+
Abwarten, wie es weitergeht: Kinder aus dem Migrantentreck spielen in Tijuana.

Mexiko/USA

Hunderte Migranten stürmen Grenzzaun in Tijuana

  • schließen

Hunderte Menschen aus dem Flüchtlingstreck aus Zentralamerika versuchen in der mexikanischen Stadt Tijuana, die Grenze zu den USA zu überwinden. Die US-Behörden schließen den Übergang und setzen Tränengas ein.

Am Sonntag passiert, was passieren musste: 500-700 mittelamerikanische Migranten in Tijuana versuchen, in die USA einzudringen. Die Migranten ziehen an die Grenzposten von Chaparral und San Ysidro – die mexikanische Polizei versucht vergeblich, sie zu stoppen.

Rund 50 Migranten klettern auf einen Blechwall, der noch auf mexikanischem Gebiet vor der US-Grenzmauer steht. US-Sicherheitskräfte weisen sie mit Tränengas ab, wie ein TV-Kanal zeigt. Die US-Behörden schließen den Grenzübergang, US-Hubschrauber überfliegen die Grenze. Der mexikanische Innenminister Alfonso Navarrete Prida spricht danach von „Aufwieglern“, die nun gerichtlich verfolgt und ausgewiesen werden sollen.

Vielleicht ist eine Meldung vom Samstag der Auslöser gewesen. Da hat US-Präsident Donald Trump eine weitere Asyl-Verschärfung verkündet, über die er sich mit der künftigen mexikanischen Regierung des linken Manuel López Obrador geeinigt habe. Demnach müssten Asylsuchende künftig während der Prüfung ihres Antrags durch US-Gerichte in Mexiko bleiben. Damit bestätigt er, was die „Washington Post“ zuvor berichtet hat. Die USA würden legale Zuwanderung erlauben, fügt er hinzu, schreibt aber auch: „Alle werden in Mexiko bleiben“.

Die künftige mexikanische Regierung bestreitet indes, eine Asyleinigung mit den USA abgesprochen zu haben. Die designierte Innenministerin Olga Sánchez Cordero betonte nach einem Zeitungsbericht: „Es gibt keinerlei Abmachung mit der US-Regierung.“ Zuvor hatte die „Washington Post“ unter Berufung auf Cordero über die Einigung berichtet. Laut Mitarbeitern aus dem US-Heimatschutzministerium, die die „Washington Post“ zitiert, sollen die neuen Verfahren in den kommenden Tagen und Wochen umgesetzt werden.

Ganz schlechte Nachrichten sind das für Menschen wie Alexander Vega in Tijuana, die alles aufs Spiel gesetzt haben für eine Zukunft in den USA. Vom Sportstadion Benito Juárez bis zur Grenze sind es gerade einmal hundert Meter. Die Migranten, die in dem Stadion seit mehr als einer Woche ausharren, haben ihr Traumziel also jeden Tag sehr nah vor Augen. Aber es bleibt dennoch fern und unerreichbar. „Hier zerschellen deine Träume“, sagt Vega, während er sich nach dem Duschen unter freiem Himmel wieder anzieht. Dann schaut er auf die rostrote Metallbarriere, die Nord- und Lateinamerika in der mexikanischen Grenzstadt trennt, und sagt: „Da kommen wir nicht so einfach dran vorbei“.

Mehr als einen Monat nach dem Aufbruch daheim in Honduras, Guatemala und El Salvador liegen mehr als 4000 Kilometer hinter den Migranten. Bisher ging es immer nur vorwärts. Aber hier auf ihrer letzten Etappe in Mexiko vor dem großen Ziel steckt die Karawane fest. Die Menschen kommen nicht weiter, wollen aber auch nicht zurück. In Tijuana, der von Migranten gegründeten Stadt in der nordwestlichsten Ecke Mexikos, trifft die Zentralamerikaner nun die harte Realität. Sie merken, dass sie die Grenze zu den USA nicht so einfach überwinden können, wie sie es bisher in Zentralamerika und auch in Mexiko gemacht haben. Sie stehen hier nicht nur der Aggression von Präsident Trump gegenüber, sondern auch seiner schier unüberwindlichen Grenzbefestigung.

„Niemand hat diesen Menschen gesagt, dass sich hier in Tijuana die Grenze zu den USA nicht so öffnet, wie das auf ihrem bisherigen Weg überall der Fall war“, sagt die Anwältin Soraya Vázquez und äußert damit auch indirekt Kritik an den Organisatoren der zentralamerikanischen Karawane. Pfarrer Patrick Murphy, Direktor der Scalabriniani-Migrantenherberge in Tijuana, findet es unverantwortlich, die Migranten in so einer großen Zahl hierher zu bringen. 4700 Männer, Frauen und Kinder sind bereits in der Stadt, bis zu 5000 sind noch auf dem Weg. Murphy spricht von einem humanitären Notstand. „Wenn sie die Geduld verlieren und versuchen, die Grenze in großen Gruppe ohne Papiere zu überwinden, kann es zu einem Unglück kommen“, sagt der aus New York stammende Pfarrer. Trump habe ja mehrfach angedroht, auch Gewalt einzusetzen.

„Die Flüchtlinge dachten, sie bleiben hier drei, vier Tage, aber sie bleiben vermutlich drei, vier Monate.“ Und sie müssten größtenteils ihren Traum von den USA durch einen Traum von Mexiko ersetzen, vermutet Murphy. Die Anwältin Vázquez, die Flüchtlinge berät, kritisiert auch, dass die Zentralamerikaner viel zu spät über ihre Chancen aufgeklärt wurden. Hunderte gingen davon aus, dass sie in den USA Asyl bekommen könnten. „Aber nicht einmal zehn Prozent der Menschen in der Karawane erfüllen die Voraussetzung“, schätzt Vázquez. „Die USA haben in den vergangenen Monaten die Asylgründe immer weiter eingeschränkt.“ Heute reicht eine allgemeine Gefahrenlage durch die Gewalt der Jugendbanden nicht mehr aus, man müsse eine konkrete „persönliche Bedrohung“ nachweisen, kritisiert sie.    (mit afp/dpa)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion