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„Im As vergisst Du diese letzte Zeit“ – In seinen Entwürfen für das „Café As“ verarbeitete Wiesenthal auch die Grauen des Krieges.

KZ-Überlebende

Hoffnungszimmer

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Simon Wiesenthal brachte zahlreiche NS-Verbrecher vor Gericht. Das Jüdische Museum in Wien zeigt derzeit Skizzen eines Cafés, die Wiesenthal im KZ Mauthausen für einen Freund gezeichnet hat. Das Kaffeehaus wurde nie gebaut – dennoch stehen die Entwürfe für den unbedingten Willen, zu überleben.

Eigentlich sei er Architekt. Das hat Simon Wiesenthal immer wieder betont, wenn der als Nazijäger bekannte Schriftsteller und Publizist über sein Leben sprach. Und tatsächlich hat der 1908 in Galizien geborene und 2005 in Wien verstorbene Wiesenthal als junger Mann Architektur studiert. Ausgeübt hat er diesen Beruf zwar nie, aber nun sind im Jüdischen Museum in Wien erstmals Entwürfe Wiesenthals zu sehen, die lange als verschollen galten. Das Besondere an diesen Architekturskizzen für ein Kaffeehaus, die Wiesenthal im Februar 1945 noch in KZ-Haft begonnen hatte. ist aber weniger ihr formalästhetischer Gehalt als die Geschichte ihrer Entstehung und Wiederentdeckung. Das Kaffeehaus wurde nie gebaut – und dennoch erzählen die Skizzen eine Geschichte über Freundschaft und Zusammenhalt. Über die Kraft der Kunst – und wie sie einen Menschen am Leben halten kann.

Im Herbst 2016 ging ein Anruf im Jüdischen Museum in der Wiener Dorotheergasse ein. Ein Gerhard Svoboda war am Apparat und stellte sich als Schwiegersohn von Edmund Staniszewski vor, der mit Wiesenthal 1945 im Konzentrationslager Mauthausen gesessen hatte. Er habe ein interessantes Angebot, das mit Herrn Wiesenthal zusammenhinge, sagte er. Ein paar Tage später erschien Svoboda in der Donaustadt und stellte einen ziemlich ramponierten Karton der Firma Josef Estermann A.G. aus Linz-Wels auf den Tisch. Darin 80 Blätter mit Zeichnungen Wiesenthals – es waren die Entwürfe eines Cafés, die er für seinen Freund „Edek“ Staniszewski vor mehr als 70 Jahren gefertigt hatte.

Edmund „Edek“ Staniszewski.

Wiesenthal erzählte gern, dass er als Kind oft stundenlang Bauten aus Würfelzucker errichtet habe. Als er größer wurde, malte er jedoch lieber. Auf Drängen seiner Eltern habe er dann allerdings anstelle des ersehnten Malereistudiums Architektur studiert, auch weil er in den Schulferien häufig in der Ziegelei seines Stiefvaters gearbeitet hatte und dabei mit dem Hausbau in Berührung gekommen war. Zum Studium verließ Wiesenthal seine galizische Heimatstadt Buczacz und ging im Februar 1929 an die Technische Hochschule in Prag. Im Sommer 1932 wechselte er an die Polytechnische Universität in Lemberg, weil ein Studienabschluss dort in Polen eher anerkannt wurde als ein Prager Zeugnis. Nach dem Einmarsch der Roten Armee aufgrund des Hitler-Stalin-Paktes im September 1939 verzögerte sich jedoch sein Studienabschluss, da die Russen das Leitungspersonal der Uni auswechselten. Erst im Juni 1940 konnte Wiesenthal sein Diplom ablegen.

Die Zeit an der polnischen Hochschule war bis dahin schwierig gewesen für Wiesenthal, da es unter den polnischen Studenten und auch den Lehrenden einen verbreiteten Antisemitismus gab. Unter dem Motto „judenfreie Tage“ wurden Studenten mosaischen Glaubens von ihren polnischen Kommilitonen mitunter gewaltsam vom Besuch der Hochschule ferngehalten. Da dies nicht selten an Prüfungstagen geschah, verzögerte dies für viele jüdische Studenten den Abschluss ihres Studiums. Außerdem gab es strenge Zulassungsbeschränkungen für Juden an den Universitäten und Hochschulen.

