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USA pur: Joe Biden.
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USA pur: Joe Biden.

Porträt

Honest Joe

  • Peter Rutkowski
    vonPeter Rutkowski
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Im Profil: Joe Biden verkörpert ein Ideal von US-Amerikaner, wie es seit langem aus der Mode schien.

Honest Joe – ein anständiger Kerl, ein ordentlicher, verlässlicher Mensch. „Joe“ ist in diesem Fall eine für Umgangssprachen typische, eigentlich überflüssige, weil verdoppelnde Verstärkung von „honest“. Zusammengezogen verbindet sich die Zuschreibung von moralischer Integrität – „honest“ – mit „Joe“ oder „regular Joe“ – Mitmensch, Jedermann, der Mann auf der Straße – zum Ausdruck von Hochachtung für einen unprätentiösen, bescheidenen und so noch mehr integren Menschen, der Gemeinnutz immer vor Eigennutz stellen wird.

In der Library of Congress, dem Ort in Washington, der einer Nationalbibliothek für die USA am nächsten kommt, werden in einer speziellen Sammlung all jene kulturellen Artefakte bewahrt, die den Charakter, das Selbstverständnis und die Leistungen der Menschen in den USA verdeutlichen. Anders als in manch anderen Nationalbibliotheken finden sich dort auch Spielfilme gleichberechtigt neben Romanen, Gedichtbänden und bildender Kunst.

Es gibt zwei Spielfilme aus den goldenen Jahren von Hollywood, die meist als das kongenial umgesetzte Idealbild des modernen „homo americanus“ angesehen werden: „Mr. Smith Goes to Washington“ und „It’s A Wonderful Life“. Beide wurden vom Einwandererkind Frank Capra (1897 – 1991) gedreht, dem nachgesagt wird, seine Karriere habe wie keine andere der Idee des „American Dream“ entsprochen.

In beiden Filmen wurden die Hauptrollen von James Stewart (1908 – 1997) übernommen. Stewart verkörperte fast durchgängig den US-amerikanischen Jedermann, das „American Ideal“ des unprätentiösen Nachbarn ein paar Häuser weiter in der Straße, der in der Not anderer völlig selbstverständlich und ohne jedes Tamtam über sich selbst hinauswächst, Verantwortung übernimmt und die jeweilige Sache zu einem glücklichen Schluss bringt. Oft wird „Jimmys“ souveräne Ruhe und Selbstsicherheit als Mangel an Ehrgeiz und als Einfältigkeit verkannt. Notabene: Stewart musste sich irrsinnig anstrengen, um auch mal schillernde oder gar negative Rollen zu bekommen.

Capra jedenfalls war der Hollywoodmacher, der Stewart zum Star machte. „Mr. Smith“ (1939) ist ein aufrichtig sozial engagierter Provinzler, der von einem korrupten Washington-Politiker als Aushängeschild (und Sündenbock) in den US-Senat befördert wird. Zum Opfer einer Schmutzkampagne geworden, verteidigt sich Smith, indem er mit einem 25-Stunden-„Filibuster“ (einer ununterbrochenen Rede, um den Parlamentsbetrieb aufzuhalten) seine wahren Motive und Absichten darlegt und eine verbrecherische Unternehmung seines Mentors öffentlich macht. Am Ende siegt gegen alle Widerstände und allen Zynismus das Gute.

In „Wonderful Life“ (1946) gibt Stewart den braven George Bailey, der an einem Weihnachtsabend Suizid begehen will, weil er überzeugt ist, dass er nichts in seinem Leben erreicht hat. Im letzten Moment offenbart sich ihm sein Schutzengel und zeigt ihm eine Welt ohne George Bailey, in der dessen Aufrichtigkeit, Selbstlosigkeit und Warmherzigkeit fehlen, was dann katastrophale soziale und individuelle Konsequenzen hat. Am Ende siegt in der Realität mit George Bailey das Gute und manch Böser bereut seine Missetaten.

Der Mythos der Hollywood-Märchen-Maschinerie kommt nicht von ungefähr.

