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Darüber zu sprechen, habe „gar nicht weh getan.“: David Levin in seinem Haus.

Holocaust-Gedenken

„Man kann nicht nur mit Hass leben“

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David Levin hat drei Konzentrationslager überlebt. 74 Jahre nach der Befreiung spricht er über die Jahre vor 1945 und sein Leben danach.

Ein kleines Haus in Bestensee, einem Ort südlich von Berlin. Draußen ist es dunkel, und es nieselt. Drinnen räumt David Levin, 93 Jahre alt, klein und erstaunlich agil, den Tisch leer, serviert Kuchen und schwarzen Tee, bittet uns, sich zu setzen und sehr laut mit ihm zu sprechen. Er hört schwer, will aber kein Hörgerät benutzen, weil das in den Ohren kratzt, wie er sagt. David Levin ist in Warschau geboren und aufgewachsen, nach dem Krieg ist er in Deutschland geblieben. Er spricht Deutsch mit leichtem Akzent. Er fragt: Was wollen Sie von mir?

Herr Levin, Sie sind einer der letzten noch lebenden Auschwitz-Überlebenden. Wir würden gerne Ihre Geschichte hören.
Dafür braucht man zwei Jahre. Heute Abend kommt eine Dokumentation im Fernsehen übers Warschauer Ghetto, ich würde raten, dass Sie sich das erst mal ansehen.

Uns interessiert Ihre persönliche Geschichte.
Nun, ich habe gearbeitet in Auschwitz, im Bad.

Im Bad?
Es war ein Bad für die Neuankömmlinge und Sonnabend, Sonntag für die anderen. Es gab ja 20 Baracken für Hunderte von Menschen, einmal in zwei Monaten konnte man da baden.

Was war Ihre Aufgabe in dem Bad?
Ich musste die Sachen der neuen Gefangenen desinfizieren. Auf der schmutzigen Seite haben sie sich ausgezogen, sind zum Baden und Haarschneiden gegangen und die Sachen wurden in Kammern geschoben, die ich auf 100 Grad geheizt habe, damit das Ungeziefer verbrennt. Ich habe eine Einladung bekommen, zum 74. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz zu fahren. Die Veranstaltung findet im Saunagebäude statt. Das steht auf der Einladung. Das ist dort, wo ich gearbeitet habe. Ich habe geschimpft. Ich habe gesagt, warum heißt das Sauna. Sauna ist doch was Schönes, was Feines. Wenn, dann schreibt: Todessauna! Aber nicht Sauna! Ich habe so einen Krach gemacht.

Wie lange haben Sie da gearbeitet?
So ein halbes, dreiviertel Jahr. Du hast kein Zeitgefühl gehabt, du wusstest nicht, welcher Wochentag war oder welcher Monat, ob Januar oder Februar. Zum Anfang wusstest du das noch, aber später hat man die Zeit verloren.

Sind Sie zusammen mit Ihrer Familie nach Auschwitz deportiert worden?
Nein, nur mit meinem Bruder Richard. Der wurde dort erschossen. Ich weiß immer noch nicht warum. Sie haben mir seine Akte zugeschickt. Da steht: erschossen am 11. Oktober 1943. Mehr nicht. Wenn ich wüsste warum, wäre ich ruhiger. Mein Bruder war anderthalb Jahre älter als ich. Ich hatte noch zwei andere Geschwister, den ältesten Bruder und eine Schwester, die war vier Jahre jünger als ich. Sie hieß Ruhu, Rachel auf deutsch. (Er steht auf und kommt mit einem gerahmten Bild zurück, einem Familienfoto.) Das ist für mich mehr wert als zehn Millionen Euro.

Was ist mit Ihrer Familie passiert?
Meine Eltern sind gleich in die Gaskammern gekommen. Mein Bruder, der älteste, hat im Warschauer Ghetto gekämpft. Er ist gefallen. Das weiß ich von einem Cousin, der mit ihm zusammen gekämpft hat. Das ist für mich auch eine, ich sag mal, eine Genugtuung, dass er nicht vergast wurde, dass er sich gewehrt hat. Als der Aufstand war, da waren wir schon in Majdanek. Sie haben uns reingestopft in einen Viehwagen, 70, 80 Mann in einem Waggon, so sind wir bis Majdanek gefahren, dann waren wir Gefangene.

„Mehr wert als zehn Millionen Euro“: ein Foto von Levins Familie.

Wer ist Wir?
Mein Bruder Richard und ich. Wir wurden auf der Straße verhaftet, dabei hatte ich eine Genehmigung, auf dem deutschen Kriegsfriedhof zu arbeiten. Der SS-Mann, der uns verhaftet hat, hat sie zerrissen. Hat gesagt, ab in die Reihe, und schon waren wir drin.

Majdanek war eines der ersten Konzentrationslager? Was haben Sie dort erlebt?
Wir mussten das Lager aufbauen, Baracken bauen, buddeln, graben. Später habe ich in der Gärtnerei gearbeitet, es gab große Felder, Kartoffelfelder, alles Mögliche. Einmal bin ich zur Toilette gegangen und auf dem Weg dahin habe ich so schöne grüne Gurken wachsen sehen und mir welche unters Hemd gesteckt. Als ich zurückgegangen bin, kam mir der Lagerkommandant auf dem Fahrrad entgegen. Ich hatte keine Meldung gemacht, dass ich auf die Latrine musste, dann ist eine Gurke aus dem Hemd rausgefallen. Ich musste dem Lagerkommandanten hinterherlaufen zum SS-Quartier. Zwei SS-ler haben mich geschlagen, kann man gar nicht sagen wie. Ich bin auf den Bock gekommen, eine Liege halbrund, sie haben die Füße in die Leiste gesteckt, damit man sich nicht mehr bewegen konnte und nochmal 25 Schläge raufgelegt, ich war halbtot. Ich wollte nur raus, weg von hier. Am Morgen beim Appell, als der Küchenchef sich seine Leute rausgesucht hat, bin ich einfach mit rübergegangen zu den Küchenarbeitern und habe meine Nummer eingetragen.

Niemand hat es gemerkt?
Nein. Als es hieß, es geht in die Küche, wir sind ab jetzt da angestellt, dachte ich, ich falle um vor Freude. Mein Bruder hat schon in der Küche gearbeitet, ich war wie neugeboren. Wir konnten das erste Mal seit drei Monaten baden gehen, uns waschen. Jeder hat ein Einzelbett gekriegt mit einem Strohsack. Sonst hast du nur auf Brettern gelegen und eine Decke bekommen. Und in der Küche musste man nicht hungern. Ich habe mich überfressen, gekotzt und gefressen. Dadurch bin ich zu Kräften gekommen. Wir sind jeden Tag Lebensmittel holen gegangen, mit einem Wagen, vier Mann vorne, vier Mann hinten. 20 Kilo-Säcke mussten wir rauflegen, ich konnte die zum Anfang nicht mal anheben, nachher war das für mich eine Kleinigkeit. Das ging so, bis sie meinen Bruder rausgewunken haben aus der Küche, ich wusste nicht warum. Er hat mir ein Zeichen gegeben. Ich bin zum SS-Mann gegangen, habe gesagt, ich will dahin, wo mein Bruder ist, ich will mit ihm zusammenarbeiten. So sind wir nach Auschwitz gekommen. Wieder mit dem Zug, im Viehwaggon.

Wann war das?
1943 im Sommer, so Juni, Juli.

Wussten Sie, was Auschwitz ist?
Wir wussten gar nichts.

Wie lange waren Sie in dem Waggon?
Einen Tag, anderthalb. Es waren sehr viele Menschen in dem Waggon. Das Schlimme war, jeder hat Bedürfnisse, man musste sich in die Hose machen. Was sollte man machen?

Und als Sie angekommen sind …
… hieß es: Raus aus dem Waggon, dann wurden wir selektiert von der SS.

Können Sie das beschreiben?
Da saßen zwei SS-Leute neben der Rampe, an denen sind alle vorbeigegangen, Männer und Frauen extra, und dann haben sie sortiert, da oder da, Tod oder Leben. Es ging ganz schnell, so ein Zug hat ja tausend Mann gehabt. Wer kräftig war und jung, der ist zur rechten Seite gegangen, zur Arbeit. Die anderen in die Gaskammer. Mein Bruder und ich waren jung und stark und sind beide zugeteilt worden zur Arbeit.

Haben Sie deshalb überlebt?  Weil Sie jung und kräftig waren?
Natürlich, aber auch weil ich Glück hatte. Mein Bruder war genauso kräftig wie ich, aber der wurde erschossen. Jeder, der überlebt hat, hat das nur geschafft, weil er Glück hatte. Nichts anderes.

