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"Hochradioaktives Material könnte in New York wieder auftauchen"

Ex-UN-Inspektor Albright über den Versuch der USA, den Krieg gegen Irak mit dem Besitz von Massenvernichtungswaffen zu rechtfertigen

Frankfurter Rundschau: Herr Albright, warum wurden in Irak anderthalb Monate nach dem Fall von Bagdad noch immer keine Massenvernichtungswaffen gefunden?

David Albright: Die Bush-Administration hat in Bezug auf Iraks Waffenarsenal immer übertrieben. Sie scheinen sich auch auf schlechtes Material der Geheimdienste verlassen zu haben. Sie haben Überläufern und Informanten eine hohe Priorität eingeräumt, die oft vom Irakischen Nationalkongress (INC) kamen. Der war lange bekannt dafür, falsche und fragwürdige Informationen zu liefern. Ich habe in den 90er Jahren selbst Material von INC-Überläufern analysiert. Manchmal war es fast lachhaft, wie schlecht die Qualität war. Führende Mitglieder der Bush-Administration haben diese schlechten Informationen dann aufgebauscht, um ihre Argumente für eine Invasion zu verstärken. Schließlich wurden Suchteams zusammengestellt, die die behaupteten Berge an Massenvernichtungswaffen finden sollten.

Heißt das, sie haben an ihre Übertreibungen geglaubt?

Auf der unteren Ebene ja. Die Leute, die nach Irak gegangen sind, dachten, sie würden das Zeug leicht finden. Die waren auch hoch motiviert zu zeigen, dass ihre Bosse recht hatten. Die mögen die Idee nicht, dass die fundamentale Rechtfertigung für diesen Krieg nicht wahr sein könnte. Aber das ist ein Problem: Wenn man nach großen Mengen an Massenvernichtungswaffen sucht, kann man schnell kleine, wichtige Indizien übersehen. Leider gingen mehrere Wochen verloren. Anlagen wurden geplündert, viele Dokumente sind wahrscheinlich verschwunden.

Sie haben erklärt, irakische Wissenschaftler hätten sie telefonisch um Rat gefragt.

Ich habe Kontakte zu mehreren Wissenschaftlern auf allen Ebenen. Die wollen überwiegend mit den USA kooperieren. Die wollen uns helfen zu verstehen, was wirklich los war in Saddams Rüstungskomplex. Viele haben nur Befehle ausgeführt. Diese Leute haben jetzt Angst um ihre Zukunft. Wenn wir nach großen Waffenlagern fragen, und sie sagen, die gibt es nicht, ist das eben nicht die Antwort, die man hören will. Es hilft uns nicht, sie wie Kriminelle zu behandeln. Die Attitüde, entweder du kooperierst oder du kommst ins Gefängnis, bringt nichts.

Die USA holen ihre frustrierten Suchtrupps jetzt heim und schicken neue Fahnder. Donald Rumsfeld will vielleicht sogar eine Rückkehr der UN-Kontrolleure erlauben. Werden die mehr Erfolg haben?

Das kann man noch nicht beurteilen. Die neuen amerikanischen Suchteams sind besser ausgestattet, sie haben ein paar frühere UN-Inspektoren dabei. Aber die frühere Waffenkontrollkommission Unscom hatte auch Probleme. Sie haben Dinge übersehen, andere übertrieben, manchmal waren sie zu konfrontativ. Als Irak gesagt hat, wir haben die chemischen und biologischen Bestände vernichtet, können das aber nicht beweisen, hat Unscom gesagt, ihr müsst das Zeug noch haben. Aus dieser Vermutung hat die Bush-Administration dann eine Behauptung gemacht: Ihr habt die Waffen. Jetzt sieht es so aus, als hätte Irak in vielen Fällen seine Bestände tatsächlich vernichtet. Man hat ihnen aber nicht geglaubt.

Wonach sollte in Irak gesucht werden?

Das ist schwer zu sagen. Die Iraker hatten große Angst vor den Inspektoren. Wenn sie noch Waffen hatten, haben sie die mit der Rückkehr der UN-Kontrolleure Ende 2002 wahrscheinlich entweder zerstört oder irgendwo tief verbuddelt. So viele Wochen nach Kriegsende kann man sich kaum vorstellen, dass es große Waffenlager gibt, von denen niemand etwas gemerkt hat. Ich denke, Irak hatte seine Bestände beseitigt, sich aber die Fähigkeiten erhalten, die B- und C-Waffen-Programme später wieder aufzunehmen.

