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Sie wollen die Wahl: Frauen in New York demonstrieren gegen die US-Gesetzesverschärfungen zum Recht auf Schwangerschaftsabbruch.

Mobilmachung gegen Abtreibung

Abtreibung: „Die Frau wird als egoistische Täterin dem unschuldigen Leben gegenübergestellt“

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Rückfall in alte Zeiten: Weltweit machen rechte Gruppen mobil gegen Abtreibung und damit um ein mühsam erkämpftes Frauenrecht. 

Frau Diehl, in den USA überbieten sich konservative Bundesstaaten derzeit mit restriktiven Abtreibungsgesetzen, auch in anderen Ländern setzen sich Rechte für Verbote oder gegen Liberalisierungen ein. Gibt es weltweit eine Kampagne gegen legale Abtreibungen?
Es gibt jedenfalls selten Fortschritte. Nordmazedonien und Island sind Beispiele, wo man sich an den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert hat. Die besagen: Der Embryo hat vor der 24. Woche kein Schmerzempfinden oder Bewusstsein und deswegen kann man auf Wunsch der Frau Abtreibungen vornehmen. Das sind aber Ausnahmen.

Warum ist das Thema für Rechte so attraktiv?
Es ist hoch symbolisch, weil es um Leben und Tod geht. Ich glaube aber auch, dass es Frauen generell übel genommen wird, dass sie da so eine Macht haben zu entscheiden. Manche Männer haben offenbar auch ein narzisstisches Problem damit, dass Frauen gebären können. Die Kraft der Frau, die in der Gebärfähigkeit liegt, darf nicht anerkannt werden. Deswegen muss daraus eine Schwäche gemacht werden, die komplett reguliert wird – und idealisiert, mit Begriffen wie Fürsorge, Liebe, Selbstlosigkeit, um Frauen mundtot zu machen.

Und wa rum ist das politisch derzeit so aktuell?
In einer Welt, in der moralisch alles aus den Fugen geraten ist, möchte man zeigen, dass man bestimmte moralische Werte vertritt. Und mit der Fokussierung auf die vermeintlichen Bedürfnisse des Embryos kann man die Bedürfnisse von Frauen unsichtbar machen. So soll an einem gewissen Frauenbild festgehalten werden. Auch aus ökonomischen Interessen.

Was ist das für eine Frauenbild?
Die Frau, die sich immer um andere kümmert, um Kinder, Ehemann, die Alten. Die Frau als Ressource der unbezahlten Fürsorgearbeit, die das klag- und selbstlos tut. Das wird romantisiert, aber unterstützt werden Frauen kaum. Dabei würden alle davon profitieren, wenn man Fürsorglichkeit als etwas Menschliches betrachtet und nicht nur als etwas Mütterlich-weibliches, das Frauen alleine schultern müssen. Auch unsere Gesellschaft baut noch sehr darauf, dass das so funktioniert, und hat Angst davor, dass die Frauen da nicht mehr mitmachen, dass uns dieses „Personal“ der geschlechtlichen Arbeitsteilung in der Kleinfamilie verloren geht.

Sarah Diehl ist Publizistin, Romanautorin und Aktivistin.


Was hat das mit Abtreibung zu tun?
Die Emanzipation endet meistens, wenn Frauen Kinder bekommen. Das ist den Rechten sehr klar. Um die konservative Keule zu verstecken, tun sie so, als würden sie sich um den Embryo kümmern. Die Frau wird als egoistische, schuldbeladene Täterin dem unschuldigen Leben gegenübergestellt. So wird ein wahnsinniger Druck aufgebaut. Auch kinderlose Frauen werden immer noch pathologisiert mit Biologie- und Psychologie-Klischees aus dem 18. Jahrhundert. Wenn die Frau sich der Mutterschaft entzieht, gilt das als Einfallstor für den Wahnsinn.

Häufig wird von einem „Post-Abortion-Syndrom“ gesprochen, also von einer psychischen Erkrankung nach einer Abtreibung.
Ja, das ist eine Erfindung von Abtreibungsgegnern. Es gibt keine Studie, die das belegt. Es ist von keiner seriösen wissenschaftlichen Institution als Krankheitsbild anerkannt. Das heißt natürlich nicht, dass es keine ambivalente Gefühle oder Traurigkeit geben kann, aber die American Psychological Association hat in einer Langzeitstudie herausgefunden, dass es keinen Zusammenhang zwischen Abtreibung und psychologischen Schäden gibt. Die gegenteilige Vorstellung ist in der Mitte der Gesellschaft aber längst angekommen. Das sieht man auch an der Studie, die Gesundheitsminister Jens Spahn in Auftrag gegeben hat.

Lesen sie hier über rechte Abtreibungsgegner in Frankfurt

In der die psychischen Folgen von Abtreibungen untersucht werden sollen. Aber welche Auswirkungen haben restriktive Abtreibungsgesetze auf Frauen?
Katastrophale. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sagt, jedes Jahr sterben noch ungefähr 47 000 Frauen an selbstgemachten Abtreibungen. Das ist dramatisch. Zudem wenn man bedenkt, das es meist um Mütter geht, deren Kinder dann zu Waisen werden. Auch die Folgen für das Gesundheitssystem sind enorm, weil Frauen mit Infektionen zu tun haben oder Notfalloperationen brauchen. Organisation wie Women on Web oder Women Help Women, die Frauen in solchen Ländern etwa mit der Abtreibungspille versorgen, retten Tausenden das Leben. Jegliche Stigmatisierung in der Frauengesundheit wirkt sich negativ aus. Selbstbestimmte Abtreibung und selbstbestimmte Geburt muss man zusammendenken.

Wie meinen Sie das?
Abtreiben ist nicht konträr zu gebären, es wird nur ideologisch gegeneinander ausgespielt. Wir brauchen offene Gespräche gegen die Idealisierung und Medikalisierung des Schwangerschaftszustands. Das würde Frauen mehr Kontrolle geben, diese Prozesse auf eine Art zu gestalten, mit der sie sich wohlfühlen. Laut Statistischem Bundesamt haben mehr als 60 Prozent der Frauen, die in Deutschland abtreiben, schon Kinder. Das zeigt, es geht um verantwortungsvolle Entscheidungen, auch für die Kinder, die man schon hat.

Wie bewerten Sie die Situation in Deutschland?
Ich finde es – ehrlich gesagt – verrückt und gefährlich, wenn weiter so getan wird, als ob der Frau irgendwie geholfen wäre, wenn man es ihr erschwert, an Informationen zu kommen. Eine Abtreibung ist sicherlich ein einschneidendes Erlebnis, umso wichtiger, dass Frauen sich niederschwellig und nicht schambelastet informieren können. Damit will ich nicht sagen, dass man mit dem Thema leichtfertig umgehen soll, aber man sollte es den Frauen nicht noch schwerer machen.

Sie meinen die Novellierung von Paragraf 219a. Das „Werbeverbot“ wurde zumindest gelockert.
Genau. Aber dass die Ärzte immer noch nicht sagen können, welche Methode sie anwenden, ist fahrlässig, brutal und frauenfeindlich. Ich arbeite für die Organisation Ciocia Basia, die für polnische Frauen Abtreibungen in Berlin organisiert. Inzwischen haben wir einmal pro Woche Anfragen von Frauen aus Deutschland, weil sie nicht wissen, wie und wo sie hier abtreiben können. Das ist absurd.

Die Diskussion um §219a hatte das Thema auf die Tagesordnung gesetzt. Nun ist es wieder still geworden. Warum?
Das Thema ist immer noch so stigmatisiert, dass niemand sich damit identifizieren will. Es heißt noch immer: Du hast einen Fehler gemacht, du hast deine Sexualität nicht richtig gemanagt, warst irgendwie zu doof. Viele Frauen wollen sich das nicht aufbürden, damit konfrontiert zu werden. Das ist genauso wie mit Leuten, die auf Hartz IV sind. Die haben auch Probleme, für ihre Rechte zu kämpfen, weil das so stigmatisiert ist, dass sie nicht damit identifiziert werden wollen. Ein trauriges Zeugnis.

Aber die Streichung des Abtreibungsparagraphen 218 war doch eine laute Forderung der feministischen Bewegung.
Man sieht daran, wie dieser Schuld- und Schamdiskurs fruchtet. Frauen wagen nicht, dafür auf die Straße zu gehen und das überhaupt zu fordern. Und selbst Frauen sagen, da müsse es Regulierungen geben, weil man das gar nicht mehr anders denken kann.

Was wären denn eine andere Perspektive? Sie fordern: „Vertraut den Frauen“. Was ist damit gemeint?
Dass man Frauen als kompetent wahrnimmt und respektiert, dass sie wissen, was sie tun. Meine Erfahrung aus fünf Jahren für polnische Frauen Abtreibungen organisieren, hat mir deutlich gemacht: Die wissen alle sehr genau, was sie tun. Die haben einen sehr klaren Blick auf ihre Möglichkeiten, Wünsche und Bedürfnisse. Und deswegen haben die meisten auch einen eher positiven Bezug auf die tatsächliche Erfahrung eines Schwangerschaftsabbruchs.

Inwiefern?
Weil sie eher gestärkt daraus hervorgehen, weil sie sehen: Ich habe Handlungsfähigkeit und ich habe Handlungsoptionen, ich kann Entscheidungen treffen, die gut für mich sind.

Gibt es Länder, die Sie als Vorbild sehen?
Kanada. Da wurde Abtreibung 1988 komplett aus dem Strafgesetzbuch gestrichen.

Damit ist es eine Sache zwischen der Schwangeren und ihrer Ärztin, ihrem Arzt?
Ja. Wobei man sagen muss: Nur weil es rein theoretisch möglich ist, bis zum neunten Monat abzutreiben, heißt das keinesfalls, dass Frauen das tun. Es ist genauso wie hier: Siebte, achte, neunte Woche, da finden die meisten Abtreibungen statt, aber in wenigen Härtefällen, wird es der Frau nicht erschwert, wenn es über die 12. Woche geht. Kanada hat außerdem mittlerweile ein vorbildliches neues Gesetz zur Telemedizin.

Welchen Zusammenhang gibt es da zu Abtreibungen?
Es gibt auch in Kanada viele Abtreibungsgegner und Kliniken, die den Eingriff nicht mehr anbieten. Ein Gynäkologe kann jetzt mit einer Frau skypen und gegebenenfalls eine Abtreibungspille verschreiben, die dann per Post kommt. Das ist der Weg nach vorne und wird auch von der WHO als sicher angesehen. Aber das wäre in Deutschland undenkbar, denn hier wird einer konservativen Ideologie mehr Raum gegeben, statt neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Interview: Martín Steinhagen

Zur Person

Sarah Diehl ist Publizistin, Romanautorin und Aktivistin. Sie beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit reproduktiven Rechten von Frauen. 2008 drehte sie den preisgekrönten Dokumentarfilm „Abortion Democracy: Poland/South Africa“.

2014 erschien ihr Sachbuch „Die Uhr, die nicht tickt“ über Kinderlosigkeit von Frauen (Arche). Weitere Informationen: sarah-diehl.de

Proteste in den USA

Mehrere US-Bundesstaaten haben in den vergangenen Wochen strengere Gesetze zu Abtreibungen bis zum vollständigen Verbot verabschiedet. Die sogenannten „Herzschlag“-Gesetze sehen vor, dass Abtreibungen ab dem Zeitpunkt strafbar sind, ab dem Herztöne des Fötus zu hören sind. Das ist in der Regel ab der fünften oder sechsten Schwangerschaftswoche möglich.

Die Organisation Planned Parenthood sprach von einem „alarmierenden und weitverbreiteten nationalen Trend“, Abtreibungen zu kriminalisieren.

In vielen amerikanischen Orten kommt es seither zu Demonstrationen von Frauenrechtlern einerseits und Anhängern der sogenannten „Pro-Life“-Bewegung andererseits. (erb)

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