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Organentnahme in einem Unfallkrankenhaus. In Deutschland sind die Spenderzahlen seit Jahren extrem niedrig.

Organspende

Hoffen auf ein neues Herz bis Weihnachten

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Mehr als 10 000 Menschen warten derzeit in Deutschland auf ein Spenderorgan. Heute debattiert der Bundestag erstmals über den Gesetzentwurf von Jens Spahn.

Ein Jahr. Vielleicht auch ein wenig mehr. So lange werde sein Herz noch schlagen, aber dann sei Schluss: „Wir können hier nichts mehr machen.“Andreas Wolf erinnert sich noch genau daran, was ihm sein Arzt im Herbst vor einem Jahr erklärt hatte. Nach etlichen Operationen könne sein Leben jetzt nur noch durch eine Transplantation gerettet werden, eröffnete ihm der Herzspezialist damals. Nachdem klar war, ob Wolf eine derartige Operation überhaupt überstehen kann, steht er seit diesem Sommer auf der Warteliste für ein neues Herz, Status „High Urgency“ – hochdringlich. Ob die Zeit ausreicht, bis sich ein Spender findet, ist nicht absehbar.

So wie Wolf geht es derzeit mehr als 10 000 Patienten in Deutschland. Damit mehr Menschen ihre Organe spenden und damit weniger Patienten als bisher auf der Warteliste sterben, machen sich Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und andere Politiker im Bundestag für die Umkehrung der geltenden Spenderregelung stark: Während der Organspende heute ausdrücklich zugestimmt werden muss, soll künftig jeder Mensch Spender sein, wenn er nicht widerspricht. An diesem Mittwoch wird sich der Bundestag in einer ersten „Orientierungsdebatte“ mit dem Thema beschäftigen. Beschlüsse sind noch nicht vorgesehen. Immerhin zweieinhalb Stunden sind eingeplant – eine vergleichsweise lange Dauer.

Wer Andreas Wolf im Berliner Paulinenkrankenhaus besucht, ist überrascht. Der 50-Jährige läuft umher, macht Späßchen mit den Krankenschwestern. Fester Handgriff, hellwacher Geist. Doch der erste Eindruck täuscht. Wolf ist ein „Patient in akut lebensbedrohlicher Situation“. Er muss aber auch deshalb rund um die Uhr im Krankenhaus bleiben, damit er schnell für eine Operation vorbereitet werden kann, wenn ein Spenderherz zur Verfügung steht.

Der Magdeburger wurde mit einem schweren Herzfehler geboren. Er hat nur eine Herzkammer. Toben und Rennen ist als Kind nicht möglich, als Schüler ist er so schwach, dass er seine Schulmappe nicht allein tragen kann. „Meinen Eltern wurde immer wieder gesagt, dass ich schon im Kindesalter sterben werde.“ Doch Wolf lebt. Er arbeitet in einer Bücherei, malt in seiner Freizeit. Mehrfach springt er dem Tod von der Schippe. Spezialisten des Deutschen Herzzentrums in Berlin gelingt es immer wieder, ihn ins Leben zurückzuholen und zu stabilisieren. Doch sein Zustand wird immer schlechter. Bei einer komplizierten Operation verblutet er fast.

Organspende: Widerspruchslösung scheiterte im  Bundesrat

Vom Krankenhausbett verfolgt Wolf die Debatte über die Widerspruchslösung sehr aufmerksam. „Es ist doch nicht zu viel verlangt, wenn sich jeder Mensch mit dem Thema beschäftigen muss“, sagt er. Denn spätestens dann, wenn das eigene Leben durch eine Transplantation gerettet werden könnte, wollten doch alle ein neues Organ haben, meint er: „Jeder möchte leben.“

Die Debatte über die Widerspruchslösung reicht weit zurück in die 1970er Jahre. Angestoßen wird sie 1973 von den Justizministern der Länder. Sie fordern, die Organtransplantation gesetzlich zu regeln. Anlass ist damals, dass es nur für ein Fünftel der Patienten mit Nierenversagen Dialyseplätze gibt. Die übrigen müssen sterben, wenn sie nicht rechtzeitig eine neue Niere bekommen.

Zwei Jahre später schlägt eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe die „Ausweislösung“ vor. Danach sollte eine Transplantation zulässig sein, wenn im Personalausweis eines potenziellen Spenders kein Widerspruch vermerkt ist und dem Arzt auch sonst kein anderer Wille bekannt ist. Ein entsprechender Gesetzentwurf wird zwar vom Bundeskabinett verabschiedet, er scheitert aber Ende der 1970er Jahre im Bundesrat. Die Länder halten die Widerspruchslösung dann doch für einen zu starken Eingriff in die Rechte der Bürger.

