+
Hass und Gewalt: Am 27. August 1992 vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber.

Rostock-Lichtenhagen

Als Hitlergrüße um die Welt gingen

  • schließen

Heute vor 25 Jahren begannen die Angriffe auf Flüchtlinge und ehemalige Vertragsarbeiter in Rostock-Lichtenhagen. Hat die Gesellschaft daraus gelernt?

Es war kein runder Jahrestag, bloß der 23., aber es war eben auch ein 24. August, als Lichtenhagen wieder einen langen Schatten in die Gegenwart warf – und als sich zeigte, dass jene einschneidenden Nächte von Rostock bis heute widerhallen, im Guten wie im Schlechten.

Es war wieder ein warmer Sommertag, als am 24. August 2015, auf dem Höhepunkt dessen, was als „Flüchtlingskrise“ die öffentliche Debatte bestimme, Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) eigens ins sächsische Heidenau bei Dresden reiste – um den örtlichen Politikern und Flüchtlingshelfern den Rücken zu stärken. Auch dort hatte wieder ein ausländerfeindlicher Mob mehrere Nächte nacheinander vor einer provisorischen Asylunterkunft gewütet, Steine und Brandsätze geworfen, die Polizei angegriffen.

Hitlergrüße aus Rostock-Lichtenhagen

Das war das finstere Echo von Rostock-Lichtenhagen, wo vor nunmehr 25 Jahren ab dem 22. August noch Schlimmeres geschehen war – und von wo 1992 inzwischen schon ikonografische Flammen- und Hitlergrußbilder um die ganze Welt gingen.

Doch es gab in der aktuellen Krise eben auch ein Echo von 1992, das zeigte, dass Deutschland auch aus Lichtenhagen gelernt hatte: Das begann mit dem Besuch des Vizekanzlers und wenig später der Kanzlerin in Heidenau. Gabriel sprach davon, dass er auch mit Anwohnern gesprochen habe, die sich sorgten, und dass man auch ihnen helfen müsse. Dass man aber jedem, der „hier Parolen brüllt, Brandsätze schmeißt, Steine schmeißt, im Internet dazu auffordert, Leute umzubringen“, sagen müsse: „Euch wollen wir hier nicht“, so Gabriel. „Das ist Pack, was sich hier herumgetrieben hat.“ Das Schimpfwort richtete sich klar gegen die Gewalttäter – offensichtlich nicht zuletzt als Lehre daraus, dass in den 90er Jahren ein so beherztes Auftreten der Politik gefehlt hatte.

Die Ausschreitungen von Rostock haben sich zwar vor allem deshalb ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, weil eben nicht nur Neonazis vier Tage lang randalierten, sondern weil Anwohner ihnen unverhohlen applaudierten. Sogar in Fernsehkameras hinein.

Doch vieles spricht eben auch dafür, dass dazu auch Politik und Medien beigetragen hatten. Denn vor Rostock hatte es schon Hoyerswerda, Sachsen, gegeben, wo im September 1991 Rechtsextreme eine Asylunterkunft angriffen und 32 Menschen verletzten. Und Hünxe in Nordrhein-Westfalen, wo am Tag der Deutschen Einheit 1991 Skinheads ein Asylheim in Brand setzten und ein libanesisches Mädchen lebensgefährlich verletzten.

Verurteilungen bleiben rar

Die Verurteilungen der Taten, vor allem durch schwarz-gelbe Regierungspolitiker, blieben rar, unterkühlt und formelhaft. Stattdessen trug man die Debatte aus, ob „das Boot voll“ sei und man das Grundrecht auf Asyl abschaffen müsse, wie die Union lautstark forderte. Auch seriöse Medien, mehr aber noch der Boulevard, lieferten dazu die Schlagworte – wie „Asylflut“ und „Scheinasylant“ – und Schauergeschichten von „Asylbetrug“ bis „Ausländerkriminalität“.

Dass bei den vom Mob beklatschten Brandangriffen auf das „Sonnenblumenhaus“ im Plattenbauviertel von Rostock durch 400 aufgepeitschte Jugendliche niemand starb, war vielleicht bloß Zufall. Trotzdem nutzten nicht wenige Kommentatoren das Pogrom als Beleg dafür, dass der Bürger die Nase voll davon habe, dass „Bonn die Asylflut nicht endlich begrenzt“.

Erste Todesopfer folgten

Bis zu den ersten Todesopfern dauerte es nicht lange: durch ausländerfeindliche Anschläge starben im November 1992 und im Mai 1993 insgesamt acht Menschen. Es war erst eine Initiative der Zivilgesellschaft, die im Dezember 1992 mit Lichterketten gegen die rechte Gewalt demonstrierte. Aus heutiger Sicht war Lichtenhagen ein Scheidepunkt. Im Nachhinein kann man es als Warnung vor vielem verstehen, was danach kam: die Ost-Wahlerfolge von NPD und DVU in den 90ern; die Morde des NSU-Terrortrios in den Nuller-Jahren; auch die fremdenfeindliche Pegida-Bewegung, die anfangs auch von ganz normalen Bürgern unterstützt wurde – wie damals in Rostock – und später in Anspielung auf Gabriel brüllte: „Wir sind das Pack!“

Dass die Zahl der Angriffe auf Asylheime 2015 genauso schnell wieder angestiegen ist wie die Zahl der Kriegsflüchtlinge, hat viele frustriert. Doch dass es auch das Sommermärchen von 2015 gab, die Willkommenskultur bei Bürgern wie in den Medien – selbst die „Bild“-Zeitung startete eine entsprechende Kampagne –, auch das war eine Lehre aus Rostock. Viele wollten die Fehler von damals nicht wiederholen.

Rostock stellt sich den finsteren Nächten

Zur Wahrheit gehört freilich auch, dass viele Integrationsprobleme mit Willkommenskultur allein nicht zu lösen sind; dass die Politik mit jedem Wahlkampf und jedem Wahlerfolg der AfD nervöser reagierte und am Ende teilweise doch in ähnliche Reflexe verfiel wie in den 90er Jahren: Wenn der Hass auf Flüchtlinge wächst, gelten vielen die Flüchtlinge als das Problem, das verschwinden muss. 2015 und 2016 wurde das Asylrecht erneut verschärft.

In Rostock zumindest sieht es heute anders aus. Nicht nur die Wiese vor dem Hochhaus, auf der sich die Szenen abspielten, ist mit Dienstleistungszentrum, Heimwerkermarkt und Parkplatz bebaut und zum Mittelpunkt eines bunten Kiezlebens geworden. Auch Rostock selbst stellt sich jenen finsteren Nächten – und arbeitet sie in Form einer Gedenkwoche in der ganzen Stadt aktiv auf.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion