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Das gewollt Schäbige kann auch chic sein.

Schlampen

Die hohe Kunst des Gammelns

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Zerrissene Jeans, öliges Haar, verschmiertes Makeup ? eine kleine Kulturgeschichte des schäbigen Auftritts.

Es ist diesem Text natürlich zuträglich, dass wir uns im „Summer of Sleaze“ befinden. Für die Augen aber ist das eine Zumutung: übergroße Jogginghosen schleifen über den Boden, abgewetzte XXL-Pullis schlabbern um den Körper, fettig-fransige Haare umrahmen das fahle Gesicht. Nicht in der Privatsphäre einer versifften Kiffer-Bude – sondern ausgerechnet auf den Straßen Hollywoods. So eindrucksvoll und explizit zelebrieren die prominenten Einheimischen derzeit den modischen Schlendrian, dass findige Hochglanzmagazine und Modeblogs den Sommer der Schlamper, der Schmierlappen und der Schluffis ausgerufen haben, den „Summer of Sleaze“ eben.

Vorwiegend allerdings scheinen es die männlichen Vertreter der Showgarde zu sein, die beharrlich die Ungepflegtheit pflegen. Sänger Justin Bieber sieht zunehmend aus, als habe er auf der Ladefläche eines Müllwagens geschlafen – es war eine kurze Nacht – und von den Schauspielern Matthew McConaughey und Jonah Hill ist es augenscheinlich zu viel verlangt, ihre ausgebollerten Hawaii-Hemden richtig zu knöpfen. Ist der „Summer of Sleaze“ also bloß ein durch Modemedien aufpoliertes Alibi für die lustlosen Herren, unter dem Trend-Deckmäntelchen grotesk und gammelig zu tragen?

Mitnichten. Es gibt auch Frauen – kulturhistorisch eigentlich in die hübsch geschminkte und perfekt manikürte Stanzform des „schönen Geschlechts“ gepresst –, die sich jetzt den ausgebeulten Trainingshosen und losen Pferdeschwänzen hingeben. Schauspielerin Bella Thorne posiert samt schlampigem Gefolge für Instagram-Bilder völlig nonchalant im Gammellook. Und in den übergroßen Fleckenshirts von Kollegin Kristen Steward hätte locker noch eine weitere Schauspielerin Platz. Eine Vorwarnung auf den Sommer des hemmungslosen Underdressings gab es schon im Herbst: Da präsentierten selbst namhafte Marken den Wischiwaschi-Style, clochardartige Lagenlooks bei Balenciaga, mitgeschleifte Schmusedecken bei Céline. Letztere gab’s auch beim angesagten Label Totême, ergänzt durch Flip-Flops und Pyjama. Woher aber rührt die ganze Schlamperei? 

Ein großer Sprung zurück: 1853 formuliert Karl Rosenkranz erstmals die „Ästhetik des Hässlichen“. „Allein das Hässliche ist vom Begriff des Schönen untrennbar“, schreibt der Philosoph und Hegel-Schüler. „Jede Ästhetik ist gezwungen, mit der Beschreibung der positiven Bestimmungen des Schönen irgendwie auch die negativen des Hässlichen zu berühren.“ Und Baudelaire: „Die Schönheit ist immer, unausweichlich, zweiseitig zusammengesetzt, obwohl der Eindruck, der sie erschafft, einzig ist.“ Will sagen: Das Hässliche ist dem Schönen gewissermaßen inhärent, wo Schönes ist, da ist auch Hässliches nicht fern. Und wo ziemlich viel ziemlich gut aussieht, da tut auch einiges den Augen weh.

Zurück im „Summer of Sleaze“ bedeutet das: Irgendwo zwischen Ikea, iPhone und Instagram ist der Schönheit ihre Exklusivität verloren gegangen. Die minimalistisch-skandinavische Sofalandschaft, die appetitlich abfotografierte Avocado-Poke-Bowl, das sorgsam aufeinander abgestimmte Outfit in Beige und Greige – Möbelkataloge, Massenmode und Soziale Medien geben das gut eingerichtete, angerichtete, hergerichtete Schablonenleben vor. Und weil attraktiv ja plötzlich alle können, wird unappetitlich erst so richtig interessant. Ist der Schlampen-Look also nur ein Auswuchs der glattrasierten Digitalwelt? Nicht ganz.

Denn es gab ihn ja schon, lange bevor Facebook und Filter aus dem schnöden Alltag den begehrenswerten Lifestyle gemacht haben. Die Musik und die Mode des Grunge trugen das Ölige bereits im Namen: „Grunge“, das bedeutet so viel wie „Schmuddel“ oder „Dreck“. Und der Name war Programm: Mit den schrammeligen Gitarren paarten sich in den 1990ern zunehmend die schrammeligen Outfits. Über die zerrissenen Jeans und abgetragenen Ringelshirts der Bandmitglieder von Nirvana oder Alice in Chains manifestierte sich die Resignation der Generation X, schonungslos und schmuddelig, kein Bock auf gar nichts mehr, schon gar nicht auf die sexualisierte Mode ihres Jahrzehnts à la Gianni Versace oder Jean Paul Gaultier. Eine Haltung und ein Stil, denen in den vorangegangenen zwei Jahrzehnten schon der Punk den verdreckten Weg ebnete.

