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Presidential election campaign posters of the far-right Freedom party (FPOe) candidate Norbert Hofer, defaced to make him look like Adolf Hitler, stand in a street in Vienna, Austria, November 24, 2016. REUTERS/Heinz-Peter Bader

Bundespräsidentenwahl in Österreich

Hofer-Fans gegen Hofer-Hasser

Die Bundespräsidentenwahl in Österreich wird in den Vororten entschieden. Dort prallen Weltanschauungen aufeinander. Ein Besuch in Gänserndorf.

Von Adelheid Wölfl

Eine halbe Stunde von Wien entfernt an der Schnellbahn liegt Gänserndorf. Ein paar Kilometer sind es noch bis zur slowakischen Grenze. Wer hier hinfährt, durchquert Strasshof, wo Natascha Kampusch jahrelang in einem Keller eingesperrt war. Beide Gemeinden sind relativ langweilige und unschöne Vororte von Wien mit langen Häuserzeilen, ein paar Billigläden und Nahversorgern. Das Land ist so flach, dass man während des Kalten Kriegs mutmaßte, dass genau hier die Russen einfallen würden, wenn sie denn kommen würden. Nun ist die Ebene Gurken- und Erdbeerland. Die S-Bahn durchgräbt und teilt die 11.000-Einwohner-Pendlergemeinde Gänserndorf. Auf der Tafel steht: 12:27, darunter 12:57. Hier richtet sich alles danach, wann der Zug nach Wien geht.

Das Rentnerehepaar Hilde und Harald M. schlendert durch die Hauptstraße mit den niedrigen, pannonischen Häusern, die im November grauer wirken, als sie tatsächlich sind. Die beiden haben beschlossen, dass sie am Sonntag gar nicht zur Wahl gehen werden. „Beide Kandidaten sind nicht wählbar und überhaupt brauchen wir ohnehin keinen Bundespräsidenten. Das haben wir in den letzten paar Monaten ja gemerkt“, verweisen sie darauf, dass Österreich seit Juli kein Staatsoberhaupt mehr hat. Hofer und Van der Bellen würden das Amt kaputtmachen, „weil sie sich gegenseitig nur beschimpfen“.

Viele Österreicher haben keine Lust mehr. Der Wahlkampf dauert ihnen schon viel zu lang und sie mögen die scharfe Auseinandersetzung zwischen den Kandidaten nicht. Sie wollen ein Staatsoberhaupt mit souveräner, majestätischer Distanz, so wie früher. Da schien der „Bundespräsi“ irgendwie unerreichbar, er sprach immer ernst und man glaubte ihm einfach gern, weil er die Dinge so schön zurechtrückte. Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen wirken für viele im Vergleich dazu wie zwei sehr irdische Streithanseln, die sich im Laufe der letzten Monate wechselseitig zerpflückten.

Ein etwa 55-jähriger Mann – graue Bartstoppeln, viel Wut ist ihm ins Gesicht geschrieben – geht in schnellem Schritt den Gehsteig entlang: „Wir brauchen keinen Präsidenten! Der tut nur spazieren fliegen und verbraucht unser Steuergeld! Das Amt sollte man abschaffen“, ruft er. „Das Wichtigste ist aber, dass der Van der Bellen nicht gewinnt“, schimpft er beim Weggehen.

Neben dem Parkhaus am Bahnhof steht ein Dreiecksständer. Das Gesicht von Alexander Van der Bellen ist zerfetzt. In den Städten werden Hofer-Plakatgesichter oft übermalt – mit Hitlerbärten oder Slogans, auf dem Land ist es umgekehrt. In den Zonen dazwischen, so wie in Gänserndorf, prallen verschiedene Weltanschauungen aufeinander: Hier leben Hofer-Fans, die seinen biederen Auftritt mögen und die einfachen Worte, hier leben aber auch die Wiener, die aufs Land gezogen sind und die sich mit dem gebildeten Van der Bellen und seiner Weltoffenheit identifizieren.

