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Holodomor in der Ukraine: Stalins Genozid kostete Millionen das Leben

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Von: Stefan Brändle

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Außenministerin Baerbock besucht Kiews Holodomor-Denkmal kurz vor Kriegsbeginn
Außenministerin Baerbock besucht Kiews Holodomor-Denkmal kurz vor Kriegsbeginn © Efrem Lukatsky/dpa

Was an mutmaßlichen Kriegsverbrechen in der Ukraine geschieht, hat ein historisches Vorbild: der sowjetische Holodomor 1932/33.

Kiew – Edouard Herriot war ein illustrer Franzose, Bürgermeister von Lyon und Regierungschef in Paris. Am 13. September 1933 kehrte er zurück von einer zweiwöchigen Reise nach Moskau und Kiew – der ersten eines Westpolitikers in die noch junge Sowjetunion. Als der Vertreter der Radikalen Partei aus dem Zug stieg, wollten die Journalisten nur eines wissen: War etwas dran an den Gerüchten, dass Josef Stalin die widerspenstigen ukrainischen Bauern aushungert?

Herriots Antwort ist in die Geschichte eingegangen: „Eh bien“, tönte er im Brustton der Überzeugung. „Ich versichere Ihnen, dass ich die Ukraine wie einen schönen, ergiebigen Garten erlebt habe, mit herrlichen Ernten. Ich habe mich an die Orte fahren lassen, die man als schwer mitgenommen bezeichnet hatte. Ich habe dort aber nur Wohlstand gesehen.“ Ausführlich schilderte der joviale Politiker, wie er in Kiew sogar einer Messe in der Sophien-Kathedrale beigewohnt habe, „mit Erzbischof, Gesängen und armen Frauen“.

Holodomor: Die Realität in der Ukraine während der Hungersnot war furchtbar

All das war – wie man heute sagen würde – blanker Fake. Die Kathedrale, die seit der russischen Revolution nur noch als Lager gedient hatte, war für den hohen Besuch aus Paris binnen weniger Tage in ein Gotteshaus zurückverwandelt worden. Die „Gläubigen“ waren Agenten der sowjetischen Geheimpolizei mit ihren Familien.

Herriots Besuch in der Ukraine glich einer Fahrt durch potemkinsche Dörfer: Der Franzose sah volle Kornspeicher und gut genährte Kinder, die extra herbeigeschafft worden waren und erzählten, sie äßen täglich Hühnersuppe. Die Realität aber war furchtbar. Die Ukraine, schon damals Europas Kornkammer, war im Griff einer mörderischen Hungersnot. Ganze Dörfer wurden in einem Winter dahingerafft. Die wenigen Überlebenden berichteten davon, wie die entkräfteten Menschen Pferde, Hunde und Katzen schlachteten, wie sie Wurzeln, Erdwürmer – und zum Schluss auch Kinder aßen.

Holodomor in der Ukraine: Unbestritten ist, dass die Hungersnot menschengemacht war

26 Fotos des österreichischen Ingenieurs Alexander Wienerberger, auf denen herumliegende Leichen und ausgemergelte Kinder zu sehen sind, gelangten in den Westen, dazu Berichte des britischen Reporters Gareth Jones. Das reichte nicht, um der Welt die Augen zu öffnen. In Berlin war Hitler gerade an die Macht gekommen, Paris und London suchten Stalin als Verbündeten zu gewinnen. Herriots Blindheit war naiv, aber sie war auch sehr politisch.

Unbestritten ist heute, dass die Hungersnot menschengemacht war. Sie war eine direkte Folge der Zwangskollektivierung der sowjetischen Landwirtschaft und betraf nicht nur die Ukraine, sondern auch Kasachstan, den Kuban und das Gebiet der Wolgadeutschen. In der Ukraine bestrafte Stalin die widerständige Landbevölkerung – die Kulaken – aber besonders hart. 1931 ließ er bis zu 42 Prozent der Getreideernten abtransportieren. Tonnenweise Weizen ließ er in den Dnjepr schütten. Die Folgen waren verheerend: Auf dem Land gab es bald nichts mehr zu essen; viele zogen von dort hungernd in die Städte.

Mörderische Hungersnot in der Ukraine: Sterblichkeit bei 37 Prozent der Bevölkerung

Hiobsbotschaften vom Sterben in der ukrainischen Sowjetrepublik drangen bald nach Moskau. Stalin reagierte auf seine Art: Er ließ noch mehr Getreide, 3,3 Millionen Tonnen, aus der Ukraine exportieren. Im Januar 1933 erließ das Politbüro zudem einen – von seinen Schergen brutal durchgesetzten – Erlass, der das Verlassen der Dörfer bei Strafe untersagte. Das war für viele dort der sichere Tod. Die Sterblichkeit erreichte in der Ukraine unvorstellbare 37 Prozent der Bevölkerung, sollten die dürftigen, oft gefälschten Statistiken doch stimmen.