Simon Wiesenthal.

Während seines Studiums hatte Wiesenthal Karikaturen für die Studentenzeitung Omnibus und die zionistische Zeitung Chwila gezeichnet. Nachdem er die Uni verlassen hatte, fing er zunächst in einem Baubüro an, um dann als Techniker in einer Fabrik für Bettspringfedern und schließlich als leitender Ingenieur in einem Lebensmittelbetrieb zu arbeiten. Im Juni 1941 marschierte die Wehrmacht ein, unmittelbar darauf wurde er verhaftet. Nun begann für ihn eine Odyssee durch zwölf Konzentrationslager, darunter auch Buchenwald. Von dort gelangte er auf einem der berüchtigten Todesmärsche, abgemagert und mit einem erfrorenen Fuß, am 15. Februar 1945 ins KZ Mauthausen, wo er ins Sanitätslager – das sogenannte Russenlager – gesteckt wurde. Dort bekam er eine Pritsche zwischen anderen Schwerkranken zugewiesen. Jeden Morgen seien Dutzende Tote aus der Baracke geholt worden, erinnerte er sich später.

Doch Simon Wiesenthal hatte Glück – eines Morgens erschien der Blockführer und fragte die Häftlinge, ob jemand zeichnen könne. Als sich Wiesenthal meldete, wurde ihm gesagt, er müsse eine Glückwunschkarte für einen Angehörigen der Wachmannschaft gestalten, der Geburtstag hat. Die Karte gelang so gut, dass er nun weitere Zeichenaufträge, Papier und Stifte erhielt. Außerdem wurden ihm täglich ein halber Teller Suppe und ein Stück Brot zusätzlich gegeben. Das Essen und die Aufträge übermittelte ihm ein polnischer Mithäftling, der im Lager als Suppenausträger fungierte – es war Edmund Staniszewski, den Wiesenthal „Edek“ nannte.

Die beiden freundeten sich an. Wie Wiesenthal später in einem Buch schrieb, war es wohl gegen Ende Februar 1945, dass „Edek“ ihn in seinen Plan, ein „originelles Kaffeehaus“ in Posen einzurichten, einweihte. Wenn er die KZ-Haft überleben sollte, wolle er es an der Glogauer Straße, wo seine Familie ein Haus besitze, eröffnen, habe der Freund gesagt. Wiesenthal stürzte sich mit Feuereifer an die Arbeit. „Das Zeichnen war für mich wichtig, weil ich mir gedacht hab, ich werde sterben, aber es soll etwas von mir bleiben“, erinnerte er sich 50 Jahre später in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau.

So entstanden insgesamt fast 80 Buntstiftzeichnungen, deren Rohentwürfe zum Teil noch im KZ Mauthausen begonnen wurden und die Wiesenthal nach der Befreiung des Lagers am 5. Mai 1945 in Linz fertigstellte. Die Zeichnungen, die jetzt im Jüdischen Museum Wien in der Dorotheergasse zu sehen sind, skizzieren für das Eckhaus von „Edeks“ Familie in Posen drei Varianten eines Cafés mit Konditorei, Klubräumen, einem Tanzsaal mit Bühne und einem mobilen Straßencafé. Hinzu kam ein weiterer Entwurf für eine separate Milchbar.

Wiesenthal entwarf nicht nur Fassade und Interieur für das „Café As“, …

Es war offenbar auch Wiesenthals Idee, das Café nach der Spielkarte Ass – die in alter Rechtschreibung nur mit einem s geschrieben wurde – zu benennen. Ausgehend von den Farben des Spielblatts entwickelte er „eine Synthese von Außen- und Innenansichten, Dekorationen, Möbel- und Tortenentwürfen, Kleidungsvorschlägen für das Personal und Werbeillustrationen, die Züge eines Gesamtkunstwerks trägt“, schreibt die langjährige Mitarbeiterin und Archivarin Wiesenthals, Michaela Vocelka, im Katalog zu der Ausstellung. Sogar Reklameplakate, in denen sich auf „As“ reimende Wörter auftauchen, entwarf Wiesenthal. Auch zieht sich das As als Schriftzug und Kartenwert durch die Entwürfe, es findet sich auf Wanddekorationen ebenso wie auf Vorhängen, Möbeln, Geschirr, Kellneruniformen und sogar Torten, „gleich einem Logo und ähnlich dem identitätsstiftenden Merkmal einer heutigen Corporate Identity“, so Vocelka.