Wussten Sie, was mit den Menschen passiert, die auf die andere Seite mussten?
Natürlich, wir sind doch schon alte Häftlinge gewesen, alte KZ-ler, sind ja nicht aus der Freiheit gekommen, sondern aus Majdanek. Majdanek war wie Auschwitz, nicht anders. Da wurde man nicht vergast, weil sie da keine Gaskammern hatten, sondern totgeschlagen.

Wie ging es weiter?
Wir sind dann in die Sauna gekommen. Da haben sie uns die Nummern gegeben. (Er schiebt den Ärmel hoch und zeigt die eintätowierte Nummer auf seinem Arm.)

Und dann?
Quarantäne. Vier Wochen. Sie haben untersucht, ob du gesund bist oder nicht. Dann wurden uns Arbeiten zugeteilt. Heute das, morgen das. Kommando 58, das weiß ich noch wie heute, hieß, im Winter buddeln mit Holzschuhen, der Schnee hat sich runtergepappt, man konnte kaum laufen.

Wie viele Stunden mussten Sie jeden Tag arbeiten?
Bis es dunkel wird. Im Dunkeln durftest du nicht draußen sein. Die Hunde haben aufgepasst im Lager.

Was haben Sie gegessen?
Von Essen hast du nur geträumt. Mein Traum war eine frische Stulle mit Butter und ein schönes, schwarzes Glas Tee. Jeder hat von was anderem geträumt. Das Thema unter den Gefangenen war immer nur Essen. Morgens ist man aufgestanden, hat sein Bett gemacht, alles musste gerade sein, man ist zur Arbeit gegangen, dann wieder zurück in die Baracke. Jeder hat ein Stückchen Brot bekommen und Muckefuck oder Tee. Das war alles. Ein Brot mussten sich acht Mann teilen. Viele sind an Hunger gestorben. Oder immer dünner geworden, und wenn die Selektion kam, wurden sie aussortiert. Selektion war ja immer. Vor allem, wenn jüdische Feiertage waren.

Wirklich?
Ja, wenn alle Juden im Lager bleiben mussten, wusste ich, es geht wieder los. Einmal war ich krank, ich wusste, dass ich diesmal dran sein würde. Ich hatte aber einen Kapo (ein Häftling, der andere Häftlinge beaufsichtigen musste. d. Red.) gehabt, einen Polen, ich war ihm sympathisch, und er hat gesagt: Stell dich hier rein. Ich bin dann mit den Polen zusammen rausgegangen zum Arbeiten. Das hat mir das Leben gerettet.

Gab es Menschen im Lager, die noch gläubig waren und gebetet haben?
Ja, oh ja. Auch ich habe zum Anfang noch gebetet, was ich so auswendig konnte. Ich wurde ja sehr fromm erzogen. Aber nachher habe ich mir gesagt, weg mit dem Mist, es gibt keinen Gott.

Wie haben Sie die Befreiung erlebt, die letzten Wochen und Monate?
Zum Schluss haben sie mich nach Monowitz gebracht, einem Teil von Auschwitz, der ausschließlich für Zwangsarbeit vorgesehen war. Ich war dort Vorarbeiter, weil die Polen weg waren. Es waren nur noch Juden da. Sie haben mir zehn Kinder gegeben, die mussten verbrannte Schrauben wieder gangbar machen, sie in Öl tauchen. Ich habe jedem den Auftrag gegeben, pro Tag 100 Schrauben zu säubern, das haben die Kinder in einer Stunde geschafft. Eines Nachts haben sie uns in eine riesengroße Fabrik geführt, von da aus mussten wir die ganze Nacht laufen, ich weiß nicht, wie viele Kilometer. Dann ging es in den Zug, rauf auf den offenen Waggon, im Winter. Es war Januar, das weiß ich, Silvester, glaube ich. Wir sind nach Buchenwald gefahren. Unterwegs sind sehr viele gestorben, durch die Kälte, durch den Hunger, einmal haben wir Essen gekriegt, ein Stück Brot. Für die ganze Fahrt. In Buchenwald wurde ich befreit. Durch die Amerikaner. Aber die haben mal wieder was gemacht! Gleich eine Erbsensuppe gekocht mit viel Fett, dass das ganze Lager in der Scheiße geschwommen ist. Es waren Soldaten, die haben es nur gut gemeint. Ich habe zum Glück in Buchenwald einen Freund getroffen, mit dem ich zusammen in Majdanek und Auschwitz war. Der hat mir die Suppe aus der Hand geschlagen. Er hat mir Hundezwieback gegeben, von den Hunden, die erschossen worden waren, das hat mich gerettet. Der Freund hieß Kuba. Er ist später nach Amerika gegangen, hat mich auch in Deutschland besucht.

