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Sie halten zusammen, komme, was da wolle: Mutter Danuta (l.) und Tochter Patrycja Zarzeczna.

Homophobie in Polen

Es geht um die Kinder

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In Polen kämpfen Eltern Homosexueller gegen Diskriminierung - und gegen ihre eigenen Vorurteile.

Danuta Zarzeczna und ihre lesbische Tochter Patrycja setzen sich gemeinsam für den Schutz von LGBTI-Jugendlichen in Polen ein. Patrycja musste als junges Mädchen selbst durch die Hölle gehen – wegen der konservativen polnischen Gesellschaft und auch wegen ihrer einst homophoben Mutter.

Die Mutter von gestern

Danuta Zarzeczna dreht langsam den Schlüssel im Zündschloss herum und fährt dann behutsam los. Ziel ist eine Klinik im zentralpolnischen Gostynin. Seit April dieses Jahres wird dort ihre 32-jährige Tochter Patrycja Zarzeczna behandelt, wegen einiger körperlicher Krankheiten – und wegen Depressionen. Letztere, sagt die 59-jährige Mutter, habe auch mit der „Hölle“ zu tun, durch die ihre Tochter aufgrund der während Pubertät und Schulzeit verborgenen Homosexualität gegangen sei. „Als Gesellschaft versagen wir in dieser Frage in Polen auf ganzer Linie – es schreit nach der Rache des Himmels, dass es keine Sexualerziehung an Schulen gibt“, sagt die dreifache Mutter. Seit ihrer eigenen Schulzeit in den späten 70er Jahren habe sich in der Sache faktisch nichts geändert, nicht-heterosexuelle Orientierungen würden in Schulen totgeschwiegen. Auch deshalb engagiere sie sich heute in dem landesweit agierenden Verein My rodzice (Wir Eltern) von und für Eltern von LGBTI-Kindern. „Ich tue das, weil ich selbst lange Zeit derart homophob war, dass ich nur dankbar sein kann, dass meine Tochter seinerzeit all die Selbstmordgedanken, von denen sie mir später erzählte, nicht in die Tat umgesetzt hat“, sagt sie, bevor sie an der letzten Kreuzung auf dem Weg zur Klinik abbiegt.

Die homophobe Politik von heute

Engagement und Einsicht wie bei Danuta Zarzeczna sind in Polen mehr als nötig. Denn das von der erzkatholischen, nationalistisch-homophoben Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) regierte Land rangiert bezüglich der Rechte von LGBTI-Personen EU-weit hinten. Ein jüngstes Ranking von ILGA Europe, einem internationalen, rund 600 Organisationen zählenden Dachverband für den Kampf für LGBTI-Rechte, sieht Polen in der Union diesbezüglich auf dem vorletzten Rang. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften sind rechtlich nicht einmal ansatzweise geregelt. Deutlich stärker als im Westen Europas sehen sich aber auch Jugendliche, die während der Pubertät ihre Sexualität entdecken, an den Pranger gestellt. Sie leiden in Isolation und Einsamkeit, wenn ihre Orientierung nicht der heterosexuellen Norm entspricht.

Und Besserung scheint nicht in Sicht. Als im Frühjahr dieses Jahres eine landesweite Debatte um eine „LGBT+-Charta“ sowie um Sexual- und Antidiskriminierungsunterricht in Warschaus Schulen losbricht, stellt sich vor den EU-Parlamentswahlen die liberalkonservative Bürgerplattform (PO) als wichtigste Oppositionskraft zunächst auf die Seite der LGBTI-Aktivisten. Aber nach dem nun verlorenen Votum und vor den im Herbst anstehenden Parlamentswahlen versucht sie, das Thema totzuschweigen. „Ich sehe keine Notwendigkeit, sich in nächster Zeit parteilich in dieser Angelegenheit zu engagieren“, sagt PO-Chef Grzegorz Schetyna.

Die verletzte Tochter

Danuta Zarzeczna überkommt da die schiere Wut: „Wenn es hart auf hart kommt, kann man auf die PO nicht zählen – das war in der Vergangenheit so und gilt auch für die Zukunft“, sagt sie, als sie am Parkplatz der Klinik in Gostynin vorfährt. Ihre Tochter kommt ihr bereits entgegen. Die Frauen umarmen sich innig, dann setzen sich in den Klinikpark – um ihre Geschichte zu erzählen, damit andere Mut fassen, damit Jugendliche auf der Suche nach ihrer sexuellen Identität sich an der Geschichte von Danuta und Patrycja ein Beispiel nehmen können. Das ist dringend nötig. Die Organisation Kampagne gegen Homophobie (KPH) hat Zahlen veröffentlicht, laut denen 70 Prozent der LGBT-Jugendlichen in Polen Suizidgedanken hegen.

