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Klug geplantes Marketing: Binnen kürzester Zeit avancierte Michelle Obamas "Becoming" zum Bestseller.

Michelle Obama

Die Hoffnung heißt Michelle

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Bei ihrer Lesetour durch die USA wird die frühere First Lady Michelle Obama gefeiert wie ein Popstar.

Das freundliche Geplauder auf der hundert Meter entfernten Bühne läuft schon fast anderthalb Stunden, als es Toni Harper plötzlich von ihrem Sitz K 14 ganz oben im Block 404 auf dem vierten Rang der Eishockey-Arena reißt. Michelle Obama hat gerade über das „vergiftete politische Klima“ in den USA gesprochen, das ihren Mann durchaus zu heftigen Gegenreaktionen reize, dann aber eingewandt: „Präsident ist man nicht für sein eigenes Ego.“ Da klatscht Harper, eine 47-jährige Afro-Amerikanerin aus Washington. Wie die frühere First Lady ist sie überzeugt: „Wir dürfen uns von denen nicht herunterziehen lassen!“

Tatsächlich springt das Publikum kurz darauf unter Kreischen und Jubel auf. Von ihrem Platz im Olymp der 20 000-Plätze-Halle kann Harper zunächst gar nicht erkennen, was passiert: Unerwartet ist Barack Obama mit offenem Hemd und federndem Schritt aus der Kulisse getreten, hat seiner Frau einen Strauß Rosen überreicht und sich dann locker auf die Lehne ihres Sessels gehockt. „Was sie sagt, ergibt viel Sinn“, versichert der Ex-Präsident. Mit einem spitzbübischen Lächeln setzt er hinzu: „Nur einiges würde ich korrigieren.“

Spätestens zu diesem Zeitpunkt haben sich die 200 Dollar ausgezahlt, die viele Besucher auf den günstigen Plätzen für ihre Eintrittskarte bezahlt haben. In den ersten Reihen waren bis zu 3000 Dollar fällig. Das sind astronomische Preise für eine Veranstaltung, die eigentlich einzig der Vermarktung eines Buches dienen soll. „Becoming – Meine Geschichte“ heißen die Memoiren von Michelle Obama, die sie auf einer Lesetour der Superlative vorstellt. Elf Mega-Stadien quer durchs Land sind so gut wie ausgebucht. Der Schwarzmarkt blüht. Unterstützt wird die Werbekampagne der Superlative durch akkurat inszenierte Auftritte der früheren First Lady in Talkshows, und Podiumsdiskussionen sowie Personality-Stories in Hochglanzmagazinen. 1,8 Millionen Exemplare hat der Verlag für die USA gedruckt, fast die Hälfte war am ersten Tag verkauft.

 „Sie ist für mich ein Vorbild“

Doch es geht um viel mehr als einen neuen Bestseller. Das Publikum in Washington besteht zum überwiegenden Teil aus Frauen, und viele von ihnen sind schwarz wie Harper. „Ich bin ein echter Michelle-Fan“, schwärmt die Frau mit den Rastalocken. Unter ihrem Sakko trägt sie ein T-Shirt mit dem Konterfei ihres Idols. „Sie ist für mich ein Vorbild“, sagt die Anwältin. Viele hier empfinden das ähnlich: Eine schwarze Frau, die sich mit Zähigkeit und Fleiß aus einfachen Verhältnissen ihren Weg an die weißen Elite-Universitäten Princeton und Harvard gebahnt hat, mit 25 Jahren als Anwältin einer Top-Kanzlei arbeitete, dann einen Jurastudenten kennenlernte, mit ihm zwei Kinder bekam und trotz der Ausnahmekarriere ihres Mannes ihr eigenes Profil behielt, scheint ihnen das perfekte Rollenmuster zu liefern.

So geht es an diesem Abend nicht um Barack Obama, jenen Jurastudenten, der Michelle Robinson vor 29 Jahren in den Bann zog. Der Ex-Präsident ist nur gekommen, um den Teppich für seine Frau auszurollen, die stets ihre eigene Agenda gehabt habe. „Ich dachte, sie ist wirklich groß“, schildert Obama offen seinen ersten Eindruck der 1,80 Meter großen Michelle: „Und diese Beine – sehr eindrucksvoll!“ Was anderswo schrillen Sexismus-Alarm auslösen würde, ist Teil eines augenzwinkernd-offenen Rollenspiels zwischen dem prominenten Paar, das vom Publikum mit Jubel quittiert wird, zumal Obama bald hinzusetzt: „Ich wusste, dass sie mich herausfordern würde. Ich wollte jemanden, der sagt, wenn ich im Unrecht bin. Und, Mannomann, das hat sie getan.“

