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Der Holocaust im Gender-Fokus: Die Schicksale der Frauen

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Von: Inge Günther

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Das Leben verfolgter Frauen, etwa im Ghetto im polnischen Lodz, war in der Holocaust-Forschung lange ein unterbelichtetes Kapitel. Foto: Imago Images.
Das Leben verfolgter Frauen, etwa im Ghetto im polnischen Lodz, war in der Holocaust-Forschung lange ein unterbelichtetes Kapitel. © imago images/Reinhard Schultz

Die Forschung zur Judenverfolgung handelt meist von Männern. Feministische Studien in Israel weiten den Blick – die Historikerin Dalia Ofer berichtet von wissenschaftlicher Pionierarbeit.

Die Einwände gegen eine Erforschung des Holocaust aus feministischer Warte kennt Dalia Ofer in- und auswendig. Sie hat sie oft genug zu hören bekommen, nicht nur von männlichen Kollegen: Der Vernichtungsplan der Nazis habe doch auf alle Juden abgezielt – Männer, Frauen, Kinder. Um eine Konkurrenz der Opfer geht es ihr allerdings genau nicht. „So kann man nicht denken, wer mehr gelitten habe“, stellt sie, emeritierte Professorin für Jüdische Geschichte der Hebräischen Universität in Jerusalem, unumwunden klar. Aber wenn man begreifen wolle, was mit den Menschen in der Zeit der NS-Verfolgung geschah, seien Gender-Aspekte unverzichtbar.

Dalia Ofer gehört in Israel zu den Pionierinnen auf diesem Gebiet. Seit den 90er Jahren beschäftigt sich die heute 83-Jährige damit. Sie selbst – geboren im Mandatsgebiet Palästina als Tochter von aus Lettland und Galizien eingewanderten Eltern – ist keine Überlebende der Shoah. Auch für sie war das damals Neuland, das sie auf Anregung einer US-Kollegin zu erkunden begann: Wie sich der Alltag jüdischer Frauen und ihrer Familien im Hitler-Deutschland abspielte, als die Kinder nicht mehr in die Schulen und Männer nicht mehr arbeiten durften und als Versorger ausfielen, als das Essen knapp wurde und Ersparnisse dahinschmolzen. „Ich wollte verstehen, was das individuell bedeutete“, sagt Ofer. „Die Gender-Frage gab mir das Instrument dazu.“

Frauen übernahmen wichtige Rollen beim Aufstand im Warschauer Ghetto

Aufschlussreich erwies es sich ebenso im Hinblick auf das Leben in den osteuropäischen Ghettos – Ofers zentrales Forschungsfeld. Es waren vor allem Frauen, die dort Kurierdienste übernahmen, bisweilen mit blondierten Haaren und verkleidet als polnische Dienstmädchen, um sich rauszuschmuggeln und irgendwo bei Bekannten Nahrung aufzutreiben. Für beschnittene jüdische Männer wäre das Risiko bei einer Kontrolle entdeckt zu werden, ungleich höher gewesen.

Dalia Ofer, 83, forscht als Historikerin an der Hebräischen Universität Jerusalem. Foto: Privat.
Dalia Ofer, 83, forscht als Historikerin an der Hebräischen Universität Jerusalem. © Privat.

Wichtige Rollen fielen meist jüngeren Frauen später beim Aufstand im Warschauer Ghetto oder in Partisanengruppen zu. „Manch eine hatte vielleicht geglaubt, der Krieg wird bald vorbei sein, aber dann wird plötzlich der Ehemann, ein Elternteil oder Kind getötet und sie schließt sich dem Widerstand an“, schildert Dalia Ofer mögliche Beweggründe, belegt durch Tagebücher, Briefe und Berichte von Überlebenden.

