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Produktionsstätte von Huawei: Der chinesische Telekommunikationskonzern gerät in den Verdacht, autoritären Regimen zu dienen.

Unterdrückung

Huawei öffnet Türen für Spitzel

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In Uganda und Sambia unterdrücken Autokraten mit Hilfe des chinesischen Konzerns politische Gegner.

Peinliche Panne für den chinesischen Huawei-Konzern. Nach Recherchen des New Yorker „Wall Street Journals“ (WSJ) haben Techniker des größten Technologieunternehmens der Welt mindestens zwei autoritären Regierungen in Afrika dabei geholfen, Oppositionelle zu bespitzeln und deren soziale Netzwerkverbindungen zu knacken. In beiden Fällen kam es anschließend zu Verhaftungen.

Die Vorfälle bestätigen den Verdacht der US-Regierung, wonach die Standards des chinesischen Unternehmens in Sachen Datensicherheit nicht den westlichen Maßstäben entsprechen. Washington belegte Huawei deshalb mit Sanktionen und forderte andere westliche Regierungen auf, den Konzern vom Aufbau von 5G-Mobilfunknetzwerken wegen drohender Spionagemöglichkeiten auszuschließen.

Dem US-Vorstoß wollen allerdings längst nicht alle westlichen Regierungen folgen, darunter auch die deutsche. Huawei bestreitet, der Regierung in Peking jemals Daten ausländischer Kunden weitergegeben zu haben. Auch die Enthüllungen des „Wall Street Journals“ wies der Konzern als „unbegründet und nicht akkurat“ zurück. Huawei habe „weder die vertraglichen Grundlagen noch die technologischen Möglichkeiten“ die Daten seiner Kunden zu kompromittieren, heißt es in einer Konzernmitteilung. WSJ kam zu einem anderen Schluss.

Sowohl in dem ostafrikanischen Staat Uganda wie im südafrikanischen Sambia räumten Polizisten und Geheimdienstler gegenüber der renommierten Wirtschaftszeitung ein, dass ihnen Huawei-Techniker beim Hacken von geschützten Netzwerkkonten wie WhatsApp geholfen hätten. „Sie bringen uns bei, wie wir ‚Spyware‘ gegen Sicherheitsbedrohungen und politische Gegner einsetzen können“, sagte ein namentlich nicht genanntes Mitglied einer Spezialeinheit in Ugandas Polizeihauptquartier den WSJ-Reportern. Die ugandische Regierung hatte Huawei beauftragt, ein Videoüberwachungsnetzwerk zur Verbrechensbekämpfung aufzubauen: Dazu wird in der Hauptstadt Kampala noch in diesem Jahr eine Einheit ihre Arbeit aufnehmen, die ein Überwachungssystem aus 5000 Kameras mit Gesichtserkennungstechnologie steuern soll.

Der eklatanteste Fall der Datenkompromittierung mit Hilfe Huaweis soll sich um den ugandischen Musiker und Oppositionspolitiker Bobi Wine ereignet haben. Der 37-jährige Popstar, der mit bürgerlichem Namen Robert Kyagulanyi heißt, beabsichtigt, den seit 33 Jahren zunehmend autokratisch regierenden Präsidenten Yoweri Museveni bei den kommenden Wahlen im Jahr 2021 abzulösen.

Wine wird von den Sicherheitskräften des Landes regelmäßig festgenommen und misshandelt: Im vergangenen Herbst wurde er dermaßen verprügelt, dass er sich anschließend in ärztliche Behandlung in die USA begeben musste. Nach Hause zurückgekehrt, versuchte der Parlamentsabgeordnete, Straßenproteste und ein Konzert unter Beteiligung mehrerer anderer Regierungsgegner zu organisieren. Kurz zuvor wurde Wine jedoch gemeinsam mit Dutzenden anderer Regimekritiker verhaftet. Nach den Aussagen eines Polizisten hatten die Sicherheitskräfte das WhatsApp- und Skype-Konto des Musikers mit Hilfe mehrerer Huawei-Angestellter gehackt. Eine Sondereinheit der Polizei habe zuvor tagelang vergeblich versucht, die Sicherheitsschranken der sozialen Netzwerke zu knacken.