„Auch mich hat die Homophobie an den Rand des Selbstmords geführt“, sagt Patrycja Zarzeczna. Mit ihren rot gefärbten, zu einem Zopf geflochtenen Haaren wirkt die studierte Computergrafikerin jünger, als sie ist. Etliche Krankheiten hätten sie in den vergangenen Jahren an der beruflichen Entwicklung, an der Entfaltung ihres Lebens gehindert, sagt sie. Doch ihrem Willen, sich heute für die Rechte von Minderheiten einzusetzen, hat dies offensichtlich keinen Abbruch getan. In ihrer Heimatstadt Wloclawek leiten sie und ihre Mutter die Initiative „Regenbogen-Kai“, organisieren Treffen für Jugendliche, die sich zumeist noch nicht geoutet haben. „Es geht darum, dass die Jugendlichen einen Ort haben, wo ihnen jemand zuhört, wo sie sich sicher fühlen“, sagt Patrycja. Und ihre Mutter, eine selbstständige Steuerberaterin, genieße bei diesen Jugendlichen den Ruf der „Regenbogenmama“.

Der lange Weg „raus aus dem Schrank“

Ihr eigener Weg zur schleichenden Offenbarung vor der einst homophoben Mutter und deren anschließende Transformation zur „Regenbogenmama“ war weit – und die heranwachsende Patrycja blieb mit ihrer erwachenden homosexuellen Identität jahrelang komplett allein. „Als ich 13 oder 14 war und meine Freundinnen begannen, sich nach Jungs umzuschauen, konnte ich das nicht verstehen – denn mir gefielen mehr und mehr die Mädchen“, erzählt sie. Sie habe es aber niemanden gesagt, auch in späteren Gymnasialjahren schwieg sie. „Erst mit 17 oder 18 schrieb ich es per E-Mail einer Freundin, die Hunderte Kilometer weit weg wohnte – ich dachte, höchstens verliere ich eine Freundin in der Ferne. Und vielleicht erzählt sie es niemanden.“ Da fällt die Mutter Patrycja ins Wort, kann nicht umhin, noch einmal auf die eigene schuldhafte Verstrickung in die schwere Jugend ihrer Tochter zu verweisen: „Seit dem 13. Lebensjahr hast Du ganz alleine mit Deinen Gedanken gekämpft!“

Jetzt ist Patrycja nicht mehr allein, vielleicht hilft die Nähe der Mutter beim Erinnern und Erzählen: Im gut 100 000 Einwohner zählenden Wloclawek kann sie sich als Jugendliche nicht zurechtfinden. Die im ganzen katholischen Polen verbreitete Ansicht, Homosexualität sei anormal, die gesellschaftliche Enge der Provinzstadt, die alltäglichen Äußerungen von Schülern über „Schwuchteln – all dies führt bei dem heranwachsenden Mädchen zur Depression. „Doch meine Mutter wusste nicht, dass ich Selbstmordgedanken hatte – sie erfuhr es erst bei einem gemeinsamen Besuch beim Psychiater, ohne aber den Grund zu kennen“, sagt sie. Die Homosexualität Patrycjas bleibt zunächst weiter verborgen. Doch die erwähnte Fernfreundin zeigt Verständnis, und das stärkt die inzwischen 18-Jährige. Ein Jahr später zieht sie wegen einer Fotografinnen-Ausbildung nach Warschau und offenbart sich dort zunächst einer Frau, mit der sie in einer WG zusammenlebt. „Ich habe mich in diese Frau verliebt – und hier fängt die Geschichte mit meiner Mutter an“, sagt sie lachend.

Liebe, Akzeptanz – ohne Wenn und Aber

Danuta Zarzeczna wiederholt, es sei ihre eigene Homophobie gewesen, die jahrelang einem ehrlichen Gespräch mit der Tochter im Wege gestanden habe. „Mein zweiter Mann, der Stiefvater Patrycjas, hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass meine Tochter homosexuell sein könnte – er selbst hatte keine Vorurteile und hielt mich an, Patrycja zu fragen. Denn so, wie ich die Homosexuellen hasste, sagte er, würde sie es nie von sich aus erzählen.“ Bei einem Besuch ihrer damals 20-jährigen Tochter ist es dann soweit: Die Mutter fasst den Mut und fragt ihre Tochter kurz vor deren Abfahrt. „Sie antwortete nicht, brach in Tränen aus – und da wusste ich, dass sie lesbisch ist.“ Patrycja kann inzwischen über die Situation damals lachen. „Mama blieb mit der Bombe alleine zu Hause – und ich wusste nicht, wie mir geschah. Jetzt kannst Du erzählen, wie es bei Dir war mit der Verarbeitung“, sagt sie neckend, ohne Vorwürfe, in Richtung ihrer Mutter. „Ich habe ihr gesagt, dass ich sie liebe und dass ihre Homosexualität nichts zwischen uns ändert“, sagt Danuta. Die Worte klingen nicht nach Rechtfertigung. Eher nach Demut.

Denn der Mutter ist auch heute noch, da die beiden Frauen eine innige und offenherzige Mutter-Tochter-Beziehung pflegen, nicht nach Lachen zumute. Zu groß ihr Bewusstsein, dass die Geschichte ihrer Tochter auch hätte tragisch enden können, und dass ähnliche Biografien und homophobe Eltern für unzählige Jugendliche auch heute noch tiefste Traumata bedeuten. „Seit dem 13. bis zum 20. Lebensjahr hatte sie keinerlei Unterstützung durch mich, ich habe versagt.“ Der Gedanke an diese Zeit scheint die Frau nicht loszulassen. Nach der Offenbarung ihrer Tochter indes nähert sie sich dem Thema Homosexualität an: Sie liest viel, redet mit ihrer Tochter, lässt sich schließlich dazu überreden, an einer Fortbildung der KPH für Eltern von LGBTI-Kindern teilzunehmen. „Die Teilnahme am ersten und zweiten Turnus lehnte sie noch ab – beim dritten nahm sie endlich teil, gemeinsam mit meinem Stiefvater. Erst dort verstanden sie, warum ich einen so großen Bedarf hatte, über die Homosexualität zu sprechen“, erzählt Patrycja.

Die Angst vor dem Anderen

Dieser Tage wird in Polen so viel über Homosexualität und Rechte von LGBTI-Personen gesprochen wie wohl kaum je zuvor. Doch der Diskurs ist ein feindseliger – und mit allen schrillen Vorzeichen eines Wahlkampfthemas versehen. Das Thema LGBTI-Rechte wird vor den Parlamentswahlen im Herbst womöglich gar über die Zusammenstellung der oppositionellen Koalitionsblöcke mitentscheiden; ein ganzes Spektrum an Parteien – von links bis rechts – verhandelt just darüber. Und während sich Menschen wie Danuta und Patrycja Zarzeczna und ihresgleichen für die Rechte sexueller Minderheiten und eine moderne Sexualerziehung an Schulen einsetzen, agitieren etliche Vereine, Medien, Parteien und die katholische Kirche vehement dagegen. Die Elternvereinigung „Bewegung des 4. März“ etwa kämpft juristisch gegen die LGBT-Charta, die in der Hauptstadt greifen soll. „Wir lassen nicht zu, dass eine radikal ideologisierte Gruppe die Erziehung unserer Kinder übernimmt“, heißt es in einer Erklärung des Vereins. Wohlgemerkt: Jene „radikal ideologisierte Gruppe“, das sind die, die für Toleranz eintreten.

Aktuell sorgt der Fall eines durch den Möbelkonzern Ikea entlassenen Mitarbeiters für Schlagzeilen – der Mann hatte gegen die liberalen LBGTI-Leitlinien und eine Toleranzaktion des Konzerns mit einem Zitat aus dem Alten Testament protestiert. Im 3. Buch Mose, 20, 13, heißt es: „Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide haben den Tod verdient; ihr Tod kommt auf sie selbst.“ Liberale Medien verteidigen das Ikea-Vorgehen, Kritiker werfen dem Konzern Diskriminierung vor, radikale Gruppen wie die „Allpolnische Jugend“ rufen zum Boykott Ikeas auf. Polens mächtiger Justizminister und zugleich Generalstaatsanwalt Zbigniew Ziobro schaltete sich in den „womöglich absolut skandalösen Fall“ ein. Auch die polnische Bischofskonferenz war zur Stelle – sie gratulierte dem Entlassenen zu seiner angeblich mutigen Tat, „im alltäglichen Leben den Glauben zu verteidigen“. Zwar verweisen die Bischöfe auch auf die „Pflicht zur Achtung von LGBT-Personen“ – doch auf den Inhalt des fragwürdigen Bibelzitats, an dessen Wahrhaftigkeit viele in Polen glauben, geht sie nicht ein.

