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Houellebecq provoziert wieder gegen Muslime - und kassiert eine Anzeige

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Von: Stefan Brändle

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Michel Houellebecq gibt nichts auf gesellschaftlichen Konsens, wenn er eine andere Meinung entwickelt.
Michel Houellebecq gibt nichts auf gesellschaftlichen Konsens, wenn er eine andere Meinung entwickelt. © IP3press/Imago

Michel Houellebecq greift den Islam an und spricht von einem „umgekehrten Bataclan“. Der Rektor der Pariser Moschee ist empört und zeigt den Skandalautor an.

Paris – In letzter Zeit hatte sich der französische Autor Michel Houellebecq (66) eher zurückgehalten: Mit seinem Roman „Vernichten“ (2022) fokussierte er sich auf private Fragen wie die Sterbehilfe. Und für „Serotonin“ (2019) hatte das „Enfant terrible“ des Pariser Literaturbetriebs von Präsident Emmanuel Macron sogar die Ehrenlegion entgegengenommen.

Jetzt provoziert der Skandalautor aus Frankreich wieder. Dabei beschränkt er sich nicht auf die Fiktion eines islamistischen Wahlsieges, über die er 2015 in seinem bekanntesten Roman „Unterwerfung“ fabuliert hatte. Jetzt versucht sich der Gewinner des französischen Goncourt-Literaturpreises als politischer Historiker.

Houellebecq: „Der Wunsch der französischen Bevölkerung ist, dass Muslime aufhören, sie zu bestehlen und anzugreifen“

In einem vierzig Seiten langen Zwiegespräch mit dem französischen Philosophen Michel Onfray, sagt Houellebecq Dinge wie: „Als die Reconquista, dieses Modell der Rückeroberung, einsetzte, war Spanien unter muslimischer Herrschaft“. Heute, so der rechtspopulistische Schriftsteller, sei man zwar noch nicht so weit. Doch was man feststellen könne, ist, „dass sich die Leute bewaffnen. Sie verschaffen sich Gewehre und nehmen Kurse im Schießstand. Und das sind keine Knallköpfe“, so Houellebecq.

Und der Skandalautor hetzt in Onfrays Zeitschrift „Front Populaire“ weiter: Vermutlich würde es zu Widerstandsaktionen kommen, wenn ganze Gebiete unter islamistischer Kontrolle stünde. „Dann wird es Attentate und Schießereien in den Moscheen und von Muslim:innen besuchten Cafés geben, kurz, ein umgekehrtes Bataclan.“ Nach diesem Hinweis auf den Terroranschlag in dem Pariser Konzertlokal von 2015 mit 131 Toten führt der Autor weiter aus: „Der Wunsch der französischen Bevölkerung ist nicht, dass sich Muslim:innen assimilieren, sondern dass sie aufhören, sie zu bestehlen und anzugreifen. Oder dass sie weggehen.“

Rektor der Pariser Moschee erstattet Anzeige wegen „Aufruf zum Hass gegen Muslime“

Ist das noch Provokation Houellebecq’scher Art – oder eher die Entlarvung derselben? Auf jeden Fall hagelte es geharnischte Reaktionen. Der Rektor der Großen Pariser Moschee, Chems-Eddine Hafiz, hatte am Dienstag bekannt gegeben, dass er gegen Houellebecq Anzeige wegen „Aufruf zum Hass gegen die Muslime“ eingereicht habe. Inzwischen hätten sich jedoch die Spannungen gelegt. Houellebecq hat sich mit Hafiz getroffen. Der Schriftsteller habe seine Äußerung als „ambivalent“ bezeichnet und teilweise zurückgenommen. Die Moschee gedenke deshalb die Anzeige zurückzuziehen.

Wenn Houellebecq von einem „umgekehrten Bataclan“ spreche, sei das, als rufe er die Leute implizit auf, sich zu bewaffnen, kritisiere der als weltoffen geltende Rektor. Diese „unsägliche Brutalität“ sei nicht mehr durch die Pressefreiheit abgedeckt. Denn auf die Pressefreiheit stützt sich nun Herausgeber Onfray ab, um Houellebecq zu verteidigen. Dass der auf der Insel La Réunion im Indischen Ozean geborene Exzentriker alle Muslim:innen mit gefährlichen Islamisten gleichsetze, sei eine intellektuell zulässige „Verallgemeinerung“. Auch die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ greife zu provokativen Darstellungen, die unter die Meinungsäußerungsfreiheit fielen.

„Bescheuertste Religion“: Houellebecq schon vor zwei Jahren wegen rassistischen Aussagen vor Gericht

Der Vergleich mit den Mohamed-Karikaturen sei falsch, entgegnet die islamkritische Feministin Caroline Fourest: „Charlie Hebdo kritisiert die Religion, ohne zum Hass aufzurufen. Das ist die entscheidende Nuance, die Houellebecq mit seinen Aussagen missachtet.“ Aus diesem Grund geben Jurist:innen der Klage der Pariser Moschee gute Chancen. Vor zwanzig Jahren war der streitbare Autor noch freigesprochen worden, als er den Islam als „bescheuertste Religion“ bezeichnet hatte. Das Gericht sah darin eine freie Meinungsäußerung, die nicht zum Hass anstifte.

Hafiz ist nicht auf einen rassistisch motivierten Mordfall eingegangen, der sich in Paris am Tag vor Weihnachten ereignete und der landesweit hohe Wellen geschlagen hat. Dieser Mordanschlag vor dem kurdischen Kulturzentrum ließe sich durchaus als „umgekehrtes Bataclan“ lesen. Doch die Öffentlichkeit geht nicht auf die Frage ein, ob möglicherweise ein Bezug zur zweistimmigen Brandrede von Houellebecq und Onfray – die seit Ende November im Handel ist – bestehe. Houellebecq bleibt immerhin der meistgelesene französische Autor. (Stefan Brändle)

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