+
Demonstranten versuchen sich vor dem Tränengas der Polizei von Hongkong zu schützen.

Protestbewegung

In Hongkong fließt Blut

Ein Polizist schießt um sich, verletzt zwei Demonstranten – und Chinas „Sonderverwaltungszone“ erlebt einen weiteren Tag der Gewalt.

Wieder wurde in Hongkong scharf geschossen. Wieder landeten schwer verwundete Menschen im Krankenhaus. Wieder entlud sich der Volkszorn in gewalttätigen Protesten und wieder reagierte die Polizei mit Tränengas und Gummigeschossen darauf. Die Lage in Hongkong eskaliert mit jedem Tag mehr.

Am Montag war via Facebook live zu sehen, wie ein Polizist einem Demonstranten aus kaum 30 Zentimeter Entfernung in die Brust schoss. Der Streifenpolizist hatte versucht, einen sich wehrenden Mann an einer von Demonstranten blockierten Straßenkreuzung festzunehmen. Im Zuge dessen zog der Polizist seinen Revolver. Als sich ein anderer Demonstrant näherte, schoss der beamte ohne jede Vorwarnung. Sekunden später gab er zwei weitere Schüsse ab und ein weiterer Demonstrant ging zu Boden. Anschließend war zu sehen, wie Beamte die beiden Verwundeten abtransportierten. Das erste Opfer lag in einer Blutlache. Der zweite Mann war bei Bewusstsein, als Polizisten ihm Handschellen anlegten, und unternahm einen kurzen Fluchtversuch. Ein Krankenhaus meldete die Einlieferung eines 21-jährigen Mannes mit einer Schussverletzung. Dies war bereits das dritte Mal, dass Hongkonger Polizisten während der Proteste gegen die Demonstranten von der Schusswaffe Gebrauch machten. Das Video dieses Montags lässt den Schluss zu, dass der Streifenpolizist von der Situation komplett überfordert war.

In der Folge kam es wieder massiven Protesten und Ausschreitungen. Um die Mittagszeit demonstrierten Tausende, blockierten Straßen, beschädigten Geschäfte wie Bahnstationen und skandierten „Mörder!“ gegen die Polizei. Die reagierte mit Tränengas und – den potenziell tödlichen – Gummigeschossen, unter anderem auf dem Gelände von Universitäten sowie in Vierteln nahe des Hongkonger Hafens. In Kurznachrichtendiensten zirkulierte ein Video, das einen Polizisten zeigte, der mehrmals versuchte, sein Motorrad in eine Menschenmenge zu lenken.

Derweil berichtete die Polizei von einem Brandangriff auf einen Mann, der sich zuvor mit Hongkongern gestritten haben soll. Auch die Videos dieses Vorfalls wurden in Online-Netzwerken vielfach geteilt. Dabei ist zu sehen, wie ein Angreifer den Mann mit einer Flüssigkeit übergießt und ihn dann in Brand setzt. Ein Polizeisprecher machte Demokratieaktivisten für den Angriff verantwortlich. Der Mann sei in lebensbedrohlichem Zustand in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Eine unabhängige Darstellung des Vorfalls lag bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe nicht vor.

Der Kommentar: Beendet die Gewalt

In der „Sonderverwaltungszone“ Hongkong gibt es seit Monaten Proteste für mehr Demokratie und gegen den zunehmenden Einfluss Pekings. Ausgelöst wurden sie durch ein Gesetzesvorhaben, das erstmals auch Auslieferungen in die kommunistische Volksrepublik ermöglicht hätte. Eigentlich genießen Hongkonger seit der Rückgabe der britischen Kronkolonie an China 1997 gesetzlich garantiert mehr Bürgerrechte als ihre Landsleute in China – es gilt ein staatsrechtliches Motto „Ein Land, zwei Systeme“. Peking versucht aber offenbar, dies immer weiter abzubauen, um den Menschen in der Volksrepublik keine alternative Staatsform tagtäglich vorzuführen.

Die Proteste hatten sich nach dem Tod eines 22-jährigen Studenten am Freitag wieder verstärkt. Der Demonstrant war eine Woche zuvor beim gewaltsamen Vorgehen von Polizisten von einem Parkdeck gestürzt. (FR/afp)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion