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Die Rohingya leiden in den schlecht ausgestatteten Flüchtlingscamps in Bangladesch unter dem starken Monsunregen.

Myanmar

Hohe Erwartungen an Suu Kyi

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Myanmars De-facto-Regierungschefin will sich zur brutalen Vertreibung der Rohingya äußern - bislang hat sie sich davor gedrückt, Stellung zu beziehen.

Wochenlang schwieg Aung San Suu Kyi, während die Welt fassungslos und weitgehend tatenlos der Vertreibung von über 400.000 islamischen Rohingya aus dem Rakhine-Staat an Myanmars Grenze zu Bangladesch beobachtete. Das Leiden der Minderheit wischte die Friedensnobelpreisträgerin zuletzt mit dem Hinweis auf einen „riesigen Eisberg von Falschinformationen“ beiseite – und sagte einen Auftritt vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen ab. Am Dienstag nun will die als De-facto-Regierungschefin eingesetzte Staatsberaterin bei einer Fernsehansprache zur Lage von Myanmar einen Befreiungsschlag vor einem weitgehend sympathisierenden heimischen Publikum vollbringen.

Aung San Suu Kyi steht vor einem Schicksalstag, der über ihr politisches Erbe entscheidet. „Wenn sie bei ihrer Rede die Vertreibung der Rohingya nicht rückgängig macht“, sagte UN-Generalsekretär Antonio Guterres am Wochenende, „werden wir eine furchtbare Tragödie erleben, und ich kann nicht sehen, wie das Problem in der Zukunft gelöst und das alles rückgängig gemacht werden kann.“

Einschließlich der 90.000 Rohingya, die bereits im vergangenen Jahr aus dem Norden des Rakhine-Staats vertrieben wurden, flohen seit dem 25. August laut UN-Angaben knapp 500.000 Angehörige der auf insgesamt 1,1 Millionen Menschen geschätzten Minderheit nach Bangladesch. „Seit dem 25. August sind mehr Rohingya geflohen als die Zahl der Flüchtlinge, die im Jahr 2016 per Boot über das Mittelmeer nach Europa gelangten“, teilte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International am Montag mit.

Im August Zahl der Soldaten erhöht

Aber Aung San Suu Kyi ist in der Rohingya-Frage politisch eine Gefangene des Armeechefs Aung Laing. „Man verlangt die Anerkennung der Rohingya, die nie eine ethnische Gruppe in Myanmar waren“, verkündete der General am Wochenende, „die Frage der Bengalen ist eine nationale Frage, und wir müssen vereint die Wahrheit verkünden.“

Im Klartext: Der Offizier wird sich vom Ausland nicht in seine Strategie der verbrannten Erde hineinreden lassen und verlangt von Aung San Suu Kyi, seinen Vorgaben zu folgen.

Dabei dauert die Verfolgung und Unterdrückung der Rohingya durch Sicherheitskräfte und radikale buddhistische Mönche bereits seit Jahren an.

„Der Angriff einer Gruppe von Islamisten auf Polizeistationen am 25. August war der Vorwand, einen lange entwickelten Plan in die Tat umzusetzen“, sagen inzwischen Mitarbeiter des früheren UN-Generalsekretärs Kofi Annan, die vor der Vertreibung die Strategie nicht erkannt hatten. Zudem hatten Myanmars Streitkräfte in der ersten August-Hälfte die Zahl der Soldaten im Norden des Landes erhöht – ganz so, als ob die Generäle über Angriffspläne der Islamisten informiert waren.

Explosives Fass regionaler Spannungen

Mit der brutalen Vertreibung der Rohingya, von Guterres als „ethnische Säuberung“ bezeichnet, legten Myanmars Generäle die Lunte an ein explosives Fass regionaler Spannungen. Überdies soll es in Bangladeschs Militärkreisen Überlegungen geben, in Zukunft jene islamistischen Rebellen zu finanzieren und militärisch zu unterstützen, die für die Angriffe vom 25. August verantwortlich sind.

An Rekruten dürfte es nach der Vertreibung nicht mangeln. Auf der Insel Shah Porir Dwip, auf der viele der vertriebenen Rohingya mit Booten ankommen, führt angesichts mangelnder Hilfe aus dem Ausland der erste Weg der Vertriebenen zu den Moscheen der islamistischen Organisation Hefezat-e-Islam Bangladesch, die in der Region massiven Einfluss besitzt.

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