Wie Michelle zu dieser Frau wurde und sich an der Seite eines überragenden Mannes behauptete – das schildert sie in ihrem Buch. Dass sie dort auch von einer Fehlgeburt und der künstlichen Befruchtung berichtet, mit deren Hilfe ihre Töchter gezeugt wurden, hat der Verlag geschäftstüchtig schon vor der Veröffentlichung hinausposaunt. Mindestens so eindrucksvoll sind die Passagen über ihren an Multipler Sklerose leidenden Vater, der mit 55 Jahren starb, und die Schwierigkeiten, später die eigene Karriere und die Familie miteinander zu versöhnen. Bei den Obamas führte das zeitweise zu einer Ehekrise: „Ich wusste, wenn ich mich nicht selbst organisiere, wird dieser Tornado mich hinwegreißen“, berichtet Obama bei der Buchvorstellung in Washington. Vielen Frauen im Publikum kommt das bekannt vor.

Das alles ist sehr beeindruckend. Aber vollkommen verstehen lässt sich die ganze Wucht des Michelle-Hypes, der die USA gerade erfasst, nur vor der Folie der Trump-Präsidentschaft. Gerade mal anderthalb Kilometer trennen die Capitol One Arena, in der Obama das Publikum verzaubert, vom Weißen Haus, in dem nun ein polternder weißer Rassist regiert. Der Kontrast zwischen dessen angst- und wutgetriebener Politik und dem idealistischen Fortschrittsglauben seines Vorgängers könnte nicht größer sein. Michelle Obama erwähnt Donald Trump an diesem Abend mit keinem Wort. In dem Buch nennt sie ihn einen „Rüpel“ und „Frauenhasser“ und wirft ihm vor, dass er mit den bösartigen Unterstellungen die Sicherheit ihrer Familie gefährdet habe.

Je länger man Michelle Obama zuhört, desto erschreckender scheint, wie sich die USA in zwei Jahren verdunkelt haben. Umso leuchtender strahlt das Konterfei der „Präsidentin der Herzen“ von den riesigen Videotafeln. Längst ist die 54-Jährige zur Projektionsfläche für die Träume und Hoffnungen vieler US-Amerikaner geworden, die sich von den dumpfen Ressentiments und den aggressiven Attacken des amtierenden Präsidenten abgestoßen, beleidigt und angewidert fühlen.

Eigentlich sollte das die Stunde der Opposition sein. Doch die demokratische Partei scheint vor allem mit sich selbst beschäftigt, und eine charismatische Führungsfigur ist nicht in Sicht. Jenseits von Trump klafft ein riesiges Vakuum. Und dort genau tritt nun Michelle Obama auf. Bei genauem Hinsehen freilich ist auch die Traumfigur der perfekt inszenierten Lesereise nicht frei von Widersprüchen. Ein wenig zu perfekt wirken ihre strahlend weiße Bluse, der wirbelnde Faltenrock und die schwarze Dior-Corsage auf dem Cover des Hochglanzmagazins „Elle“. Für ihre Memoiren streicht Michelle Obama einen zweistelligen Millionenbetrag ein. Und ihre Memoiren wirken bei aller Offenheit sehr bewusst komponiert und letztlich stets kontrolliert.

Gleichzeitig zeigt die frühere First Lady kein Interesse, aktiv in die Politik einzugreifen. Im Gegenteil: Überdeutlich hadert sie mit der langen Abwesenheit ihres Mannes während der Sitzungswochen, fühlt sich abgestoßen von den Angriffen der Presse und der gegnerischen Partei und äußert ihr Befremden über Wahlkampfrituale. „Ich habe nie die Faszination begriffen, am Samstag in einer Sporthalle zu stehen und luftigen Versprechen und Plattitüden zuzuhören.“ Damit ist Michelle Obama ganz nahe bei ihren Lesern – und lässt sie doch alleine. „Ich bin kein politischer Mensch.“ Die vermeintliche Hoffnungsträgerin erklärt auf Seite 419 ausdrücklich: „Ich habe nicht die Absicht, mich jemals für ein politisches Amt zu bewerben.“

Auf Toni Harpers T-Shirt steht „Michelle 2020“ – das Jahr der nächsten Präsidentschaftswahl. „Ich hoffe, dass sie es sich noch einmal überlegt“, sagt Harper.

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