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Hoffen auf ein „Es tut mir leid“

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Von: Gerd Braune

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„Jedes Kind zählt“: Die Fahne weht in Maskwacis, wo der Papst mit Indigenen sprechen will. P. fallon/afp
„Jedes Kind zählt“: Die Fahne weht in Maskwacis, wo der Papst mit Indigenen sprechen will. P. fallon/afp © AFP

Der Papst besucht Kanadas Indigene – erwartet wird eine deutliche Entschuldigung für die jahrzehntelange gewaltsame „Umerziehung“ ihrer Kinder / Von Gerd Braune

Papst Franziskus ist am Sonntag zu seinem lang erwarteten Besuch nach Kanada gereist. Im Zentrum der sechstägigen Reise stehen Begegnungen mit den indigenen Völkern und eine Entschuldigung des Papstes für das Unrecht, das die katholische Kirche in Zusammenspiel mit dem kanadischen Staat den Ureinwohnervölkern des Landes zufügte, insbesondere durch die Internatsschulen, die „Residential Schools“. Der Papst sieht seinen Kanada-Besuch als „Pilgerreise der Buße“, die zur Heilung und Versöhnung beitragen solle.

Der Papst sollte am Sonntagabend (MESZ) in Edmonton eintreffen. Zur Begrüßung reiste auch Kanadas Generalgouverneurin Mary Simon an, Stellvertreterin von Königin Elizabeth II in Kanada. Sie ist die erste indigene Persönlichkeit in dem Amt.

An diesem Montag will Papst Franziskus mit Überlebenden des Residential-School-Systems zusammenkommen und Worte der Entschuldigung aussprechen. In Maskwacis, einer Gemeinde der Cree-Nation, stand mit der „Ermineskin Indian Residential School“ eine der größten „Residential Schools“, der berüchtigten Internatsschulen. Sie bestand von 1895 bis 1975.

Für die Überlebenden des Residential-School-Systems wird dies ein schwerer Tag sein. Tausende ehemalige Schülerinnen und Schüler von Residential Schools, viele sehr alt, oder ihre Nachkommen werden den Papst sehen und hören. Trauma-Berater:innen werden vor Ort sein. „Es geht um die Überlebenden, es geht um Wahrheit und Versöhnung“, sagt Wilton Littlechild, einer der Chiefs der Maskwacis Cree Nation. Littlechild war Ko-Vorsitzender der Wahrheits- und Versöhnungskommission, die die Geschichte der Residential Schools und das Schicksal der 150 000 indigenen Kinder und ihrer Familien aufarbeitete, die das Schulsystem durchliefen und deren Existenzen zum Teil unwiderruflich physisch und psychisch zerstört wurden.

„Der Papst wird an dem Ort sein, an dem die Schule stand, und er wird den nahegelegenen Friedhof aufsuchen“, sagt Littlechild. Dort sind Kinder beerdigt, die während ihrer Schulzeit starben. Er hoffe vom Papst die Worte zu hören: „Es tut mir leid.“ John Crier, wie Littlechild Überlebender der „Ermineskin Residential School“, sagte: „Ich heiße den Papst willkommen.“ Dass der Kirchenführer vor Ort mit Überlebenden des „Residential School“-Systems spreche, sei ein deutliches Zeichen.

Seit vielen Jahren hatten Vertreter der indigenen Völker Kanadas, der First Nations, wie die indianischen Völker genannt werden, der Inuit und der Métis – ein indigenes Volk, das aus den Beziehungen europäischer Siedler mit indigenen Frauen entstand – darauf gewartet, dass der Papst die Entschuldigung ausspricht. Im April hatte er nach Begegnungen mit Delegationen der Ureinwohnervölker im Vatikan tiefes Bedauern geäußert und sich entschuldigt. Nun wird er sie in den Gemeinden, so die Hoffnung, noch verstärken.

Kanada setzt sich seit den 1990er Jahren mit dem dunklen Kapitel der Residential Schools und der vom Staat über Jahrzehnte betriebenen Zerstörung indigener Identität auseinander. Die Schulen waren Internate zur Umerziehung indigener Kinder, die vom Staat eingerichtet und meist von christlichen Kirchen betrieben wurden. 130 Residential Schools gab es. Sie bestanden bis in die 1990er Jahre. Die Kinder und Jugendlichen wurden ihren Familien entrissen und in die Schulen gebracht, die meist außerhalb ihrer Reservationen lagen. Ihre Identität und Kultur wurde beschädigt oder zerstört. Sie durften ihre Sprache und Traditionen nicht pflegen, viele erlitten Gewalt und Missbrauch. Mindestens 4100 Kinder starben durch Krankheiten, Vernachlässigung oder Unfälle in den Schulen und wurden oft in unmarkierten Gräbern beigesetzt.

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