Was Teenage-Girls fortan anzuhimmeln hatten, war triefig und miefig, desinteressiert und unmotiviert, Kurt Cobain, Layne Staley, Chris Cornell – ein Stil, den schließlich der Designer Marc Jacobs auf den Laufsteg brachte. Aber auch die Frauen fanden ihre Heldinnen inmitten einer Szene, die zwar gegen das männerdominierte Establishment aufbegehrte, mit den abgewrackten Männeridolen droben auf der Bühne und den dahinschmelzenden Mädchenfans unten trotzdem macho-mäßigen Strukturen verfiel: Courtney Love, selbst Musikerin und Cobain-Freundin, wurde zum ikonischen Gegenprogramm zur erotisch ausstaffierten Popkönigin Madonna. Zerschlissene Minikleider, kratzige Wolljacken, verschmiertes Makeup: Der offensichtliche Absturz mit ein bisschen gutem Willen und jeder Menge Heroin wurde zum modischen Paukenschlag. Was die Kinder dieser Generation noch immer fasziniert und ihre Eltern nie verstehen werden, sollte mit der Jahrtausendwende noch einmal eine Überhöhung erfahren.

Die 2000er-Jahre standen ganz im Zeichen der US-Partygirls. Und von denen – den Paris Hiltons, Nicole Richies und Tara Reids dieser Welt – gingen eben nicht nur glanzvolle Roter-Teppich-Bilder in Massen durch die Medien. Es sind vor allem die unzähligen Paparazzi-Aufnahmen, die in die Annalen eingingen: Lindsay Lohan, die im grauen Beulen-Hoodie in der Limousine ihren Rausch ausschläft; Mischa Barton, die mit Wuschelkopf und Armyparka in den Burgerladen schlappt; Britney Spears, die im Wahn, kahlgeschoren und mit tränenverschmiertem Mascara auf die Fotografen eindrischt. Ab da gab es kein Halten mehr: Der Celebrity-Kollaps wurde von der tragischen Boulevard-Nachricht zum heißbegehrten Modestatement. Die italienische „Vogue“ spendierte dem abgewrackten Promistil 2005 gar eine eigene Modestrecke: glimmende Kippen und Tanga-Blitzer unter dem Titel „Hollywood Style“, fotografiert von dem genialischen Steven Meisel. Und damit auch der Modefan ein bisschen von dem abgeblätterten Glamour abbekommt, überschlugen sich Modemedien und Kosmetikmarken mit Tipps für den perfekt unperfekten Stil.

„How to look like shit“, erklärte etwa der Blog „Jezebel“, „wie man wie Scheiße aussieht“: Lippenstift beim Joggen auftragen, das fertig geschminkte Gesicht in ein Kissen drücken, nur auf psychoaktiven Pilzen den Kajal nachziehen. Was die „Jezebel“-Autoren noch humoristisch umschrieben, das wurde spätestens im Drogerieregal wirtschaftliche Realität: „Out of bed“-Produkte fluteten den Markt, Sprays und Mittelchen, die der Kundin zu jeder Tageszeit die Haare eines verschlafenen Kater-Sonntags zaubern. Als ließe sich das durch einen ordentlich Tequila-getränkten Samstagabend nicht ganz einfach selbst kreieren.

Sei’s drum: Der Schlampenstil war auch im Mainstream angekommen, nicht zuletzt, weil Sängerin Amy Winehouse und Musiker Pete Doherty samt Model-Freundin Kate Moss den jugendkulturellen Anspruch des 90er-Grunge geschickt mit den alkoholgetränkten Eskapaden der Hilton-Lohan-Spears-Girls mischten. Plötzlich war es eben nicht mehr angesagt, frisch geduscht und gut frisiert daherzukommen, das Gegenteil wurde populär. Ein Stil, den Hedi Slimane, einer der bestbezahlten Designer der Branche und enger Doherty-Freund, für Saint Laurent perfektionierte: Zwischen 2011 und 2016 verdreifachte er als Chefdesigner die Erlöse der Traditionsmarke mit abgehalfterten Partylooks auf 974 Millionen Euro. Die Schlampe war nicht nur zum Stilvorbild, sie war zum ernstzunehmenden Wirtschaftsfaktor geworden.

Aus dem Schlagwort „Hot Mess“, das eine ungepflegte und dennoch attraktive Frau umschreibt, wurde in Modemagazinen die „Haute Mess“, die hohe Kunst des Gammelns. Um 2015 wurde das „Ombré Hair“ modern, eine herausgewachsene Blondierung, die aussieht, als habe die Trägerin vor lauter Feiern den Termin zum Nachfärben vergessen. 

2017 war dann das „Slumping“ angesagt, eine Spielart des Stylings, bei der Mäntel und Jacken nicht ganz angezogen, sondern falsch geknöpft und kunstvoll drapiert den Oberkörper nur halb umschlingen. Was uns zurückführt ins Hier und Jetzt, mitten in den „Summer of Sleaze“.

Denn auch der auf einer Ästhetik des Zufälligen und Ungewollten basierende Stil ist das eben nicht: zufällig und ungewollt. Was hier von Bieber, Hill und Thorne scheinbar blindlings aus dem Schrank gefischt und achtlos-arglos zusammengewürfelt wird, sind eben nicht ausrangierte Altkleider. Es sind „Trend-Pieces“ und „Must-Haves“, von der Modeindustrie bereitgestellt. 
Und eben das ist die ganz eigene Kunst der Mode, dieser schaurig-schönen Industrie: Aus der scheinbaren Verweigerung ihrer Grundfeste gegenüber – dem Geschmack, der Grandezza, dem Gutaussehen – macht sie ein ganz eigenes Segment. Alles nur Kalkül, alles bloß Konsum. Oder um es mit den schöngeistigen Worten Georg Simmels zu sagen: „So hässliche und widrige Dinge sind manchmal modern, als wollte die Mode ihre Macht gerade dadurch zeigen, dass wir ihretwegen das Abscheulichste auf uns nehmen.“ Hätte der Soziologe die Zeilen nicht schon 1905 verfasst, man hätte sie dem „Summer of Sleaze“ zugeschrieben.

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