Doch der Druck wächst, da die Diskrepanz zwischen benötigten und zur Verfügung stehenden Organen immer größer wird. Vorstöße einzelner Länder, eine Widerspruchslösung einzuführen, scheitern. Schließlich nimmt sich Mitte der 1990er Jahre die Bundesregierung erneut der Sache an. Gesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) dringt auf eine bundeseinheitliche Regelung, auch um die Frage zu klären, wann ein Menschen eigentlich als tot geltend darf. Eine Widerspruchslösung wird zwar diskutiert, aber wieder verworfen. Im Sommer 1997 wird schließlich die „erweiterte Zustimmungslösung“ beschlossen: Eine Organentnahme ist danach nur erlaubt, wenn Spender zu Lebzeiten zugestimmt haben. Ist kein Wille bekannt, werden die Angehörigen befragt. Als Todeszeitpunkt gilt der Hirntod.

Weil damit im Grunde das bisher übliche Verfahren in Gesetzesform gegossen wird, bleiben die Spenderzahlen auf einem niedrigen Niveau. 2012 kommt es zu einem dramatischen Einbruch: Aufgedeckt wird, dass Ärzte in mehreren Kliniken die Wartelisten manipuliert hatten, um Patienten schneller mit einem Organ versorgen zu können. Obwohl namhafte Experten danach fordern, das gesamte Transplantationssystem in Deutschland auf den Prüfstand zu stellen, veranlasst die damalige schwarz-gelbe Regierung nur einige kleine Korrekturen.

Um die Spenderzahlen zu erhöhen, werden unter anderem die Krankenkassen verpflichtet, die Versicherten regelmäßig über das Thema Organspende zu informieren. Aus der bisherigen „Zustimmungslösung“ wird offiziell die „Entscheidungslösung“, obwohl sich inhaltlich gar nichts ändert. Die Zahl der Spender sinkt weiter, die Warteliste wird länger

Erst durch den Vorstoß von Spahn kommt wieder Schwung in die Debatte. Er und sein bekanntester Mitstreiter, der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, halten es ethisch und verfassungsrechtlich für zulässig, die Bürger mit der Frage der Organspende zu konfrontieren und ihnen einen Widerspruch abzuverlangen, sollten sie kein Spender sein wollen.

Die Gegner sammeln sich schnell und erarbeiten einen fraktionsübergreifenden Gegenantrag. „Die Widerspruchslösung ist ein unzulässiger Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht“, sagt einer der Initiatoren, der CSU-Gesundheitspolitiker Stephan Pilsinger. Eines der zentralen Argumente: Es könne nicht sein, dass ein „Nichts-Sagen“ als Zustimmung gewertet wird. Zudem gebe es keinen wissenschaftlich fundierten Beleg dafür, dass die Widerspruchslösung das Problem der niedrigen Spenderzahlen tatsächliche löse. Die Kritiker verweisen dabei auf Erfahrungen in Schweden, wo die Zahlen trotz Einführung der Widerspruchslösung niedrig geblieben sind.

In dem Gegenantrag wird stattdessen dafür plädiert, die Bürger besser über die Organspende zu informieren, beispielsweise bei der Ausstellung eines Personalausweises. Ärzte sollen für Aufklärungsgespräche Geld von der Krankenkasse bekommen. Ein „Ja“ zur Organspende wird künftig nach dem Vorschlag der Abgeordneten in einem neuen Register vermerkt, damit potenzielle Spender besser identifiziert werden können. Eine verbindliche Erklärungspflicht („Ja“, Nein“ oder „Ich möchte mich noch nicht entscheiden“) soll es nach Ansicht der Parlamentarier aber nicht geben.

Es könnte allerdings sein, dass sich später noch andere Abgeordnete zusammenfinden, die diese verbindliche Entscheidungslösung in einem weiteren Gruppenantrag vorschlagen. Wie sich der Bundestag bei der Schlussabstimmung, die vor dem nächsten Sommer geplant ist, entscheiden wird, ist völlig offen. Nach Schätzungen sind derzeit ein Drittel der Abgeordneten klar für die Widerspruchslösung und ein Drittel dagegen. Die übrigen sind unentschieden.

Für Andreas Wolf ist es eine Selbstverständlichkeit, das „Ja“ auf dem Organspendeausweis angekreuzt zu haben: „Aber ich weiß natürlich, dass meine Organe wahrscheinlich keiner mehr brauchen kann.“ Im Fall der Fälle will er seinen Körper zumindest der Forschung zur Verfügung stellen: „Vielleicht nützt das ja noch jemandem.“

Der Tod ist für ihn keine abstrakte Größe. Seine größte Angst: „Dass sich kein Spender findet und ich hier im Krankenhaus sterben muss.“ Dann wäre es nämlich sinnvoller gewesen, gleich zu Hause zu bleiben und dort auf den Tod zu warten, sagt Wolf: „Gerade in der Weihnachtszeit will man doch bei seiner Familie und Freunden sein.“ Sein größter Wunsch? „Ein neues Herz zu Weihnachten. Sonst wird es langsam eng für mich.“

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