Dann stellt sich die Frage, warum Irak nicht aktiver mit den UN-Kontrolleuren kooperiert hat. Es gibt eine neue Theorie in Washington: Saddam Hussein habe absichtlich den Verdacht geschürt, er besitze verbotene Waffen. Die Ungewissheit sollte ihn vor einem Angriff schützen. Ist er auch Opfer eines eigenen Bluffs geworden?

Das ist möglich. Ich sehe aber eher einen anderen Bluff: Dass man unter Druck alles vernichtet und auf den Tag wartet, wo die Inspektoren abziehen und man ungestört weitermachen kann. Es gab in den 90er Jahren auch nie die Erwartung, dass alles zu hundert Prozent gefunden wird. Was man versucht hat, war, Irak durch Inpektionen einzudämmen. Viele Nationen haben Rüstungsprogramme und halten nicht alle internationalen Vorschriften exakt ein. Man kann nicht alle diese Länder überfallen. In der realen Welt müssen Inspektoren erwarten, dass geschwindelt wird. Das Besondere im Fall Irak war, dass die Weltgemeinschaft Bagdad eine letzte Chance gegeben hat. Gefordert war vollständige Kooperation. Das haben sie nicht gemacht: Saddam scheint seine Lage nicht begriffen zu haben.

Obwohl die Bush-Regierung weiter beteuert, man werde schon noch verbotene Waffen in Irak finden, scheint sie es damit nicht mehr eilig zu haben. Wären herrenlose Bestände nicht genauso gefährlich?

Unglücklicherweise könnten die USA das Risiko der Proliferation und die Gefahr, dass Massenvernichtungswaffen Terroristen in die Hände fallen, vergrößert haben. Wenn sie Recht hatten, und es gab diese Waffen in Irak, dann können die längst verschwunden und geklaut sein. Wir wissen, dass hochradioaktives Material geplündert wurde. Das könnte als "schmutzige Bombe" in New York wieder auftauchen. So, wie sie das gemacht haben, haben sie das Risiko von Terroranschlägen mit Massenvernichtungswaffen nur erhöht.

Was ist dann die Lehre dieses ersten Präventivkrieges: zurück zu Inspektionen?

Leider hatten sich vor dem Krieg beide Lager in ihren Positionen eingemauert. Franzosen, Russen und Deutsche haben gesagt, die Inspektionen funktionieren. Die USA und Großbritannien haben gesagt, selbst wenn Kontrollen funktionieren würden, würde sich dieser Typ nie ändern, deshalb muss er gestürzt werden. In Wahrheit sind beide Positionen problematisch. Inspektionen können nicht funktionieren, wenn ein Land nicht kooperiert und niemand die Durchsetzung erzwingt. Der Fehler beim gewaltsamen Regimewechsel ist zu glauben, damit sei das Problem gelöst. Das ist Unsinn. In fünf Jahren kann eine neue irakische Regierung die gleichen Waffenprogramme betreiben. Iran hat dann vielleicht Atomwaffen, und Syrien sagt, wir wollen auch welche.

Die Bush-Regierung will mit der Erstschlagsdoktrin Bedrohungen präventiv bekämpfen. Wenn die Geheimdienstinformationen aber so wertlos sind wie in Irak, wie will man dann überhaupt erkennen, was eine Bedrohung ist und was nicht?

Das ist einer der großen Fehler der Präventivschlagsdoktrin. Leider betreiben Geheimdienste keine exakte Wissenschaft. Oft sind ihre Informationen falsch. Eine der Lehren der Suche nach Massenvernichtungswaffen in Irak ist, wie falsch die Angaben oft waren. Führende Mitglieder der Bush-Regierung haben sich trotzdem auf die Idee versteift, dass Geheimdienste genug Informationen liefern können, damit die Doktrin funktioniert. Damit setzen sie uns alle großer Gefahr aus, denn dabei kann es schwere Fehler geben.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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