So wie der 42-jährige Dietmar O., der gerade mit seinem Sohn im Kinderwagen zum Einkaufen geht und der so aussieht, als könnte er ein typischer Grünenwähler aus dem Zweiten Wiener Gemeindebezirk sein – Umhängetasche, Dreitagebart, Sprüche über das „postfaktische Zeitalter“. Er findet, dass Hofer mittlerweile mit den „Zehen im Kühlschrank und dem Finger im Badezimmer steht“ – und meint damit das Sammelsurium an Weltanschauungen, die er vertritt, um die Mitte der Gesellschaft anzusprechen, aus der weder er noch Van der Bellen kommen.

Hofer hat die mittlerweile annullierte Stichwahl im Mai hier in Gänserndorf zwar gewonnen, wenn man sich aber die Wahlkartenauszählung ansieht, so liegen die Kandidaten mit 50,43 Prozent für den „Freiheitlichen“ und 49,57 Prozent für Van der Bellen praktisch gleichauf. Jetzt geht es darum, wer besser mobilisieren kann. Das letzte Mal gewann der blaue Kandidat auf dem Land, in der Stadt lag der Grüne weit vorne. Für Van der Bellen gibt es in den Ballungszentren kaum mehr Möglichkeiten, noch mehr Stimmen zu erringen, rund um die Städte – in den sogenannten Speckgürteln – allerdings schon.

Die 75-jährige Johanna L. hat angesichts der abendlichen Kälte eine rote Mütze auf. Sie gehört zu den Verunsicherten. Bei der Stichwahl im Mai war sie sich noch sicher, wen sie wählen sollte, jetzt nicht mehr. Warum? Beim Einkaufen und unter den Nachbarn gäbe es nur ein Thema: die Migranten. Die Leute hätten Angst, dass es weniger Arbeitsplätze geben könnte, die Zukunft der Kinder gefährdet sei. Auch die Rentnerin weiß nicht mehr, was sie denken soll: „Mir tun die Flüchtlinge alle einzeln von Herzen leid, aber es können wirklich nicht alle nach Österreich kommen“, sagt sie.

„Ich bin Ausländer, natürlich wähle ich Van der Bellen“, sagt der Österreicher Kaan Türkoglu. Es ist seine erste Wahl, vor zwei Jahren hat er die Staatsbürgerschaft bekommen, aber die Leute würden ihn noch immer „als Türken sehen“. Er steht mit seinen Freunden vor einem Friseurladen. „Schreiben Sie auf, sagen Sie den Leuten, dass ich Österreich liebe. Ich liebe Österreich mehr als die Österreicher. Wenn ein Krieg kommt, dann nehme ich sofort meine Waffe und verteidige Österreich“, sagt er und deutet dies mit den Händen an.

Das Problem für den 33-jährigen Computertechniker und seinen Freund Özer Hasan, 35 Jahre alt, „ist nur, dass wegen dem Hofer jetzt die Leute gegen die Muslime sind“. Türkoglu und Hasan erzählen, wie sie permanent auf ihre Religion angesprochen werden. Dies sei eine Folge der Volksverhetzung, sagen sie. „Die Leute sagen jetzt immer zu mir: Die sollen alle abgeschoben werden, nur halt du nicht!“, sagt Hasan. Und Türkoglu meint darauf: „Ich will mich aber als Muslim hier in Österreich wohlfühlen.“

Der Besitzer des Friseurladens kommt auf die Straße und bringt heißen Kaffee. Hasan erklärt, dass das österreichische System tatsächlich von Ausländern ausgenützt würde. So kämen etwa Slowaken über die Grenze und würden die Krankenversicherungskarte von einem anderen in Österreich arbeitenden Slowaken verwenden und so den Staat schädigen, meint er.

„So was würde ich niemals tun“, sagt der Mann, der aus Çumra im mittleren Süden der Türkei kommt. „Das hier ist jetzt meine Heimat, mein Çumra.“ Wir gehen in den Friseurladen. „Was bekommen Sie für den Kaffee?“, frage ich. „Ich glaub’ nicht, dass Sie so viel Geld haben, dass sie den bezahlen können“, sagt der Besitzer und lächelt. Eine wunderbare Mischung aus türkischer Gastfreundschaft und österreichischem Schmäh.

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