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Israel steht still: 10 Uhr morgens an der Straßenbahn in Jerusalem.

Holocaust-Gedenktag in Israel

Zwei Minuten stummen Schreiens

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Die Israelis gedenken in stiller Trauer der Opfer des Holocaust - und Benjamin Netanjahu warnt vor einem „neuen Antisemitismus“.

Um zehn Uhr steht das Land still. Der Verkehr stoppt, Autofahrer stellen sich neben ihre Fahrzeuge, Fußgänger halten in der Bewegung inne, die Blicke in den Himmel oder auf den Boden gerichtet. Wie zum Gebet. Selbst die Vögel scheinen für jene zwei Minuten zu verstummen, in denen überall in Israel die Sirenen ertönen und der jüdische Staat der sechs Millionen Opfer des Nationalsozialismus gedenkt.

Es ist Yom HaShoah in Israel, Holocaustgedenktag. Israels Präsident Reuven Rivlim und Premierminister Benjamin Netanjahu warnen in ihren Reden auf der Gedenkfeier eindringlich vor einem neuen Antisemitismus, der weltweit um sich greife. „Rechtsextreme, Linksextreme und extreme Islamisten sind sich nur in einem einig: ihrem Hass auf Juden“, so Netanjahu. Staatspräsident Reuven Rivlin sagt: „Wir sind nicht am Rande eines neuen Holocaust. Aber wir können diesen alten neuen Antisemitismus, der durch Einwanderungswellen, Wirtschaftskrisen und politische Enttäuschung angeheizt wird, nicht ignorieren.“ Oft werde dieser Antisemitismus mit Kritik an Israel gerechtfertigt. Für Rivlin ist das eine Ausrede: „Man kann nicht Israel hassen und die Juden lieben, genauso wenig wie man Juden hassen und Israel lieben kann.“

Zu den Gästen zum Holocaustgedenktag zählte in diesem Jahr auch eine deutsche Delegation. Fünf Unternehmenschefs waren nach Jerusalem gereist, um ihre Spende - jeweils eine Million Euro - für die Erweiterung der Gedenkstätte Yad Vashem zu überreichen. Dazu gehören der Fußballverein Borussia Dortmund, Daimler Benz, Deutsche Bahn, Deutsche Bank und Volkswagen. Initiator ist der Deutsche Freundeskreis Yad Vashem unter Leitung von Ex-Bild-Chefredakteur Kai Diekmann.

Morgens, als die Sirenen erklingen, stehen sie in ihren schwarzen Anzügen zwischen KZ-Überlebenden, Politikern und Historikern in der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem. Später nehmen sie an der Grundsteinlegung des neuen Museumskomplexes in der Synagoge von Yad Vashem teil, und abends berichten sie auf einer Pressekonferenz im David Zitadelle Hotel in Jerusalem von ihren Erlebnissen, sichtlich gerührt, fast erschüttert.

„Es erfüllt uns mit Dankbarkeit, hier zu sein“, sagt Eckart von Klaeden, Cheflobbyist von Daimler-Benz. Kai Diekmann spricht von „einem unglaublichen Wunder, mit welcher Herzlichkeit wir hier empfangen wurden“. Paul Achtleitner, Aufsichtsrat bei der Deutschen Bank, sagt, es sei überhaupt keine Selbstverständlichkeit, „dass man unsere Beteiligung auch so akzeptiert“.

Wir, uns - das heißt an diesem Ort und an diesem Tag immer auch: wir als Deutsche, als Vertreter von Firmen, die selbst an der Massenvernichtung der Juden beteiligt waren. „Jedes unserer Unternehmen trägt auf unterschiedliche Weise Verantwortung für die Geschichte“, formuliert es Daimler-Vertreter von Klaeden. „Wir haben einen ganz entscheidenden Anteil daran gehabt. Das beschämt uns bis heute“, sagt der Vorstandschef der Deutschen Bahn. Er hat Tmit Tränen in den Augen von seinem Museumsbesuch in Yad Vashem, der so anders war als sein Geschichtsunterricht in der Schule „mit den anonymen Zahlen“. Denn erst durch persönliche Geschichten könne man begreifen, „dass diese sechs Millionen Opfer auch Menschen mit vielen Hoffnungen waren“, sagte er. Er sei froh, „bei dem Projekt dabei zu sein“.

Der Bau des neuen Zentrums, das insgesamt rund 30 Millionen Euro kostet, wird im August beginnen. Millionen Dokumente, Fotos, Alltagsgegenstände von Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus sollen auf vier unterirdischen Etagen ausgestellt werden.

Und was hat der Borussia Dortmund mit all dem zu tun? Warum hat Diekmann einen Fußballverein um Spenden für ein Holocaust-Museum gebeten? „Weil Fußball die Gesellschaft abbildet“, sagt Hans-Joachim Watzke, Vorsitzender der BVB-Führung und weist darauf hin, dass sein Verein schon seit vielen Jahren Fahrten nach Auschwitz organisiert. Watzke sitzt ganz außen am Tisch der Firmenchefs und trägt als einziger nur ein weißes Hemd, kein Sakko. Er ist schon ein paar Tage länger im Land als die anderen, hat als „bekennender Katholik“ verschiedene Kirchen besucht, sich aber auch mit dem größten israelischen Fanclub getroffen und alle gleich nach Deutschland eingeladen. Er ist begeistert von Israel, von der Gastfreundschaft hier, aber auch davon, wie „staatsbejahend“ die Leute hier seien, trotz alles Kontroversen. „Daran“, sagt er, „können wir uns in Deutschland auch mal ein Beispiel nehmen.“

Gewalt gegen Juden

Antisemitische Gewalttaten nehmen laut einer Studie der Universität Tel Aviv weltweit zu. Im vergangenen Jahr wurden 387 „gravierende Fälle“ registriert – eine Zunahme um 13 Prozent im Vergleich zu 2017 (342 Fälle). Auch die Zahl der von Antisemiten ermordeten Juden (13) fiel 2018 höher aus als zuvor. Zu den Ländern mit den meisten Gewalttaten zählen die USA (mehr als 100 Fälle), Großbritannien (68), Frankreich und Deutschland (je 35). (kna) 

Mehr als die Hälfte von 1000 Österreichern, die die Claims Conference, eine Organisation zur Durchsetzung der Ansprüche von Holocaust-Opfern, für eine Studie befragt hat, weiß nicht, dass während des Nationalsozialismus rund sechs Millionen Juden ermordet wurden. Gut ein Drittel (36 Prozent) aller Befragten und 42 Prozent der jungen Generation glauben dagegen, dass weniger als zwei Millionen Juden während des Holocaust starben. (dpa)

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