Glück gehabt und geteilt

Denn auch wenn der Ikea-Fall für sich juristisch komplex ist – es geht exemplarisch um Schlagworte, die ungefiltert in viele junge Köpfe dringen, um eine fast alles durchdringende Stimmung in Polen, die mit nach wie vor wirkmächtigen christlichen Verweisen unterfüttert wird. Patrycja Zarzeczna kann ein trauriges Lied davon singen, wie mächtige kirchliche Agitation gegen LGBTI sie beinahe ins Grab brachte. Denn der Gottesglaube, den sie, wie sie sagt, jetzt nicht mehr habe, habe sie in ihren Jugendjahren zwar zunächst davor bewahrt, sich umzubringen. „Als aber ein Priester von der Kanzel aus davon sprach, dass Homosexuelle in die Hölle kommen, ganz gleich, was sie tun – da habe ich meinen fast letzten Rettungsanker verloren.“ Doch letztlich, sagt sie, hatte sie Glück. Manche in ihrer Familie akzeptierten ihre sexuelle Identität nicht, sie aber fand die späte Unterstützung ihrer Mutter.

Danuta Zarzeczna steigt nach dem Besuch bei ihrer Tochter wieder ins Auto. Es geht nach Hause, zurück in den Alltag einer polnischen Provinzstadt. Der Gedanke an die vielen Jugendlichen Polens, die mit ihrer von der gesellschaftlichen Norm abweichenden Sexualität ringen, lässt sie nicht los. Sie will auch selbst nicht davon lassen. „Was wir als Verein tun, ist noch zu wenig. Wir müssen vor allem zu jenen Eltern vordringen, die sich des Problems, das sie mit verschärfen, nicht bewusst sind – und diese Eltern erreichen wir vor allem über die Jugendlichen.“ Demnächst stehe wieder ein Treffen mit einigen dieser bedrängten jungen Menschen an. In Wloclawek, in der Provinz – dort, wo das Problem mit am größten ist und die Unterstützung so nötig wie eh und je.

Die Serie: "Du gehörst zu mir"

Das Thema „Du gehörst zu mir“ wird in den Sommermonaten von allen FR-Ressorts mit je eigenen Schwerpunkten bearbeitet. Das Ressort Politik widmet sich „Grenzgängern“: Es geht um Menschen, die Barrieren überwinden – staatliche, ethnische, materielle, physische oder einfach die Vorurteile im eigenen Kopf.

Heute kommen eine Mutter und ihre Tochter aus Polen zu Wort, die einen langen Leidensweg hinter sich haben – und ihn auch noch nicht zu Ende gegangen sind –, bis die einstmals extrem homophobe Mutter ihre lesbische Tochter so akzeptierte, wie sie ist. Mutter wie Tochter sind wahre Grenzgängerinnen im extrem konservativ-katholischen Polen.

In der nächsten Folge am Mittwoch, 17. Juli, geht es um den ukrainischen IT-Unternehmer Maxim, der einen Yuppie-Alltag lebt – außer, wenn er militärische Ausrüstung kauft und auf eigene Gefahr zur Front im Donbass karrt. Ein Grenzgänger zwischen ironischen Facebook-Debatten und der grausamen Realität eines nicht enden wollenden Krieges.

Wer gehört zu wem? Was hält in Deutschland, in Europa die Gesellschaft zusammen? Was lässt sich tun, um Spaltungen zu überwinden? All das sind Fragen, die sich in diesem Jahr mit besonderer Dringlichkeit stellen: Das Grundgesetz wurde am 8. Mai 70 Jahre alt, Ende Mai haben Europas Bürgerinnen und Bürger ein neues Parlament gewählt, und im November feiert Deutschland den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Mit all dem befasst sich unsere Serie „Du gehörst zu mir“ seit dem 4. Mai.

Als PDF-Download bekommen Sie alle Sonderseiten unter FR.de/zumir.

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