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In Krakau gibt es wenige Spuren, die an die jüdische Gemeinschaft erinnern. An einer Hauswand im Kazimierzviertel fand ich den Davidstern.
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In Krakau gibt es wenige Spuren, die an die jüdische Gemeinschaft erinnern. An einer Hauswand im Kazimierzviertel fand ich den Davidstern.

Der Hjalmar und die HJ

Vom Eindringen der NS-Sprache in den Duden

Zu den Begriffen, auf die seit Jahrzehnten Verlass ist, gehören das Feh und die Plunze. Das Feh ist sächlich, im Genetiv heißt es Feh(e)s und im Plural Fehe. Dabei handelt es sich um ein "russ. Eichhörnchen; Pelzwerk". Plunze (weiblich, Plunze, Plunzen) ist süddeutsch "für Blutwurst; scherzh. für: dicke, schwerfällige Person". Das war schon im Krieg so und nach dem Krieg und ist heute nicht anders. Denn so steht es im Duden.

80 Prozent der Deutschen, hat der Dudenverlag (heute: Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG) herausgefunden, ist der Duden ein Begriff. Im Duden schaut man nach, wenn man wissen will, wie ein Wort buchstabiert, getrennt, gebeugt wird. Das sagt nichts darüber, ob das Wort eine gute oder böse Sache bezeichnet. Manchmal gibt der Duden auch nützliche Hinweise, worum es sich bei einem Wort handelt.

Selbstverständlich findet sich das Wort Konzentrationslager auch im Duden von 1947, der 13. Auflage und ersten nach dem Krieg. "Konzentrationslager (Abk.: KZ)" steht da. Im Duden von 1941, der 12. Auflage und letzten in NS-Deutschland zusammengestellten, steht: "Konzentrationslager (Sammellager )". Tatsächlich liest sich das Wort "Volksschädlinge" so erschreckend, weil es an dieser Stelle nicht der orthografischen Orientierung dient, sondern zur inhaltlichen Anwendung kommt. Bereits in der Auflage von 1934 erläuterten die Sprachwissenschaftler auf diese Weise, für wen die damals in Deutschland noch relativ neuen Konzentrationslager gedacht waren. Heute erweckt das den Eindruck, dass sie zumindest nicht lange zögerten, den Duden nicht nur dem NS-Vokabular, sondern auch seinem Gebrauch zu öffnen.

Seinen orthografisch betrachtet angemessenen Platz hatte der "Volksschädling" 1941 zwischen Volkspflegerin und Volksschauspiel. In der Auflage von 1947 fehlen nicht nur er und die Volkspflegerin, sondern auch: Völkerschlacht, Völkischer Beobachter, volksbewusst, Volksboden, Volksbund, volksdeutsch, Volksempfänger, Volksgasmaske, Volksgemeinschaft, Volksgenosse, Volksgericht, Volksgerichtshof, Volksheer, Volksinsel, Volkskanzler, Volkskartei, Volkskirche, volkskirchlich, volksnah, Volksnähe, Volksordnung, Volkspflege, Volkstod, Volkstumsforschung, Volkstumsinsel, Volkstumskampf, Volkstumspflege, Volksverband, Volkswagen (!), Volkswohlfahrt, Volkwerdung.

Es zeigt sich: Die Duden von 1941 und 1947 sind nicht zuletzt Dokumente der rasanten Einführung und ebenso flotten Ausradierung eines ideologischen Wortschatzes. In mancher Tageszeitung wird es ungefähr so zugegangen sein. Im Duden kann man es aber besonders einfach nachlesen. Von "Asphaltkultur (die volksfremde sog. Kultur der Nachkriegszeit)", "arisieren (entjuden)", "aufnorden" und "Blutsgemeinschaft" über "Gauleiter" und "Kraft durch Freude (NS-Gemeinschaft in der DAF.)" bis zu "Napola (Kurzwort für Nationalpolitische Erziehungsanstalt)", "Reichsnährstand" und "Untermensch" bot sich dem Publikum seit spätestens 1941 eine lückenlos wirkende Auflistung des Propagandavokabulars. Propaganda übrigens, 1929 noch eine "röm. Anstalt zur Verbreitung des kath. Glaubens, Werbung", war zwölf Jahre später zum "polit. Führungsmittel (durch Werbung und Aufklärung)" avanciert. 1947 heißt es dann mit neuer Skepsis: "Maßregel od. Veranstaltung zur Verbreitung gewisser Lehren, Meinungen usw.; wirtschaftl. Werbung, Werbetätigkeit".