Wussten Sie in diesem Moment, dass es vorbei ist?
Ich stand auf dem Dach einer Baracke, die Leute haben gerufen: Wir sind frei, wir sind frei! Aber das hat mich, wie soll ich sagen, nicht berührt, gar nicht. Ich hatte kein Gefühl. Ich war ein lebender Toter. Die Deutschen hatten doch fast jeden Tag Juden rausgenommen, weggeführt, der Kuba und ich, wir haben uns einmal unter einer Baracke versteckt, ein Kapo hat uns erwischt, gesagt, wir sollen rauskommen. Haben wir nicht gemacht. Er hat uns gelassen. Und so bin ich befreit worden. Die Amerikaner haben noch SS-Leute im Wald gefunden, die sind dann in einem Zug an uns vorbeigelaufen. Und dann kamen die Leute aus Weimar, die Zivilisten, wurden durchs Lager geführt. Viele haben geweint, viele sind einfach durchgegangen.

Warum sind Sie nach dem Krieg in Deutschland geblieben?
Das kann ich Ihnen sagen: Weil ich im Oktober ’45 Tuberkulose krank war, ich hatte ein Loch in der linken Lunge, hohes Fieber. Es hat zweieinhalb Jahre gedauert, bis das geheilt war. So bin ich automatisch da geblieben.

Sie hatten keine Angst vor den Deutschen?
Wenn man damals gesagt hat, man ist Jude, haben doch alle stramm gestanden. Und es gab Lebensmittelpakete und viele Frauen, die im Krieg ihre Männer verloren hatten und neue Männer suchten.

Wie konnten Sie den Deutschen verzeihen?
Man kann nicht nur mit Hass leben. Können Sie nicht, das geht nicht.

Wo haben Sie nach dem Krieg gelebt?
In Marburg an der Lahn, später in Ostberlin.

Wie sind Sie da gelandet?
Ich habe in Berlin einen Freund besucht, der hat im Westen gewohnt und im Osten gearbeitet. Er hat mich mitgenommen. Für zwei D-Mark habe ich hier eine Flasche Sekt bekommen, ich habe gedacht, ich bin im Paradies. Ich hatte ein Mädchen in München, Else, und ich habe sie angerufen und gesagt, meine Sachen kannst du alle behalten, ich bleib hier. So bin ich geblieben.

Auch als die Mauer gebaut wurde?
Die Mauer gab es ja für mich nicht. Ich hatte große Vorteile im Osten, ich durfte mit dem Auto in den Westen fahren. Ich habe eine Ehrenrente von 1400 Mark bekommen.

Diese Vorteile hatten Sie, weil die DDR „Verfolgte des Naziregimes“ besonders unterstützte?
Ja, auch. Ich hatte eine Zweizimmer-Wohnung, Neubau mit Komfort, in Lichtenberg. 95 Mark Miete. Ein Paradies. Ich war sogar in Israel und habe mit meiner Frau eine Schiffsreise gemacht. Mit Ostpässen. 

Warum sind Sie nicht in Israel geblieben?
Weil es mir hier so gut ging.

Aber es gab in der DDR nicht viele Juden, kaum jüdisches Leben. Haben Sie das nicht vermisst?
Wir hatten doch eine jüdische Gemeinde und eine schöne Synagoge in der Rykestraße, war alles da. Auch eine koschere Fleischerei um die Ecke von der Schönhauser, da kam immer ein Schächter aus dem Westen oder aus Ungarn.

Wo haben Sie gearbeitet in der DDR?
Ich war bei der Firma Gerlach angestellt, einer Export-Import-Firma, einer privaten. Die haben mit allem gehandelt, Schuhe, Anoraks. Über den Dicken ist das gegangen, wie hieß der noch?

Alexander Schalck-Golodkowski?
Ja, aber mein Chef war Michael Wischnewski. Micha war auch Jude, auch Auschwitz-Überlebender. Wenn wir unter Leuten waren, haben wir Deutsch gesprochen, wenn wir alleine waren, unter vier Augen, Jiddisch. Er hat sich gefreut, dass er Jiddisch sprechen kann, damit er es nicht verlernt, und ich habe mich auch gefreut. Später ist er nach Israel gegangen und dort gestorben.

