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60 JAHRE DANACH

Hitlers Jacke

Monika Buch erzählt, wie sie als Fünfjährige den Einmarsch der US-Amerikaner in Kaiserslautern erlebte - und die eilige Vernichtung nationalsozialistischer Kennzeichen.

Panzer rollen durch die Straße vor unserem Haus. Sie rasseln und quietschen. Das Haus zittert. Soldaten laufen vorbei. "Das sind Amis", sagt meine Mutter.

Wir haben die Fensterläden geschlossen und schauen vorsichtig durch die Schlitze.

Ich bin fünf Jahre alt. Ich habe Angst. Ich hatte schon oft Angst: vor dem Dröhnen der Flieger, dem Dunkel im Bunker, vor dem riesigen Feuer der brennenden Nachbarhäuser. Jetzt habe ich Angst vor den fremden Männern.

Jemand schlägt an unsere Tür.

Meine Mutter nimmt den bronzenen Hitlerkopf vom Schrank und wirft ihn in den Küchenherd.

Meine Oma öffnet. Mehrere Soldaten stürmen herein, rufen, schreien. Wir verstehen sie nicht. Sie sind sehr groß. Ich habe noch nie zuvor Neger gesehen.

Sie durchsuchen alle Zimmer, wühlen in den Kleiderschränken und finden die Uniformjacke meines Vaters. "Hitler", schreit einer. "Volkssturm", sagt meine Mutter. Ihre Stimme klingt irgendwie beschwichtigend. Was soll das heißen?

Im Feuer des Küchenherds schmilzt "Hitler" und tropft durch den Rost in den Aschekasten.

Die Soldaten nehmen die Uniformjacke mit. Sie legen sie mit ausgebreiteten Ärmeln vor das Haus. Jeder muss sie sehen. Im Vorbeifahren werden Geschützrohre auf das Haus gerichtet. Viele Wochen liegt die graue Jacke an der Straßenecke. Wir gehen in großem Bogen vorbei.

Irgendwann leert eine Nachbarin den Aschekasten auf der Jacke aus. Andere tun es ihr gleich. Trümmerreste folgen. Zunächst schauen noch die Ärmel heraus. Schließlich ist alles von einem kleinen Asche- und Steinhügel bedeckt; ein Trümmerhaufen, wie viele auf der Straße.

Ich bin erleichtert. Ich hatte auch vor der Jacke Angst.

Monika Buch, Heppenheim

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