Der Sprachwissenschaftler Wolfgang Werner Sauer hat in seiner höchst aufschlussreichen Untersuchung "Der ,Duden'. Geschichte und Aktualität eines ,Volkswörterbuchs'" (Metzler 1988) die "Nazifizierung des Dudens" dargestellt. Er macht auch klar, dass schon die Duden-Herausgeber von 1934 - noch ohne besondere Not, wie Sauer hervorhebt - willfährig NS-Vokabular inklusive etwaiger Abkürzungen für den gut informierten Bürger einfügten. Sauer kommt zu dem Schluss: "Es wäre sicherlich verblüffend, wenn der Duden sich als ein Hort antifaschistischer Gesinnung erwiesen hätte, aber der Grad der Nazifizierung und ihr früher Zeitpunkt sind bemerkenswert."

Vom Kommen und Gehen der NS-Sprache ist in den Vorworten von 1941 und 1947 nicht die Rede. Allerdings macht die Kriegsauflage kein Hehl aus der Gesinnung der Redaktion. "Der Heimkehr von Millionen unserer Volksgenossen ins Reich, dem Wiedererwachen des Bewusstseins, dass unsere Sprache als unlösbares Band unsere Volksgemeinschaft verbindet, folgte der berechtigte Wunsch, dieser Geschlossenheit unseres Volkes durch eine deutsche Einheitsschreibung für das Gesamtgebiet des Großdeutschen Reiches Ausdruck zu verleihen." Das mussten auch die Deutschschweizer zur Kenntnis nehmen, an die sich der "Große Duden. Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter nach den für das Deutsche Reich und die Schweiz gültigen amtlichen Regeln" gleichfalls richtete.

Geleitet wurde die Duden-Redaktion seit der Auflage 1934 von dem Sprachwissenschaftler und Bibliothekar Otto Basler, Sauer zufolge Mitglied der NSDAP seit Anfang der dreißiger Jahre. 1968, in einem Sonderheft des Bibliographischen Instituts unter dem Titel "Geschichte und Leistung des Dudens", wird seine Arbeit als die eines fortschrittlichen Linguisten gewürdigt. "Otto Basler hat wesentlich dazu beigetragen, die Arbeit der Dudenredaktion wissenschaftlich zu unterbauen und auszuweiten."

1942 erschien die 12. Auflage inhaltlich unverändert ein zweites Mal, jetzt in der inzwischen vom Regime befohlenen - und in den eroberten Ländern praktikableren - lateinischen Schrift.

Sachlich geben sich die Herausgeber 1947. "Da der ,Duden' schon seit längerer Zeit vergriffen ist und es uns mit Rücksicht auf die immer stärker werdende Nachfrage nicht ratsam schien, mit einer Neuauflage zu warten, bis das Ergebnis der geplanten Rechtschreibungsreform vorlag" - ein Schelm, wer Böses dabei denkt -, "haben wir uns entschlossen, unser Rechtschreibebuch schon jetzt in neuer Auflage herauszubringen. Ihr liegt die 1942 erschienene 12. Auflage zugrunde, die sorgfältig durchgesehen, berichtigt und, in beschränktem Umfange, ergänzt wurde." Die Ausgabe fand in der Tat reißenden Absatz, wie Duden-Biograf Wolfgang Ullrich Wurzel schreibt. Die Arbeit der Redaktion aber, als Herausgeber zeichnete nun Horst Klien, bestand in erster Linie in der Entfernung der NS-Sprache - nicht zuletzt, weil es wohl undenkbar gewesen wäre, von den Alliierten eine Lizenz für einen Nachdruck der 41er-Auflage zu bekommen. Zugleich aber, bizarre Schwierigkeit, musste der Umfang möglichst beibehalten werden, weil zur Kostenersparnis die Druckvorlage von 1942 verwendet wurde.

