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"Welcome to Hell": Bei der Kundgebung gegen den G20-Gipfel ist es zu massiven Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten gekommen.
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"Welcome to Hell": Bei der Kundgebung gegen den G20-Gipfel ist es zu massiven Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten gekommen.

"Welcome to Hell"

Hölle am Fischmarkt

  • Melanie Reinsch
    VonMelanie Reinsch
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In Hamburg eskaliert die zunächst friedliche "Welcome to Hell"-Kundgebung, Polizisten setzen Wasserwerfer ein. Warum verhängte die Polizei ausgerechnet für diese Demo keine Auflagen?

Es hatte ruhig und friedlich begonnen, doch die antikapitalistische „Welcome-to-Hell“-Demo, die am Donnerstagabend vom Fischmarkt in St. Pauli über die Landungsbrücken in Richtung des G 20-Tagungsorts Messehallen laufen sollte, kam nicht weit. Kurz vor acht Uhr eskalierte die Situation völlig. Laut Polizei hatten sich rund 1000 Menschen vermummt, nur wenige legten nach Aufforderung der Beamten ihre Halstücher, Kapuzen und Sonnenbrillen ab. Rund 12 000 Demonstranten waren insgesamt auf der Straße.

Nachdem die Polizei versucht hatte, den schwarzen Block von den anderen Demonstranten zu trennen, flogen Flaschen, Steine und sogar Fahrräder und innerhalb weniger Minuten war die vorher friedliche Veranstaltung chaotisch und unübersichtlich. Massenpanik breitete sich aus. Die Polizei setzte Wasserwerfer, Schlagstöcke und Pfefferspray ein. Mülltonnen und mindestens ein Auto brannten. Sanitäter behandelten verletzte Demonstranten, wie viele es sind, war am späten Abend noch unklar.

Die Polizei meldete zunächst 15 verletzte Beamte, drei von ihnen mussten demnach im Krankenhaus behandelt werden.  Der Hamburger Polizeisprecher Timo Zill wurde der Polizei zufolge vor Ort attackiert, als er ein Interview gab, blieb aber unverletzt.

Die Organisation Attac verurteilte noch am Abend die „Eskalationsstrategie“ der Polizei. Mitglieder des bundesweiten Attac-Koordinierungskreises, die als Beobachter vor Ort waren, teilten demnach die Einschätzung der parlamentarischen Beobachter der Partei Die Linke, „dass die Eskalation von der Polizei ausging“, teilten sie mit. Attac gehörte nicht zum Bündnis der linksradikalen Welcome-to-Hell-Demo. Auch der NDR meldete, Reporter vor Ort hätten übereinstimmend berichtet, dass von den Demonstranten zunächst keine Gewalt ausgegangen sei.

Die Stimmung ist zunächst gut

Wenige Stunden zuvor ist die Stimmung noch eine ganz andere: Die Szenerie bei der Kundgebung ähnelt eher einem alternativen Stadtteilfest. Auf einer Bühne am Hafenrand werden Reden gehalten, es geht um Kapitalismuskritik und Flüchtlingspolitik, Menschrechtsverletzungen und Umweltverschmutzung. Bands spielen, darunter die Goldenen Zitronen. „Die Gemütlichkeit der einen ist die Hölle der anderen“, rief Sänger Schorsch Kamerun von der Bühne.

Gut gelaunte Besucher sonnten sich mit Bier in den Händen auf dem Fischmarkt zwischen Hundertschaften und Polizeiautos, während laut hupende Schiffe durch den Hafen schipperten. Pink kostümierte Samba-Tänzer genauso wie Eltern mit kleinen Kindern, Trommler, Paare, Anwohner, die zur Musik tanzten. „A-, Anti-, Anticapitalista“, ruft die Menge.

Die Polizei ist schon früh in den Straßen rund um Fischmarkt, Hafenstraße und Reeperbahn mit zahlreichen Beamten, Wasserwerfern und Räumpanzern präsent. Ein Hubschrauber knattert in der Luft.

Die Autonomen rund um das besetzte Kulturzentrum „Rote Flora“ hatten als Veranstalter angekündigt: „Im Gegensatz zur bürgerlichen Opposition werden wir den Herrschenden keine Alternativen vorschlagen, um das kapitalistische System am Leben zu erhalten.“ Ihr Motto lautet: „G20-Gipfel blockieren, sabotieren, demontieren!“ „Hurra diese Welt geht unter – Für ein Ende der Gewalt“ steht auf einem der großen Transparente an der Spitze der Demonstration, zu der sich etwa 12 000 Menschen versammelt haben.

Anders als für andere Veranstaltungen hatten die Behörden ausgerechnet für diese Demonstration keine Auflagen erlassen, obwohl die Polizei zuletzt immer wieder betont hatte, man rechne mit Tausenden Gewaltbereiten. Zuletzt war von 8000 die Rede. Die angemeldete Route sollte bis etwa 300 Meter an die Messehallen herangehen. Keiner anderen geplanten Demonstration war es erlaubt worden, dem G20-Tagungsort so nahe zu kommen.

Von den Organisatoren der Demo hieß es Tage zuvor, dass man das Bündnis zu einer Gefahr für Hamburg stilisiere. „Es ist erschreckend, wie die Hamburger Polizei sich in den letzten Tagen verhalten hat und massive Gewaltexzesse herbeigeredet hat – zum Beispiel, dass sich die Demonstranten mit Waffen gegen die Beamten bewaffnen wollten. Das ist Propaganda“, sagte der Organisator und langjährige Rote-Flora-Aktivist Andreas Blechschmidt am Donnerstagnachmittag der FR. „Wir wollen hier unsere inhaltlichen Botschaften rüberbringen.“ Es wundere ihn, dass bei der Anmeldebestätigung der Demo keine besonderen gefahrenabwehrenden Maßnahmen getroffen wurden, wenn die Hamburger Polizei doch von so einer Gefahr ausgehe, sagte Blechschmidt.

In den vergangenen Tagen machten bereits Spekulationen die Runde, dass dahinter eine gezielte Strategie der Polizei stecken könnte. Nach dem Motto: Sollen sich die Autonomen doch über die Durchsetzung ihrer Route freuen, faktisch werden sie nichts davon haben – es werde sich schon ein Anlass zum Eingreifen bieten.

Der Anwaltliche Notdienst des Republikanischen Anwältinnen- und Anwältevereins etwa hatte schon am Dienstag mitgeteilt, es sei zu befürchten, „dass die Polizeiführung bereits jetzt entschlossen ist, die Demonstration überhaupt nicht stattfinden zu lassen. Die Hamburger Polizei hat Erfahrung mit solcher Taktik“. Die Anwälte vertreten Demonstranten und Aktivisten kostenlos während der G 20-Proteste.

Gegen 19 Uhr wollte der Demonstrationszug planmäßig loslaufen. Um 20.11 Uhr twitterte dann die Polizei: „Der Aufzug wurde soeben durch den Anmelder für beendet erklärt.“ Die Auseinandersetzungen zwischen Einsatzkräften und wütenden Aktivisten hatten da gerade erst begonnen.

Am späten Abend bewegt sich der Demonstrationszug auf seiner ursprünglichen Route weiter, die Polizei hat das erlaubt und begleitet die Demo. Es ist ruhiger geworden, aber immer wieder kommt es zu Tumulten, zu vereinzelten Flaschenwürfen oder Sitzblockaden.  (mit mas/dpa)

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