Gender-Forschung spürt weiblichen Schicksalen nach

In der Gender-Forschung hat sie dem heroischen Verhalten dieser Frauen nachgespürt, aber auch Verzweiflungstaten unter den Abertausenden weiblichen Schicksalen in der NS-Todesmaschinerie. Man stelle sich nur vor, was in einer traditionell aufgewachsenen Jüdin vorgegangen sein muss, die sich vor ihrem Bruder niemals entkleidet hätte, aber gezwungen wurde, sich nackt auszuziehen. Wie haben sich die Frauen gefühlt, denen nach Einlieferung in die Konzentrationslager die Köpfe geschoren wurden? Oder welche Schuldgefühle jene Mütter plagten, denen an der Selektionsrampe in Auschwitz Häftlinge zuriefen, ihre Kinder besser den Großmüttern zu überlassen? Ahnten sie, dass ihre Liebsten direkt ins Gas geschickt werden würden, sofern sie dem Rat folgten, während ihnen das als abkommandierte Arbeitskräfte zunächst erspart blieb?

„Wir sprechen beim Gedanken an diese Lager meist über allgemeine Begriffe wie Tod, Zwangsarbeit und Grausamkeiten“, sagt Ofer. „Mich interessieren die Details, die menschliche Verfassung.“ Zum Beispiel der Fall einer Frau, die schwanger in ein Konzentrationslager deportiert wurde, dort heimlich ihr Baby gebar und es anschließend tötete, weil sonst beide, Mutter und Kind, sofort umgebracht worden wären.

Holocaust-Forscher: „Gender-Ansatz verhilft uns zu tieferen Einsichten.“

Die Zeit des Holocaust aus feministischer Perspektive zu betrachten, ändert nichts am Ausmaß des Menschheitsverbrechen. Aber sie bereichert die Erkenntnisse, inzwischen auch aus Männersicht. „Der Gender-Ansatz“, sagt Guy Miron, „verhilft uns zu tieferen und umfassenden Einsichten.“ Miron (55) unterrichtet an der Open University in Israel Moderne Jüdische Geschichte. Und die, weiß der Historiker, war lange eine Männerdomäne.

Im Fokus der Holocaust-Forschung standen ja zunächst die Judenverfolgung, die NS-Ideologie, der industrielle Massenmord in schier unfassbarer Dimension. Die politische Geschichte hatte Vorrang vor der sozialen. „Zu 95 Prozent“, so Miron, handelte sie von Männern. Erst allmählich weiteten sich die Blickwinkel, Quellen taten sich auf und damit neue Aspekte. Die Gender-Perspektive brachte zusätzlichen Schub.

Es ist ein längst nicht erschlossenes Feld

In seinem Buch „Jüdisches Leben im nationalsozialistischen Deutschland – Raum und Zeit“ legt Miron ebenfalls ein Augenmerk auf die sozialen und gesellschaftlichen Einschnitte, denen sich die jüdische Minderheit infolge der Nürnberger Rassegesetze ausgesetzt sah. 1938, dem Jahr der Reichspogromnacht, bestand sie zu fast sechzig Prozent aus Frauen.

„Oftmals hatten sie Ausreisepapiere für ihre Männer und Söhne organisiert, die in KZs inhaftiert waren“, berichtet Miron. Aber auch in Telz, einem Ghetto in Litauen, waren Frauen auf sich gestellt, da die meisten männlichen Angehörigen ermordet worden waren. Es ist ein längst nicht erschlossenes Feld, das eine feministische Sicht geradezu herausfordert. „Bis vor ein paar Jahren wurde Fällen von Vergewaltigung und sexuellem Missbrauch wenig Aufmerksamkeit geschenkt“, sagt Ofer. „Man dachte, das sei nicht so relevant im Vergleich zu anderen Gräueltaten.“ Aber vieles spreche dafür, dass es Vergewaltigungen weitaus häufiger gab als bislang angenommen.

Es gibt noch eine Menge offener Fragen, aber auch zunehmendes Interesse, die unterbelichteten Kapitel über Frauen im Holocaust zu erforschen – in Uni-Seminaren, unter jungen Akademiker:innen, im internationalen Austausch. Dalia Ofer muss sich um den Nachwuchs keine Sorgen machen. Der einst belächelte Gender-Fokus ist in der Sozialwissenschaft im Allgemeinen wie in Studien zum Holocaust im Besonderen nicht mehr wegzudenken.

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