Immer wieder tauchen in den Zeichnungen aber auch Verweise auf die zurückliegenden Schrecken des Krieges und des nationalsozialistischen Terrors auf. So ist im Entwurf eines Schachzimmers im Café ein großes Wandgemälde dargestellt, das eine Kriegsszene mit Flugzeugen, Panzern, verletzten Soldaten und Gräbern zeigt. In einer anderen Skizze ist ein Schaukasten zu sehen, in dem ein Film über eine Armeeschlacht beworben wird. Ein Werbeplakat zeigt einen halb zugezogenen Vorhang mit der Aufschrift „Im As vergisst Du diese letzte Zeit“, der den Blick auf die zwischen 1939 und 1945 zerstörte Stadt verhüllen soll.

… Ideen für Geschirr und Tabletts fertigte er an. 

Nach der Befreiung des KZ Mauthausen waren Wiesenthal und sein Freund „Edek“ noch einige Wochen zusammen in Linz geblieben. Mit den fertigen Entwürfen für sein Café verließ Staniszewski schließlich im Sommer 1945 die Stadt und kehrte nach Posen zurück. Die Zeichnungen hatte er in einen Pappkarton der Linzer Firma Josef Estermann A.G. gelegt. Es war derselbe, inzwischen arg ramponierte Karton, den „Edeks“ Schwiegersohn Gerhard Svoboda 71 Jahre später auf den Tisch im Jüdischen Museum in Wien stellte.

Wie Svoboda erzählte, sei sein Schwiegervater bereits 1984 verstorben. Nun müsse die Witwe, seine Schwiegermutter, ins Altersheim übersiedeln, und weil die Familie dafür Geld benötige, wolle man die Zeichnungen verkaufen. Nachdem das Museum die Authentizität der Skizzen durch einen Experten hatte prüfen lassen, wurde man sich handelseinig. Mit Unterstützung seines amerikanischen Freundesvereins kaufte das Jüdische Museum die Wiesenthal-Entwürfe für das Kaffeehaus in Posen an.

Wiesenthal entwarf auch Kellner-Uniformen.

Das „Café As“ ist übrigens nie gebaut worden, weil das Haus der Staniszewskis in Posen von den Kommunisten konfisziert wurde. „Edek“ und Wiesenthal verloren sich nach 1945 für viele Jahre aus den Augen. Erst 1960, als Zeitungen in Ost und West über die Entführung des nach Argentinien geflohenen Judenmörders Adolf Eichmann nach Israel und Wiesenthals Anteil daran berichteten, schrieb ihm Edmund Staniszewski nach Linz. „Du kannst Dir nicht vorstellen, welch eine große Freude mir und meiner Familie diese Nachricht bereitet hat, dass Du lebst, gesund bist und dass Du Dich in Linz befindest und welch einen großen Erfolg Du gefeiert hast“, heißt es in dem im Jüdischen Museum ausgestellten Brief vom 1. November 1960. „Leider sind meine Träume zunichte geworden, aber dein Entwurf jenes Kaffeehauses und die Zeichnungen (Skizzen aus der Hölle des Lagers) sind mir erhalten geblieben, als für mich teure Andenken von Dir, Simon.“

Wenige Tage später traf Wiesenthals Antwort in Posen ein. „Ich weiß, dass ich Dir mein Leben verdanke, nur Deinem edlen Herzen und Deiner freundschaftlichen Hilfe“, schrieb er. „Auch Du hast einen Anteil daran, dass ich Jahre lang die Mörder unserer Nächsten gejagt habe. Ich, dieser ‚Muselmann‘, der ohne Deine Hilfe mit Sicherheit durch die Gaskammer gegangen wäre.“

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