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In den Slums von Caracas sind die Menschen froh, wenn sie nach Stunden des Schlangestehens etwas Propangas heimbringen.

Venezuela

„Die Hoffnung auf Wandel ist ungebrochen“

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Der venezolanische Meinungsforscher Luis Vicente León über die Perspektiven seiner Heimat.

Herr León, in Barbados verhandeln Venezuelas Opposition und Regierung derzeit über einen Ausweg aus der Krise im Land. Man hört allerdings nichts. Ist das ein gutes Zeichen?
Nicht unbedingt. Die Verhandlungen sind nach außen hermetisch, das ist die Bedingung der norwegischen Vermittler der Gespräche. Man weiß nur Grundlegendes. Es geht um die Frage von vorgezogenen Präsidentschaftswahlen – die Kernforderung der Opposition. Die Regierung schlägt hingegen eine vorgezogene Parlamentswahl vor, was ein Witz ist. Die Positionen sind sehr weit auseinander, schon um sich nur auf Minimales zu verständigen.

Im Vorfeld hieß es, die herrschenden Chavisten seien bereit, Maduro in den Verhandlungen zu opfern …
Das ist kompletter Quatsch, ein falsches Gerücht. Maduro wird nicht zurücktreten.

Was kann es dann für eine Lösung am Verhandlungstisch überhaupt geben, wo die Opposition doch genau das als zentrale Forderung formuliert hat?
Man könnte sich auf Rahmenbedingungen einigen, zum Beispiel einen neuen unabhängigen Wahlrat oder ein neutrales Oberstes Gericht. Und dann terminiert man die Präsidentschaftswahl in einem Jahr. Dann müssten Regierung und die Chavisten selbst entscheiden, ob sie wieder mit Maduro antreten wollen.

Luis Vicente León (59) leitet Datanálisis, Venezuelas wichtigstes Institut für Meinungsforschung.


Juan Guaidó nennt sich seit einem halben Jahr „Presidente encargado“ – beauftragter Präsident. Aber den versprochenen schnellen Machtwechsel hat er nicht geschafft. Nun verhandelt er, will aber gleichzeitig den Druck auf der Straße aufrechterhalten. Geht das?
Zum Teil. Guaidó hat Versprechen gemacht, die er nicht gehalten hat. Die Menschen sind zunehmend enttäuscht, und der radikale Flügel der Opposition hält es für einen Fehler zu verhandeln. Vor einem halben Jahr gingen 63 Prozent der Venezolaner davon aus, dass ein Machtwechsel sehr schnell passiert. Mittlerweile denkt das nur noch ein Viertel der Bevölkerung. Aber die Erwartungen waren auch zu hoch. Als hätte Guaidó eine App erfunden, die er nur zu öffnen brauche, um Maduro von der Macht zu verdrängen. Es zeigt sich, dass die Dinge komplizierter sind und länger dauern. Aber Juan Guaidó hat auch nicht in so großem Maße an Unterstützung verloren, wie man vermuten könnte. Noch immer liegt seine Zustimmung bei über 50 Prozent. Die Hoffnung auf einen Wechsel ist ungebrochen.

Bei einer inzwischen fast vollständig kollabierten Wirtschaft kann das doch so lange nicht mehr dauern …
Na ja, zum einen ist die Wirtschaft noch nicht komplett kollabiert. Zum anderen hat eine zerstörte Ökonomie nicht unbedingt den Sturz der jeweiligen Regierung zur Folge. Man muss nur nach Kuba oder Simbabwe schauen. Zudem dürfen wir nicht übersehen, dass Maduro noch immer mächtige Verbündete hat. Allen voran sind das Russland, China, die Türkei und Indien.

Wie viel Zeit bleibt denn dann dem Regime noch?
In meinem Job rede ich nicht von Zeiten, sondern von Wahrscheinlichkeiten. Und die Chance, dass es kurzfristig einen Wechsel gibt, liegt nicht höher als 30 Prozent. An eine schnelle Lösung glauben nur die USA, die Maduro mit Sanktionen in die Knie zwingen wollen. Aber das funktioniert in den seltensten Fällen. Allerdings wird es schon auf mittlere Sicht schwierig für Maduro. Klar ist für mich nur eines: Die Lösung des Konflikts können nur Verhandlungen bringen.

Interview: Klaus Ehringfeld

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