Eine ähnliche Geschichte entdeckten WSJ-Reporter in Sambia. Dort räumte ein Sprecher der regierenden Patriotischen Front ein, dass in der Aufsichtsbehörde „Zambia Information & Communications Technology Authority“ (Zicta) zahlreiche Huawei-Techniker tätig seien, die der Regierung bei der Bekämpfung oppositioneller Blogger zur Seite stünden. „Wann immer wir die Urheber von ‚Fake News‘ aufspüren wollen, hilft uns Huawei sicherzustellen, dass unsere Telekommunikationsmittel nicht missbraucht werden“, sagte der Sprecher. Den WSJ-Recherchen zufolge gehören fast zwei Dutzend Huawei-Angestellte zum „Cybercrime Crack Squad“ im Zicta-Sitz in der Hauptstadt Lusaka: Mit ihrer Hilfe sollen unter anderem die anonymen Betreiber des regierungskritischen Internetportals „Koswe“ (die Ratte) aufgespürt und festgenommen worden sein. Das Regime des ehemaligen Verteidigungsministers Edgar Lungu nimmt seit seiner Wahl zum Präsidenten im Januar 2015 immer autoritärere Züge an.

Die WSJ-Reporter räumen ein, auf keine Beweise oder Indizien gestoßen zu sein, die eine direkte Einflussnahme der chinesischen Regierung auf die von Huawei gesammelten Daten nahelegten. Allerdings war Peking maßgeblich daran beteiligt, dass der Konzern zum führenden Anbieter von Einrichtungen der Telekommunikation und Videoüberwachung auf dem afrikanischen Kontinent wurde. Huawei baute in rund 40 afrikanischen Staaten die Telekommunikationsnetzwerke auf und dominiert auch den Internetzugang in dem Erdteil.

Aktuell spezialisiert sich Huawei zunehmend auf die Videoüberwachung afrikanischer Städte: Seine Initiative „Safe City“ wurde bisher weltweit in 700 Städte umgesetzt, darunter auch in der ugandischen Hauptstadt Kampala. Bereits 2017 erschütterte ein Abhörskandal den Kontinent: Techniker der Afrikanischen Union (AU) hatten festgestellt, dass aus dem von China errichteten AU-Hauptquartier in Addis Abeba Nacht für Nacht riesige Mengen an Daten nach Shanghai übertragen wurden. Am Bau des AU-Sitzes wirkte auch Huawei mit.

Konzern unter Druck

Gleich in mehreren Regionen muss sich das chinesische Unternehmen Huawei mit ernsthaften Problemen auseinandersetzen. In Folge von Sanktionen der USA sinkt der Marktanteil der Huawei-Smartphones in Europa im zweiten Quartal erstmals, wie das Marktforschungsunternehmen Canalys am vergangenen Mittwoch mitteilte. Demnach ging der Verkauf von April bis Juni im Vergleich zum Vorjahresquartal um 16 Prozent auf 8,5 Millionen Geräte zurück. Der Marktanteil sank damit von 20 auf 18,8 Prozent.

Die USA hatten Huawei kürzlich auf eine schwarze Liste gesetzt. Sie befürchten Spionage, was das chinesische Unternehmen zurückweist. US-Präsident Donald Trump untersagte Unternehmen seines Landes zudem per Dekret die Nutzung von Telekommunikationstechnik von Huawei.

Google hat inzwischen seine Zusammenarbeit mit Huawei eingeschränkt, das nährt die Befürchtung, dass das weit verbreitete Betriebssystem Android auf den Huawei-Geräten nicht mehr aktualisiert werden kann. Folglich schreckt das Kunden vom Kauf neuer Geräte der Marke ab, weil sie befürchten, Google-Dienste wie Gmail oder Goole Maps bald nicht mehr nutzen zu können.

Auch in China selbst hat Huawei Ärger: Nutzer kritisierten im Internet die Smartphones der Serie P. Bei der Wahl der Zeitzone werden Taiwan und Hongkong als Länder angegeben – China betrachtet beide als Bestandteile der Volksrepublik. Huawei erklärte, man arbeite derzeit an dem Problem. (afp)

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