Zwischen „Smith“ und „Wonderful“ hing James Stewart seine Filmkarriere an den Nagel und diente als Bomberpilot im Luftkrieg über Deutschland. Weil das sich seiner Überzeugung nach so gehörte. Stars waren auch nur Menschen, also Mitmenschen.

Aber was soll das alles mit Joe Biden zu tun haben? Biden wurde wegen Asthma ausgemustert und hat nie gedient. Biden hat seine politische Karriere ganz selbst verantwortet. Er hat sein Engagement für seine Mitmenschen in den USA niemals bereut oder geriet gar in die Gefahr, sich selbst Gewalt anzutun.

Joe Biden sieht (vor allem dem jungen) Jimmy Stewart nicht nur so frappierend ähnlich wie ein naher Verwandter – praktisch alles in Bidens offiziell bekanntem Leben, seiner Herkunft, seinem Werdegang, Privates wie Öffentliches verkörpert das Aufmerksame und Behutsame des „American Ideal“, das anständige und aufrichtige Leben eines braven US-Jedermanns. Nichts davon ähnelt dem Trump’schen rücksichtslos durchgeboxten „American Dream“ (Trump-Klone kommen in den beiden Capra-Filmen auch vor, und es ist völlig klar, wie man die zu sehen soll).

Biden entstammt tatsächlich dem, was man in Europa Kleinbürgertum nennen würde. Sein Vater war mal wohlhabend, verlor aber alles mit dem industriellen Niedergang des heimatlichen Pennsylvania, das Leben der Familie Biden war ein täglicher Kampf um das bloße Auskommen und ein bisschen bürgerliche Würde. Seine politische Karriere begann der 26-jährige Joe als ein zu liberalen Vorstellungen neigender Unterstützer der Republikaner – denn die standen im Bundesstaat Delaware, wo Biden und seine junge Familie wohnten, gegen die von alters her korrupte und rassistische Parteimaschinerie der dortigen Demokraten. 1972 aber gewann er in einem unprätentiösen Von-Haustür-zu-Haustür-Wahlkampf gegen den republikanischen Amtsinhaber den zweiten Senatssitz Delawares in Washington.

Kein Jahr verging, da verlor Biden Frau und Tochter bei einem Verkehrsunfall in der Vorweihnachtszeit. Seine beiden Söhne überlebten verletzt. Von Verzweiflung und Trauer geplagt, versuchte der zweifelnde Katholik Biden als Parlamentspendler (jeden Tag zweimal 90 Minuten im Zug) seinen Söhnen irgendwie ein guter Vater zu sein und seinem Wahldistrikt ein würdiger Abgeordneter. Erst durch seine spätere zweite und jetzige Frau Jill soll Biden wieder „zum Leben zurückgefunden haben“ – und zum Willen, in der Politik etwas zu bewegen.

In 36 Jahren im Senat bewegte er viele Reformen, manche mehr zum Guten, manche weniger. Aber immer wieder gab er schonungslos zu, wenn er sich geirrt hatte oder wenn er – ein durchaus gewandter, schnell denkender Redner – sich einen verbalen Fauxpas zwischen dem aus der Kindheit überwundenen Stottern und zu schnellen Gedankengängen geleistet hatte.

Im Laufe von jenen fast vier Jahrzehnten behauptete sich Biden als immer distinguierte und niemals distanzierte „vernünftige Mitte der Demokraten“, wie es ein Zeitungskolumnist aus Delaware formulierte. Oder wie Barack Obama beschrieb – und dabei wahrscheinlich unfreiwillig Frank Capra, James Stewart und das „American Ideal“ paraphrasierte: Sein Vize, so der Präsident, sei wie ein Basketballer, „der einen Haufen wichtiger Sachen erledigt, die der Trainer sich niemals notiert“.

Wenn Trump nicht noch bis zum 20. Januar in den demokratischen Machtwechsel reingrätscht, werden die Menschen in aller Welt sehr aufmerksam notieren können, was Präsident „Honest“ Joe Biden macht.

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