden des Schulmassakers nicht nur geschafft, eine landesweite Protestbewegung anzustoßen. Sie haben auch zwei Dinge erreicht, die Donald Trump besonders ärgern dürften: Während der Präsident in seinen Golfclubs gefälschte Magazintitel mit seinem Konterfei aufgehängt hat, prangen die Parkland-Aktivisten tatsächlich auf der ersten Seite des aktuellen „Time Magazin“ mit der Schlagzeile: „Genug!“ Und aus der Luft wirken die Demonstranten in der langgestreckten Pennsylvania Avenue bei herrlichem Frühlingswetter irgendwie eindrucksvoller als die Zuhörerschaft auf der breiten Mall bei der Amtseinführung des Präsidenten vor gut einem Jahr. 

Man kann nur ahnen, wie sehr sich Trump ärgert. Der Präsident tut nämlich etwas extrem Unübliches: Er schweigt. Weder kontert er die gezielte Provokation, noch twittert er sonst irgendeinen Kommentar zu den Protestmärschen, die im ganzen Land stattfinden. So kommt es, dass der 17-jährige Cameron Kasky am Wochenende das (vorerst) letzte Wort behält. „Viele fragen uns: Wird sich etwas ändern?“, ruft der Schüler von der Bühne vor dem Kapitol: „Schaut Euch um! Wir sind die Veränderung.“

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