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Humanisten in Jeans

  • Inge Günther
    VonInge Günther
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Israelische Ärzte behandeln am Sabbath Palästinenser in einem Westbank-Dorf

Samstagmorgen, 9 Uhr, in Taibeh. Im Minutenabstand rollen sie an der Tankstelle in dem arabisch-israelischen Städtchen nahe der Grünen Linie vor: erst die beiden jüdischen Professoren, der eine spezialisiert auf Gefäßchirurgie, der andere auf Krebserkrankungen, dann ein Beduine, der als Familienarzt im Negev arbeitet, dazu Pflegepersonal und zwei Apotheker. Es ist Sabbath, ihr freier Tag, aber den werden sie als Aktivisten der "Physicians for Human Rights", kurz PHR genannt, in einem Dorf tief in der Westbank namens Kaddoum verbringen. Kaddoum ist in Folge der militärischen Abriegelung von aller Welt und damit auch von jeder ärztlichen Hilfe abgeschnitten.

Noch einen Kaffee, dann geht es los, in einem Konvoi, der noch länger wird, als an dem Armeekontrollpunkt Asun die palästinensische Partnerorganisation der "Medical Relief Comitees" die Führung übernimmt. Voran die Fahne des Roten Halbmonds, dahinter eine Kolonne praktizierender Idealisten. Araber und Juden, bunt gemischt. Keine Götter in Weiß, sondern Humanisten in Jeans, die sich weder vom Krieg am Golf, noch von der Intifada und den Militärblockaden abschrecken lassen. Die Kleinbusse schwanken über holprige Ackerwege. Erreichbar ist Kaddoum wie so viele der Westbank-Dörfer, die wechselnd jeden Samstag von der freiwilligen Hilfsorganisation besucht werden, nur über Schleichpfade.

Ganz Kaddoum scheint sich zur Begrüßung der Ärzte versammelt zu haben, Hunderte drängen in die Sozialstation. Alte und Gebrechliche, Mütter mit Säuglingen und auch ein paar Männer, denen alte Schussverletzungen noch immer Probleme machen. Die Ärzte aus Israel gelten als Kapazität. Keiner will sich die Chance entgehen lassen, den kostenlosen Rat dieser Experten einzuholen. Zumal das Krankenhaus in Nablus, eigentlich nur zwölf Kilometer entfernt, fast unerreichbar geworden ist. Um die benachbarte, jüdische Siedlung gegen Anschläge zu sichern, hat die Armee die Hauptstraße nach Kaddoum für den palästinensischen Autoverkehr komplett gesperrt. Wegen der vielen Checkpoints brauchen selbst Ambulanzen für die Fahrt ins Hospital vier Stunden und länger. Wer kann, vermeidet das. "Meist lassen sich die Patienten erst kurz vorm Tod bei uns einliefern", sagt Wael Siiti, Internist aus Nablus, der zur Verstärkung des israelischen Teams gekommen ist. Große Stücke hält er von "unseren jüdischen Kollegen" auch aus politischem Grund. "Sie zeigen, dass es noch ein anderes Israel gibt, das Frieden mit uns will."

Aus dem anfänglichen Chaos in der Sozialstation ist inzwischen ein geordnetes Durcheinander geworden. Vor den Türen, an denen man Zettel mit der Aufschrift "Allgemeinmedizin", "Herz und Inneres", "Kinder", "Neurologie" und "Chirurgie" angeheftet hat, formieren sich Warteschlangen. Das Prinzip Improvisation gilt auch drinnen. Behandelt wird auf Schreibtischen und Anrichten, meist dient eine Jacke oder Wolldecke als Unterlage.

Bei Achmad Nasasra, dem Beduinenarzt, der sich zum ersten Mal bei den Ärzten für Menschenrechte engagiert, geht es wie im Taubenschlag zu. Jedes zweite Kind, das ihm vorgestellt wird, leidet nach dem ungewöhnlich nasskalten Winter an akuten oder verschleppten Virusinfektionen. Wie oft er heute schon Antibiotika gegen Ohr- und Rachenentzündungen verschrieben hat, kann er auf Anhieb gar nicht sagen. Medikamente, die sich die Patienten draußen am Pharmaziestand umsonst abholen können.

"Es tut gut, hier helfen zu können", sagt Nasasra. Aber da liegt auch das viermonatige Mädchen, das nicht mehr wiegt als ein Neugeborenes. Ein jämmerlich aussehender Säugling, der mit einem geschlossenen Anus zur Welt kam und daher kaum Nahrung verarbeiten kann. Um das Baby zu retten, wäre eine komplizierte Operation notwendig, die nur in einer Spezialklinik möglich ist. So etwas gibt es in den palästinensischen Gebieten nicht, im Tel Aviver Ichilov-Hospital aber schon. Die Eltern des Mädchens sind verzweifelt. Mehrfach haben sie versucht, das Kind in ein Krankenhaus in Israel zu bringen. Aber, so sagen sie, "die Soldaten haben uns nicht durchgelassen".

Auch das ein Fall für die "Physicians for Human Rights". Anhand des ausgestellten Diagnosepapiers von Nasasra werden sie neu verhandeln: erst mit der Klinik in Tel Aviv, um den Preis für die teure Operation zu senken, und dann mit der Armee, um einen unverzüglichen Krankentransport zu gewährleisten. Wenn das gelingt und die Familie sowie eventuell die Autonomiebehörden einen Teil der Finanzierung tragen - der größere Rest ließe sich wahrscheinlich durch Spenden decken -, hat das kleine Mädchen noch eine Chance. "Es ist immer wieder das Problem mit dem Geld", klagt Schabtai Gold, der PHR-Sprecher. "Viel zu oft sterben Patienten vor der Zeit, weil die Kosten für Knochentransplantationen oder Krebstherapien nicht rechtzeitig aufgebracht werden können."

Auch Pnina Feiler, eine israelische Krankenschwester, die trotz ihrer fast achtzig Jahre jeden Samstag mit den Ärzten in der Westbank unterwegs ist, macht sich nichts vor. "Unsere Hilfe ist ein Tropfen im Meer des Elends. Aber aktiv zu bleiben, hilft mir auch selbst. Was unsere Regierung treibt, macht mich sonst noch krank." Immer noch besser also, das Menschenmögliche zu versuchen. So wenig ist das nicht. 400 Patienten, über ein Viertel von ihnen Minderjährige, sind allein in Kaddoum am Ende des Tages versorgt, so gut es ging.

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