Ismet Tekin ist als Nebenkläger zugelassen.
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Ismet Tekin ist als Nebenkläger zugelassen.

Halle

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  • Jan Sternberg
    vonJan Sternberg
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Wie ist Stephan B. aufgewachsen, welche Weltanschauung hat ihn geprägt? Die Überlebenden des Anschlags vom 9. Oktober haben viele Fragen. Ein Besuch in Halle.

Ismet Tekin wird in Magdeburg sein an diesem Dienstag. Der 36-jährige Besitzer des „Kiez Döner“ auf der Ludwig-Wucherer-Straße wurde im letzten Moment doch noch als Nebenkläger zugelassen. Am Tattag, dem 9. Oktober 2019, hatte er den Laden gerade verlassen, als Stephan B. den Imbiss stürmte. Sein Bruder Rifat rief ihn auf dem Handy an, Ismet eilte zurück.

Der Attentäter hatte an diesem höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur zuvor versucht, in Kampfmontur und mit selbstgebauten Waffen in die Synagoge in der Humboldtstraße 52 einzudringen, in der 52 Menschen beteten. Doch die schmale Tür aus Eichenholz hielt seiner Gewalt stand. Stephan B. suchte deshalb nach anderen Opfern, hielt auf der Straße Ausschau nach „ausländisch“ aussehenden Menschen. Nach möglichen Zielen.

Als Stephan B. Ismet Tekin sah, schoss er mehrmals. Ismet Tekin warf sich hinter ein Auto. Der Attentäter schoss auf die Polizei, die inzwischen mit zwei Wagen aufgetaucht war und in sicherem Abstand wartete. Die Polizisten schossen zurück, verletzten ihn am Hals; B. sprang in sein Auto und fuhr davon.

Zuvor hatte er zwei Menschen erschossen und zwei weitere verletzt. Seine Taten streamte er live per Handyvideo. Die Passantin Jana L. ist tot, ebenso der Malerlehrling Kevin S., der im „Kiez Döner“ seine Mittagspause verbrachte. Zwei Zufallsopfer. Zwei Fehler, so sieht es der Attentäter. Er wollte Juden töten, und als ihm das nicht gelang, versuchte er, Menschen aus muslimischen Ländern zu ermorden. Reue zeigt er später nur wegen des Livestreams – so habe ihm die ganze Welt beim Scheitern zusehen können.

Ismet Tekin lief an jenem Tag in den Laden, sah Kevin S. in seinem Blut liegen. 40 Tage Trauerzeit blieb der Imbiss geschlossen, der vorige Besitzer schenkte den Laden den Tekin-Brüdern. Fans des Halleschen FC gestalteten in der Schließzeit eine Gedenkwand, weil Kevin einer der ihren war. Im Hintergrund prangt das Stadion des HFC, davor Trikots mit der Aufschrift „Ruhe in Frieden“, Kuscheltiere und Engel, ganz oft „RIP Jana & Kevin“. Eine Messing-Gedenktafel mit dem Satz „Wo Liebe wächst, gedeiht Leben – wo Hass aufkommt, droht Untergang“.

Die Tekins haben genug Zeit, die Wand anzuschauen, denn der Laden ist oft leer. Die Hälfte ihres Umsatzes ist weggebrochen, seit Jahresbeginn habe er kein Geld verdient, klagt Ismet. Sie hoffen jetzt auf Darlehen von Bund und Land: „Das hier ist die Folge eines Terroranschlags, der Staat ist in der Pflicht.“

Es ist schwer, nach vorne zu schauen, wenn die Sorgen ihn runterziehen. „Uns geht es beschissen“, sagt er ungeschützt. „Diesen Tag kann man nicht vergessen, aber man kann seine Sorgen abarbeiten. Wir wollen in Ruhe leben, aber es kommt keine Kundschaft mehr wie früher.“ Sein Bruder Rifat, der alles aus nächster Nähe mit anschauen musste, sitzt zusammengekauert an einem der leeren Tische auf der Straße, raucht und schweigt. Er ist als Nebenkläger zugelassen.

Ismet Tekin hat Fragen an den Attentäter. Und er hat Fragen an Deutschland. „Deutschland ist ein fast perfektes Land“, sagt er voller Überzeugung. „Aber warum kann in einem perfekten Land so etwas passieren?“ Vielleicht hätte sich jemand um B. kümmern müssen, hätte ihm eine Aufgabe geben müssen, sagt Tekin vor der Trauerwand, die seinen Imbiss wie einen Friedhof wirken lässt.

An jenem Tag war es die Tür, die Stephan B. aufhielt. Die Tür habe ihn besiegt, gibt er in der Haft zu Protokoll. „Die Tür hat uns gerettet“, sagt Max Privorozki, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Halle. In den nächsten Tagen wird sie ersetzt werden, denn sie entspricht nicht den Sicherheitsvorgaben des Landeskriminalamts. Sie wird dann Teil einer Gedenkskulptur im Innenhof der Synagoge.