Dass das Aushungern geplant und kaschiert wurde, steht heute außer Zweifel. „Die Leute mit aufgedunsenen Bäuchen werden per Güterwagen aufs Land gefahren“, schilderte der italienische Konsul in Charkiw. „50 bis 60 Kilometer von der Stadt entfernt werden sie sich selber überlassen, damit sie sterben, ohne dass man sie sieht.“

Holodomor: Wie so vieles war die Hungersnot in der Ukraine in der Stalin-Ära tabu

Der Vorsatz äußerte sich auch darin, dass es in der Sowjetunion später zu keiner Aufarbeitung kam. Wie so vieles war die Hungersnot in der späteren Stalin-Ära schlicht tabu; und wenn wer doch was dazu sagte, wurde sie geleugnet oder als „Fälschung der Bourgeoisie“ abgetan. Die Nazi-Propaganda ging vereinzelt darauf ein, aber nur, um von den eigenen Verbrechen in der Ukraine abzulenken.

Im Kalten Krieg stand jede Arbeit zum Thema im Ruch der Parteinahme. Der Sturz der Sowjetunion beendete das Schweigen nur beschränkt. Westliche Forscher:innen erhielten nur vorübergehend Zugang zu den Archiven. Auch in Europa dauerte es noch Jahre, bis man die Gründe fürs eigene Wegschauen suchte – so etwa im bitteren Buch der Linguistin Irina Dmitrichin, „Die Reise des Herr Herriot“.

In der Ukraine wurden mit Beginn der Perestroika viele mündliche Überlieferungen von 1933 endlich niedergeschrieben. Erste Gedenkfeiern begannen, noch bevor das Sowjetregime am Ende war. 2006 anerkannte das ukrainische Parlament die „Große Hungersnot“ als Genozid, als den „Holodomor“ – die „Vernichtung durch Hunger“.

Holodomor in der Ukraine: Russische Historiker sehen Chaos als Ursache

40 Staaten und Organisationen haben ihn mittlerweile anerkannt. Die EU sprach 2008 von „Verbrechen gegen die Menschheit“. Historiker:innen streiten bis heute aber darüber, ob in der Ukraine und Südrussland 1933 ein echter Genozid stattfand. Auch die Zahl der Opfer von Stalins Hungerpolitik wird mangels sicherer Quellen sehr unterschiedlich geschätzt: zwischen vier und sieben Millionen Menschen.

Russische Historiker wie Viktor Kondraschin führen die Tragödie einzig auf das unproduktive Chaos der Zwangskollektivierung zurück. Stalins kriminelle Absicht bestreitet er – trotz fortgesetzter Getreideexporte, Reisesperren und Repression. Ungesagt ordnet er sich damit in das unverhohlene Stalin-Revival der Putin-Ära ein.

Ein zweites russisches Argument klingt da erst mal plausibler: Die Hungersnot hatte auch andere Landesteile als die Ukraine erfasst. Zufälligerweise waren das aber nur die, die mit Moskau und Stalin nicht wollten. Der französische Historiker Nicolas Werth stellt eine „bemerkenswerte Koinzidenz“ zwischen den Gebieten des Widerstandes und denen der Hungersnot fest. Auch das lässt nur den Schluss zu, dass Stalin den widerspenstigen Teil der Bauernschaft – das war in der Ukraine die Bevölkerungsmehrheit – eliminieren wollte. Absicht und Ausführung: Damit wären die beiden Ausgangskriterien für einen Genozid eigentlich hinreichend erfüllt.

Ukrainischer Präsident Selenskyj: Holodomor hatte „konstitutive Bedeutung für das Nationalgefühl“

Bloß wissen davon in Russland nur noch Fachleute. Laut Anna Colin Lebedew, einer in Paris lebenden Historikerin für postsowjetische Geschichte, haben die meisten Russ:innen noch nie etwas von Stalins ukrainischem Massenmord vor 90 Jahren gehört. „Russland krankt an seiner Geschichte, weil es sie nicht kennt“, twitterte Lebedew nach Beginn des Ukraine-Krieges. Während Deutschland den Holocaust seit Jahrzehnten aufarbeite, werde der Holodomor in Russland verdrängt, bestritten und geleugnet.

Schon deshalb wäre es derzeit völlig absurd, sich auch nur vorstellen zu wollen, dass Wladimir Putin die Ukraine um Verzeihung bitten würde wie die deutschen Bundespräsidenten in Yad Vashem das immer wieder tun. Statt die Verbrechen des Stalinismus zu benennen und womöglich zu entschädigen, liefert der Kreml nun in der Ukraine vielmehr Anlass zu Klagen wegen neuer Menschheits-Verbrechen. Schuldgefühle plagen ihn offenbar nicht: Der 64. Motorschützenbrigade, die in der Stadt Butscha Kriegsverbrechen begangen haben soll, verlieh Putin einen Ehrentitel.

Aus dieser historischen Perspektive darf sich niemand über den Widerstandswillen der ukrainischen Nation wundern. Wie Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte, hatte der Holodomor „konstitutive Bedeutung für das ukrainische Nationalgefühl“. (Stefan Brändle)

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