Von Seite zu Seite kann man nun verfolgen, wie bei Streichungen anderswo gestreckt wurde, um am Ende einer Seite den alten Zeilenfall wieder hergestellt zu haben. Sauer nennt das hübsche Beispiel: "Hjalmar: \[nord.\] (männl. Vn.)" ersetzte "HJ.: Hitler-Jugend; HJ.Aufmarsch usw.". Ohnehin handelte es sich bei der S. 236 um eine besonders problematische. Um nämlich auch das Stichwort "Hitler (Führer und Reichskanzler)" mit allen Komposita entfernen zu können, mussten acht Zeilen eingefügt werden. Also wurde noch genauer erklärt, was ein "Hintritt" ist (2 Zeilen), der "Hinzug" kam dazu (1 Zeile), "hirschgerecht" wurde erläutert (2 Zeilen) und "Hirt" angereichert (um Hirtenschaft, Hirtentum und die Pflanze Hirtentäschel, 3 Zeilen).

Auf den beiden Seiten, auf denen die mit NS- beginnenden Wörter entfernt werden mussten, kamen nun ausgerechnet die Stichworte "nebbich \[jidd.\]" und "Nazi" hinzu. Der "Antibolschewismus" entfiel, der "Antifaschist" sorgte für den Ausgleich.

Den Bearbeitern entging bei ihrer "sorgfältigen Durchsicht" auch inhaltlich kaum etwas. Der Dadaismus war nun nicht mehr eine "entartete", sondern eine "primitivistisch-expressionistische Kunstrichtung". Ungünstiger lief es für den Feminismus, ein Wort, das anscheinend keinen Argwohn weckte. 1929, in der 10. Auflage, stand noch dahinter: "Frauenemanzipation; Betonung des Weiblichen", 1934 und 1941 lautete die Formulierung: "überstarke Betonung des Weiblichen, Vorherrschaft unmännlicher Verhaltensweise" - und dabei blieb es 1947.

Eine besonders eindrückliche Ausnüchterung durchläuft der Nationalismus, vor sechs Jahren noch ein "betontes und selbstsicheres Volkstums- u. Staatsbewußtsein", 1947 ein "überbetontes Volkstums- u. Staatsbewußtsein". Wäre es nicht so schrecklich, könnte man vom kuriosen Eingeständnis einer ideologischen Totalpleite sprechen.

Aber auch der Interzonenverkehr und die CDU, die FDP und die FDJ finden 1947 bereits ihr Plätzchen: Die Ordnung der Nachkriegszeit formiert sich schon. Das gibt einen Ausblick auf die alsbald folgende Ost-West-Trennung des Dudens, dessen beide Redaktionen - nun einerseits in Leipzig und andererseits in Mannheim - in den kommenden Jahrzehnten beharrlich konkurrierten. Auch das eine ausgesprochen deutsche Geschichte, aber eine andere.

Anders als der Volkswagen kehrte der Volksschädling nie in den Duden zurück. Der Untermensch blieb den Dudenbenutzern erhalten, "bes. nationalsoz." steht heute dahinter. Der Feminismus ist längst eine "Richtung der Frauenbewegung, die ein neues Selbstverständnis der Frau und die Aufhebung der traditionellen Rollenverteilung anstrebt". Und das ß im "überbetonten Volkstums- u. Staatsbewußtsein" schreibt man heute mit Doppel-s. Die Kritik aber an der Rechtschreibreform verliert angesichts der Lektüre des Kriegsdudens wegen inhaltlicher Irrelevanz stark an Fahrt.

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