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Moria im September 2020: Auf ihrem Fluchtweg machen viele Menschen immer wieder traumatische Erfahrungen durch. ANGELOS TZORTZINIS/AFP
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Moria im September 2020: Auf ihrem Fluchtweg machen viele Menschen immer wieder traumatische Erfahrungen durch. ANGELOS TZORTZINIS/AFP

Suizide von Geflüchteten

Hohe Dunkelziffer

  • Viktor Funk
    VonViktor Funk
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In Deutschland werden Suizide von Flüchtlingen nicht systematisch erfasst. Die Datenlücke schrumpft nur langsam

Aus präventiven Gründen wird in Deutschland in den Medien wenig über Suizide berichtet, aus politischen Gründen wird noch weniger über Suizide von Geflüchteten gesprochen. Keine behördliche Stelle kann dazu verlässliche Daten für das Bundesgebiet liefern.

Umso bedeutender ist der Bericht der Antirassistischen Initiative aus Berlin. Zum 28. Mal veröffentlichte der linke Verein eine aktualisierte Dokumentation über bekannt gewordene Suizide und Suizidversuche geflüchteter Menschen in Deutschland. „Von 2016 bis einschließlich 2020 sind jeden Monat durchschnittlich zwei bis drei Geflüchtete durch Suizid ums Leben gekommen“, heißt es in der Mitteilung. „Das sind 159 Menschen insgesamt; 2596 Personen haben Suizidversuche oder Selbstverletzungen unternommen. Das sind 519 im Jahresdurchschnitt. Von einer sehr hohen Dunkelziffer ist auszugehen.“

Problem „Ankerzentrum“

Die Dunkelziffer von Suizidversuchen liegt laut Fachleuten etwa 15 bis 20 Mal höher. Die Frankfurter Rundschau hat alle Bundesländer und das Bundesinnenministerium zu Suiziden von Geflüchteten befragt. Mehrfach teilen die Auskunftsstellen mit, dass die Landespolizeien die Suizidversuche nicht erfassen, weil „Suizid nicht strafbar ist“, wie das Innenministerium Baden-Württemberg schreibt. Außerdem würden Suizide nicht zwingend gesondert erfasst, wenn die Polizei unnatürliche Todesfälle bearbeite, teilt das Innenministerium Mecklenburg-Vorpommern auf Nachfrage mit.

Die Datenlage ist entsprechend von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich.

Sachsen-Anhalt, Bayern und Baden-Württemberg konnten für den erfragten Zeitraum 2015 bis 2020 detaillierte Angaben machen. Alle drei Bundesländer wiesen aber darauf hin, dass die Daten unvollständig seien. „Die bei Suiziden und Suizidversuchen regelmäßig eingebundenen Stellen wie insbesondere Ärztinnen bzw. Ärzte und Mitarbeiterinnen bzw. Mitarbeiter der unabhängigen Sozial- und Verfahrensberatung sind der Verschwiegenheit verpflichtet. Entsprechende Informationen werden daher nicht in jedem Einzelfall an die jeweilige Behörde weitergegeben“, schreibt die Pressestelle des Innenministeriums Baden-Württemberg.

Suizide: keine einheitlichen Regeln für Datenerhebung

Interessanterweise gehen die Länder auch sehr unterschiedlich damit um, welche Stellen Daten zu Suiziden dokumentieren. Während unter anderem Baden-Württemberg, das Saarland und Schleswig-Holstein darauf verweisen, dass die Zahl der Suizidfälle nicht aus der Polizeilichen Kriminalstatistik herausgelesen werden kann, bezieht Bayern die Daten genau daraus. Hinzu kommt, dass es offenbar Löschungsfristen zu diesen Vorfällen gibt; das geht aus der Antwort des sächsischen Innenministeriums hervor, das auf Lösch- und Speicherfristen von Nicht-Straftaten verweist.

Dennoch scheint die Datenlücke zum Thema Suizide von Flüchtlingen kleiner zu werden. Noch vor drei Jahren, als die FR das erste Mal das Thema systematisch recherchierte, erteilte kaum ein Bundesland dazu Auskunft.

Bayern zählt die meisten Ankerzentren

Die bessere Dokumentation fällt zeitlich mit der Einrichtung sogenannter Ankerzentren zusammen. Geflüchtete Menschen sollen seit 2018 solange in Aufnahmelagern in Deutschland bleiben, bis über ihren Antrag entschieden worden ist oder eine positive Entscheidung erwartbar ist. Sie sind also in der Obhut des Staates. Die meisten dieser Einrichtungen gibt es in Bayern: sieben Stück, dazu je eine noch im Saarland und in Sachsen. Hinzu kommen sieben „funktionsgleiche Einrichtungen“ in weiteren Bundesländern.

Anfang dieses Jahres nahmen sich kurz nacheinander zwei junge Männer im bayerischen „Ankerzentrum“ in Schweinfurt das Leben, schon in den Jahren davor gab es andere vollzogene und versuchte Suizide in der Einrichtung. Diese Häuser stehen von Anfang an in der Kritik derjenigen, die sich für die Rechte und die Integration von Geflüchteten engagieren.

„Immer weiter entrechtet“

„Zentrale Lager wie die Ankerzentren sind ein Teil des Gesamtkomplexes der Abschottung und Abschreckung gegen geflüchtete Menschen“, sagt eine Sprecherin der Antirassistischen Initiative aus Berlin. „Durch die kontinuierlichen Verschärfungen der Asyl- und Aufenthaltsgesetze werden Geflüchtete immer weiter entrechtet und ihre Lebensperspektiven vernichtet. Am Ende der Hoffnungen steht für die meisten die angedrohte oder die vollzogene Abschiebung. Die Suizide und die Selbstverletzungen sind dann Folgen dieser menschenfeindlichen Politik. Und unsere Dokumentation belegt dies.“

Vor der Bundestagswahl fordern deshalb mehr als 60 Organisationen – darunter Pro Asyl, die Diakonie, die Caritas, und die Seebrücke – von der künftigen Bundesregierung die „Ankerzentren und vergleichbare Einrichtungen in Deutschland“ abzuschaffen und Erstaufnahmeeinrichtungen zu schaffen, „die das Ankommen der Menschen in den Mittelpunkt stellen und sie bestmöglich auf das Asylverfahren und den Aufenthalt in Deutschland vorbereiten“.

Hilfe bei Suizid-Gedanken:

Wenn es Ihnen nicht gut geht oder Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein, und es gibt auch andere Hilfsangebote. Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 erreichbar. Es gibt auch die Möglichkeit einer E-Mail-Beratung oder eines Hilfe-Chats. Weitere Informationen finden Sie unter www.telefonseelsorge.de

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