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Herzlich willkommen: Angela Merkel zu Gast bei Cyril Ramaphosa am Kap.

Merkel in Afrika

Hoffnung in den Ruinen

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Angela Merkel besucht Südafrika und Angola – mit dabei Vertrauen auf Vorschuss und Interessen der Wirtschaft.

In Afrika ist Angela Merkel eine Heldin. Welche andere Regierungschefin hätte 2015 angesichts der Flüchtlingsbewegungen auf Europa zu eine politische Entscheidung nach humanitären Gesichtspunkten getroffen? Damals kaum wer, und heute ist so etwas noch weniger selbstverständlich. Und so wird die damalige Öffnung der deutschen Grenzen für Flüchtlinge – gerade auch aus Afrika – der Bundeskanzlerin weiterhin hoch angerechnet.

Oder es schafft für Afrikas Regierende zumindest eine angenehmere Atmosphäre, wenn Staatsbesuch aus Berlin ansteht. Dieser tage in Südafrika und Angola, aber der südafrikanische Amtskollege Cyrill Ramaphosa hat Merkel nicht bloß als nette Geste eingeladen oder um über Migration zu philosophieren – Südafrika wird selbst von Millionen Menschen von südlich der Sahara angesteuert auf der Suche nach Arbeit und Frieden. Was der Präsident vom Kap braucht, ist vor allem die Hilfe der deutschen Wirtschaft: Mit einem Handelsvolumen von 17 Milliarden Euro ist Deutschland Südafrikas zweitgrößter Handelspartner, vor den USA und nach China. Und so hat Merkel im Tross eine elfköpfige Wirtschaftsdelegation.

Alle bei diesem Staatsbesuch am Donnerstag wissen: Ramaphosa muss seinen Widersachern – zu denen fast jeder Zweite in seiner eigenen Partei, dem ANC, gehört – dringend wirtschaftliche Erfolge vorweisen. Denn in dem Land an der Südspitze Afrikas rührt sich fast nichts. Der von Ramaphosas Vorgänger Jacob Zuma angerichtete Schaden ist noch viel größer, als sich die meisten Beobachter vorgestellt hatten: Ob es dem neuen Präsidenten gelingt, das von Korruption und Vetternwirtschaft an den Rand des Abgrunds geführte Land wieder flottzumachen, ist noch nicht ausgemacht.

Vor allem in südafrikanischen Wirtschaftskreisen wird die Kritik lauter, Ramaphosa greife nicht beherzt genug durch. Das liegt aber daran, dass er auch politische Rücksichten nehmen muss. Ramaphosa braucht Vertrauen, das sich in Investitionen niederschlägt, und dabei soll ihm die Kanzlerin helfen.

Vor der Presse in Pretoria verspricht Merkel denn auch ihrem Gastgeber, ihn bei seinen Reformvorhaben „zu unterstützen, wie immer wir können“. Etwa bei der Energieversorgung, die derzeit Ramaphosas größtes Problem ist. Fast täglich muss der staatliche Energieversorger Eskom in wechselnden Teilen des Landes den Strom abstellen, damit das Netz nicht vollends kollabiert. Das hat die Wirtschaft vergangenes Jahr fast vier Milliarden Euro gekostet.

Kontakte seit der Apartheid

Deutsche Firmen wie Siemens, Hitachi Hamburg sowie Bilfinger sind bereits am Bau zweier riesiger südafrikanischer Kohlekraftwerke beteiligt: Doch das Land, das fast 90 Prozent seines Energiehaushalts der Kohle verdankt, will allmählich auf erneuerbare Energien umstellen. Auch dabei könne Deutschland behilflich sein, merkt Ramaphosa an. Merkel habe ihm zudem ausführlich über die deutschen Erfahrungen beim Übergang der Kohle zu erneuerbaren Energien berichtet. Deutschland und Südafrika seien „an der Hüfte zusammengewachsen“, schmeichelt der Gastgeber.

Beim Round Table der Wirtschaftsbosse sind auch die südafrikanischen Chefs der drei deutschen Automobilhersteller mit Werken am Kap anwesend. Die Präsenz von Volkswagen, Daimler-Benz und BMW selbst während der Apartheidzeit wird dafür verantwortlich gemacht, dass die De-Industrialisierung in Südafrika weniger verheerend ausfiel als in anderen Teilen des Kontinents. Die Autobauer sind Ramaphosas größte Hoffnung für Investitionen: VW beispielsweise will vom Kap aus in den ganzen Kontinent expandieren, die Wolfsburger orientieren sich dafür am chinesischen Vorbild der vergangenen 20 Jahre.

Die „strategische Allianz“ zwischen Südafrika und Deutschland beschränkt sich nicht auf die Wirtschaft. Die Bundeskanzlerin preist Ramaphosa auch als einen der selten gewordenen „Multilateralisten“, die sich bei Konflikten wie in Libyen abzusprechen suchen, statt Alleingänge zu unternehmen. Südafrikas Präsident wird den Vorsitz der Afrikanischen Union übernehmen, die im Tauziehen um Libyen bisher weitgehend isoliert war. Aber ohne „afrikanischen Sachverstand“ könnten die Vorgänge dort gar nicht verstanden werden, meint Merkel. Und Frieden in Libyen sei für Europa schon wegen der sonst zu erwartenden neuen Flüchtlingsbewegungen wichtig.

Viele Baustellen, einigermaßen viel guter Wille – der Kontrast zu Merkels nächster Station an diesem Freitag könnte kaum größer sein. Die Deutsche kommt quasi vom Regen in die Traufe. Die Korruption, die Südafrika zusehends zersetzt, hat Angola schon vor Jahrzehnten gänzlich zerfressen.

Vertrauen auf Reformen

Dass die angolanische Staatsruine nicht längst völlig verfallen ist, verdankt sich lediglich dem Erdöl. Dessen Förderung macht Angola nach Nigeria und Südafrika zur drittgrößten Ökonomie südlich der Sahara: Mit dem Erlös aus dessen Export hat die Ex-Guerilla und heutige Regierungspartei MPLA – noch so eine ungute Parallele zu Südafrika – mehr als 30 Jahre lang Krieg im eigenen Land geführt und ihre Funktionäre bereichert, während 30 Prozent der Bevölkerung von weniger als zwei US-Dollar am Tag überleben müssen. Dank der im Januar veröffentlichten „Luanda Leaks“ hat in Angola die Korruption nun auch ein international bekanntes Gesicht: Isabel dos Santos, Tochter des 38 Jahre lang regierenden Präsidenten Eduardo dos Santos, wurde auf krummen Wegen zur reichsten Frau Afrikas.

Dass der Skandal überhaupt aufflog und Konsequenzen hat, ist nur dem Machtwechsel in der MPLA vor knapp zwei Jahren zu verdanken. Dos Santos übergab die Führung dem Parteigenossen Joâo Lourenço und wähnte sich sicher. Aber Lourenço rollt das „System“ dos Santos auf: Es hagelt Ermittlungen und Klagen. Lourenço wirbt für sein Land und für seinen Kurs: „Wir haben eine Chance zur Reform. Und jetzt ist die richtige Zeit dafür.“

„Reformen“ ist für den Besuch aus Deutschland das Stichwort. Reüssieren die in Angola, lohnen sich Vertrauensvorschuss und Rückendeckung, an denen Angela Merkel erst mal nicht sparen möchte. Und Merkel weiß: Bei Angola muss sie das auch gegenüber der deutschen Wirtschaft leisten. Deutsches Engagement in dem Land ist rückläufig, deutsche Firmen dort lassen sich an zwei Händen abzählen.

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