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Holzschuh beißt Stiefel

Karikaturen, Landschaften, Glückwunschkarten: Zeichnungen aus dem Konzentrationslager Flossenbürg

Von Ute Kätzel

Den hellblauen Einband ziert eine lustige Karikatur, fast schon eine Comicfigur. Sie zeigt einen KZ-Häftling, zu erkennen am schwarzweißen Streifenhemd, mit roten Wangen und einer Nickelbrille auf der roten Nase, die Mütze keck zurückgeschoben. Ein erstaunlicher Einstieg, wurde man doch als Einband für ein Buch mit dem ernsten Thema "Kunst im KZ" eher ein Bild erwarten, das die Gräuel der Naziherrschaft zeigt. Man denkt zunächst an die Leiden der Häftlinge und die Grausamkeit, ja den Sadismus der SS, der sich hinter dem Stacheldraht nahezu ungehindert austoben konnte. Die Arbeitsgemeinschaft des ehemaligen KZ Flossenbürg hat sich für ihren dritten Band in der Reihe "Ihrer Stimme Gehör geben - Überlebendenberichte ehemaliger Häftlinge" für einen anderen Einstieg ins Thema entschieden. Mit Recht, denn das Widerständige ist ebenso Teil der KZ-Geschichte, wenn auch weniger bekannt.

Der Band umfasst Bilder, Zeichnungen, Gemälde und kunstgewerbliche Gegenstände von Häftlingen des Stammlagers wie auch der Außenlager, die als Wanderausstellung zur Zeit in Israel gezeigt werden. Gegenstand sind die Haftbedingungen der Vernichtungsmaschinerie Konzentrationslager ebenso wie schlichte Landschaftsgemälde. Kunst begegnet uns hier in erster Linie als Überlebensmechanismus, als Teil des Alltags und als Möglichkeit, nach der Haft in Bildern zu sprechen, für Menschen, die jahrelang nicht mit Worten reden konnten, und somit als Heilung. All diese Aspekte sind Facetten eines noch wenig systematisch aufgearbeiteten Teils deutscher Geschichte.

Kunstausstellungen hat es bereits zu anderen ehemaligen KZs gegeben. Dieses Buch versteht sich als erste systematische Dokumentation der Künstler und ihrer Kunstwerke in einem bestimmten KZ, in Flossenbürg. Über jeden Künstler gibt es eine kurze Biografie. Meistens werden Ausschnitte aus Interviews zitiert, die die Arbeitsgemeinschaft Flossenbürg seit einigen Jahren mit Überlebenden führt. Die langjährigen Forschungsarbeiten der 1986 gegründeten Arbeitsgemeinschaft werden genutzt, um im Textteil die Entstehung und den Inhalt der Bilder zu erläutern.

Miloš Volf, der Schöpfer der Figur auf dem Titelbild, malte während seiner Haft viele solcher Karikaturen und konnte einige retten. Als tschechischer Widerstandskämpfer war er im Februar 1943 verhaftet worden und kam im Februar 1944 ins KZ Flossenbürg. Karikaturen wie der Blockschreiber sind Ausdruck eines Kampfes, von dem viele KZ-Überlebende übereinstimmend berichten. Sie zeigen den inneren Kern, den man sich auf keinen Fall zerstören lassen durfte. Noch deutlicher wird dieses Widerständige in Volfs Karikatur Holzschuh und Stiefel: Der KZ-Häftling steht einem schweren Stiefel gegenüber, der den SS-Bewacher symbolisiert. Mit seinen gefährlich spitzen Zähnen will sich der Stiefel am Holzschuh festbeißen. Doch den Betrachtern ist klar: Der Holzschuh ist zu hart. Der KZ-Häftling ist der Überlegene auf diesem Bild, überragt er doch zudem körperlich den herrenlosen Herrenstiefel.

Das Buch dokumentiert auch die anderen, schwierigeren Werke, die als Auftragsarbeiten der SS und der besser gestellten Funktionshäftlinge zu Stande kamen. Die Künstler "bezahlten" für ihr Überleben, indem sie ihre Kunst in deren Dienste stellten. Denn das Leben in der Mal- oder Schreibstube war um ein Vielfaches leichter als die Arbeit im Steinbruch, in dem Tausende von Flossenbürger KZ-Häftlingen gezielt durch Arbeit vernichtet wurden. Die Künstler malten auf Bestellung nackte Frauen, Glückwunsch- und Ansichtskarten, Ortsansichten von Flossenbürg.