Von diesem Dienstag an wird B. in Magdeburg der Prozess gemacht. Privorozki ist als Nebenkläger zugelassen, doch er wird nicht nach Magdeburg fahren. „Ich werde nicht zum Prozessauftakt gehen“, sagt der 57-Jährige beim Gespräch im Gemeindebüro in der Innenstadt von Halle. Der große, kräftige Mann mit der Kippa auf dem fast kahlen Kopf faltet sich in einen Ledersessel im Besprechungsraum. Durch die offene Bürotür sind die Bilder von Überwachungskameras zu sehen. Auch die Tür in der Synagogenmauer hat Privorozki von hier ständig im Blick. „Ich gehe nur zum Prozess, wenn ich als Zeuge geladen bin“, fährt er fort. „Ich werde mich nicht freiwillig in den Gerichtssaal setzen und den Mörder anschauen. Ich möchte ihn nicht sehen, das interessiert mich nicht. Das heißt nicht, dass mich der Angeklagte nicht interessiert. Es interessiert mich sehr, wie er zum Mörder geworden ist.“

Privorozki entschuldigt sich für sein Deutsch, doch es ist fehlerlos und klar, mit dem Akzent eines Ex-Sowjetbürgers. 1990 kam er aus seiner Heimatstadt Kiew nach Deutschland. Das Attentat, die Versäumnisse der Polizei, die pflichtschuldigen Worte der Politiker danach, sie fügen sich ein in die große Frage, die Privorozki und viele seiner Gemeindemitglieder seit 30 Jahren mit sich herumtragen: Wie sehr gehören wir dazu? Welche Kritik dürfen wir üben, wie selbstverständlich ist es, dass wir hier sind? Es überrascht zunächst, dass Privorozki sagt: „Ich sehe nach dem Anschlag optimistischer als vorher in die Zukunft. Die vergangenen Jahre habe ich mir immer mehr Sorgen gemacht über unsere Zukunft in Deutschland, jetzt bin ich zuversichtlicher.“Er wird den Anschlag nie vergessen können, aber er spricht lieber von anderen Bildern, die in seinem Kopf bleiben: „Zwei Tage später kamen 2000 Leute zur Menschenkette zwischen der Synagoge und dem Kiez Döner zusammen. Das werde ich nie in meinem Leben vergessen. Keiner von denen musste kommen, nicht wie die Politiker.“ Von denen hätten wenige wirkliche menschliche Anteilnahme gezeigt. Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) aber kam am Tattag noch aus Brüssel zurück, traf Privororki spätabends noch beim Italiener: „Das war menschliche Unterstützung, die ich ihm hoch anrechne.“

Seine Fragen zu Stephan B. aber konnte ihm bisher keiner beantworten: „Warum hat er das getan?“, will er wissen. „Ich versuche, für mich Klarheit zu bekommen. Ich will verstehen, wie es dazu gekommen ist, dass er sich so entwickelt hat. Wie wächst ein Attentäter auf? Warum führt seine Weltanschauung dazu, dass er mordet?“

Der gerade veröffentlichte Verfassungsschutzbericht des Landes Sachsen-Anhalt widmet dem Anschlag vom 9. Oktober knapp drei Seiten. Die Verfassungsschützer attestieren B. eine „antisemitische und fremdenfeindliche Grundeinstellung, die augenscheinlich im Zusammenhang mit einer frauenfeindlichen Haltung zu dessen Radikalisierung führten“. B. wohnte nach einem abgebrochenen Studium bei seiner Mutter, bezeichnet sich selbst als unsozialen Menschen, hatte nie eine Beziehung. Bekannte geben an, dass er sich öfter unvermittelt rassistisch geäußert hat, dass er aus Angst vor Überwachung Smartphones ablehnte und ein altes Tastenhandy nutzte. Denn „die Juden“ würden alles kontrollieren.

Welche anonymen Internetforen er nutzte, mit wem er sich austauschte, darüber schweigt B. bei den Vernehmungen. Die Ermittler sind daran gescheitert, seine Wege im Netz nachzuverfolgen. Doch ohne sie wird es keine Antworten geben. „Einen Kontakt zu Rechtsextremisten außerhalb dieser virtuellen Welt pflegte Stephan B. … nicht“, schreiben die Verfassungsschützer.

Ausschlaggebend für das Urteil im Magdeburger Prozess könnte das Gutachten des forensischen Psychiaters Norbert Leygraf sein. Leygraf hat mehrere Gespräche mit B. geführt und hält ihn trotz einer komplexen Persönlichkeitsstörung für voll schuldfähig. Und er gibt dem Gericht Ratschläge an die Hand, mit der eine Sicherungsverwahrung für B. begründet werden könnte. Sein ideologischer Fanatismus sitze derart tief, dass weitere Straftaten befürchtet werden müssten – bis hin zum Mord.

Doch auch wenn der Prozess in ihrem Sinne ausgehen könnte, fühlen sich Rifat und Ismet Tekins alleingelassen, nicht nur wegen des fehlenden Geldes. Auch weil zum nahenden Jahrestag beim offiziellen Gedenken ausschließlich von einem antisemitischen Anschlag gesprochen wird und in Vergessenheit gerät, dass sie Opfer derselben rassistischen Ideologie des Attentäters wurden.

Vielleicht sollte sich Ismet Tekin am Rande des Prozesses einmal mit Jeremy Borovitz unterhalten. Der Rabbiner hat nämlich eine klare Meinung, was man aus dem Attentat lernen kann: „Antisemitismus, Rassismus und Islamfeindlichkeit kommen aus derselben Wurzel. Wer nur eins davon bekämpft, bekämpft keines.“

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