Seit wann wohnen Sie hier, in Bestensee?
Seit 1957. Erst waren wir nur am Wochenende hier, jetzt das ganze Jahr über. Früher war hier kaum ein Mensch. Wir sind rausgekommen und sofort zum Bauer Lehmann gegangen, frische Milch holen und Eier. In der Straße waren nur drei Häuser. Jetzt stehen vor jedem Stückchen Erde zehn Mann und wollen es haben.

Sind Sie der einzige Jude im Ort?
Ja, der einzige.

Wissen die Leute von Ihrer Verfolgung im Nationalsozialismus?
Ja, alle. Wenn Sie hier vor der Tür stehen, sehen sie ja die Mesusa hängen. Sie wissen, dass ich Jude bin und dass ich im Lager war. Mehr wissen sie nicht. Was ich Ihnen jetzt erzählt habe, sage ich das erste Mal. Ich habe mit niemandem so darüber gesprochen, nicht einmal mit meiner Frau. Sie weiß nicht einmal ein Zehntel davon.

Warum haben Sie mit ihr nicht darüber gesprochen?
Warum soll ich denn? Es ist nur eine Belastung für sie.

Hat sie danach gefragt?
Natürlich hat sie gefragt, aber ich habe gesagt: unwichtig, vorbei. Was heißt unwichtig! Sie weiß, dass es schlimm war, und sie hat mich später mit nach Auschwitz begleitet. Was hat sie gesehen? Gar nichts. Man sieht doch gar nichts.

Haben Sie noch Kontakt zu anderen ehemaligen Häftlingen?
Früher waren wir eine Clique von 25 Mann, haben uns getroffen, Karten gespielt, in der Nähe der Bernauer Straße. Von allen sind noch zwei geblieben.

Wer gehörte zu der Clique?
Wissen Sie, ich habe ja Alzheimer, die Namen, ich weiß die nicht mehr. Über Nacht sind mir alle entfallen. Ich muss kurz nachdenken, dann fallen sie mir ein. Ich nehme Ginseng-Tabletten, damit ich nichts vergesse. Es hilft nicht, ich vergesse trotzdem. Der Apotheker kriegt das Geld und ich vergesse weiter.

Haben Sie mit Ihren Freunden über die Zeit im Lager gesprochen?
Nein, wir wissen genau, der war im Lager und der, aber was soll man über Einzelheiten reden.

Träumen Sie davon?
Nein, ich träume überhaupt nicht. Schon seit 40, 50 Jahren träume ich nicht oder noch länger. Gar nicht träume ich.

Schlafen Sie gut?
Ich nehme eine halbe Tablette zum Einschlafen. Dann geht es, dann werde ich morgens um sieben wach. Aber einschlafen kann ich nicht. Ich weiß nicht warum.

Vielen Dank, dass Sie mit uns gesprochen haben.
Hat nicht weh getan, hat gar nicht weh getan. Wie heißt das Sprichwort? Zeit heilt Wunden. Das stimmt.

Interview: Anja Reich und Yael Nachshon

Zur Person

David Levin wurde 1926 in Warschau geboren. Seinen genauen Geburtstag kennt er nicht. Geburtstage wurden in seiner frommen Familie nicht gefeiert, sagt er. Sein Vater besaß eine Schokoladenfabrik, er hatte drei Geschwister, zwei ältere Brüder, eine jüngere Schwester. Die Wohnung seiner Familie befand sich in dem Bezirk, wo die Nazis 1940 alle Juden der Stadt im Warschauer Ghetto zusammenpferchten. Deshalb konnte Familie Levin zunächst in ihrer Wohnung bleiben. 

1942 wurde er zusammen mit seinem Bruder Richard auf der Straße verhaftet und ins Konzentrationslager Majdanek deportiert, 1943 kam er nach Auschwitz, von dort im Januar 1945 nach Buchenwald, wo er im April die Befreiung durch die amerikanischen Alliierten erlebte. Er ist der Einzige aus seiner Familie, der den Holocaust überlebte. Nach dem Krieg war er schwer lungenkrank. Nach einem dreijährigen Krankenhausaufenthalt blieb er in Deutschland und zog nach Ost-Berlin, wo er unter anderem für die Firma Gerlach, die zur Behörde für „Kommerzielle Koordinierung“ des DDR-Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski gehörte, arbeitete.

David Levin ist Rentner und lebt mit seiner Frau Christa in Bestensee im Land Brandenburg. Er ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde von Berlin. 2011 begleitete er Ex-Bundespräsident Christian Wulff als Überlebender und Zeitzeuge in das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz. An diesem Sonntag nimmt er an den Gedenkfeierlichkeiten zum 74. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz teil.

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