Ein Aquarell des tschechischen Künstlers František Michl aus dem Jahr 1944 zeigt die Burgruine auf dem Burgberg. Doch da, wo eigentlich Baracken, Stacheldrahtzaun und Wachturm des KZs sein müssten, sind nur harmlose Wohnhäuser zu sehen. Der Künstler Michl war bei seiner Inhaftierung bereits bekannt, hatte schon einige Ausstellungen hinter sich, und die Nazis zwangen ihn, wie am Fließband zu malen, wie er selbst in einem Interview erzählte. Einigen Künstlern gelang es dennoch, etwas für sich selbst herzustellen. Eine der ergreifendsten Arbeiten ist das Schachspiel von Vladimír Odvody, das er aus Rinderknochen schnitzte. Die Figuren könnten aus jedem anderen Schachspiel stammen. Doch die Türme sind detailgetreue Miniaturen der steinernen KZ-Wachtürme, Symbole einer Festung, aus der es kein Entrinnen gab.

Dass es dennoch immer wieder Häftlinge versuchten, dokumentiert die Kunst der Häftlinge ebenfalls. Am 24. Dezember 1944 inszenierte der Flossenbürger Lagerkommandant ein perverses Fest. Sechs Häftlingen war es zwar gelungen, zu entkommen. Doch sie kamen nicht weit. In einem regelrechten Triumphzug wurden sie ins Lager zurückgebracht. Auf dem Bild des Künstlers Hugo Walleitner sieht man den nächtlichen Appellplatz, umstanden von erleuchteten Baracken. Vor einem großen Weihnachtsbaum mit vielen Kerzen hängen die sechs Männer am Galgen. Diese grausame Szenerie wird noch dadurch unterstrichen, dass sich der feiste Lagerkommandant mit Pfeife im Mund und einer Weinflasche im Arm grinsend vor dem Galgen postiert.

Der Österreicher Walleitner, 1942 als Homosexueller verhaftet, soll sich, so ein Mitgefangener, auf Grund seines Maltalents in eine sichere Position gedient haben. Walleitner soll auch das Schild gemalt haben, das eingefangenen Flüchtlingen vor ihrer Hinrichtung vorangetragen wurde. Es trug die Aufschrift: "Hurra, wir sind wieder da."

Mit Sicherheit wurden die Künstler auf Grund ihrer Privilegien beneidet, ja vielleicht sogar dafür verachtet, dass sie mitspielten. Walleitner selbst beschrieb schon kurz nach dem Krieg in seinen Erinnerungen Zebra, wie die Auftragsvergabe verlief. Als er eine Kirche malte, wurde er von der SS geschlagen. Also malte er nur noch Kriegsbilder, Stillleben, Landschaften, Porträts und Grußkarten.

Situationen aus dem Lageralltag, wie die Arbeit im Steinbruch, Schikanen, Terror finden sich in ähnlicher Form in vielen Bildern. Durch die Dokumentationsarbeit der Arbeitsgemeinschaft lassen sich Bilder Erzählungen von Überlebenden zuordnen und umgekehrt, wie zum Beispiel das erst 1977 entstandene Bild Das Ende des Österreichers Bruno Furch. Vier völlig ausgemergelte Gestalten in dünner Häftlingskleidung liegen auf der Erde, und sind nicht mehr in der Lage, aufzustehen. Szenen wie diese spielten sich auf den so genannten Todesmärschen zuhauf ab, als gegen Kriegsende die KZ-Häftlinge vor der näher rückenden Front davonlaufen mussten, mit unbekanntem Ziel. Wer liegen blieb, wurde von der SS erschossen. Bruno Furch gelang am 1. Mai 1945 die Flucht, und er wurde von amerikanischen Truppen gerettet. Einige dieser im KZ entstandenen Bilder wurden bereits zur Illustration von anderen Büchern über Konzentrationslager verwendet, manche sind hier zum ersten Mal dokumentiert.

Hans Simon-Pelanda (Hrsg.): Kunst und KZ. Künstler im Konzentrationslager Flossenbürg und in den Außenlagern. Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH, Bonn 2002, 64 Seiten, 14,90 €.

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