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Historische Räumung abgeschlossen

Israelische Siedler leisten im Westjordanland Widerstand / Rund 140 Gemeinden bleiben / Armee behält das Sagen

Jerusalem · Besonders schwierig zu räumen war eine alte Militärfestung aus britischer Mandatszeit in Sanur. Mit Eisensägen hatten israelische Einsatzkräfte zwar am Morgen das Metalltor aufgebrochen und die im Gebäude verschanzten Demonstranten davongetragen - so wie auch aus einigen anderen Widerstandsbastionen in Sanur.

Erst nachdem - ähnlich wie vorige Woche in der Gaza-Siedlung Kfar Darom - ein Lastkran mobile Arrestzellen hoch hievte, konnten die auf dem Dach des Forts verbarrikadierten Abzugsgegner überwältigt werden. Unter ihnen war ein Knesset-Abgeordneter der ultrarechten Nationalen Union.

Im fünf Kilometer entfernten Homesch setzte die Armee eine Bulldozer-Schaufel ein, um einige Dutzend Protestler vom Dach einer Religionsschule zu holen. Wie in Sanur griffen auch hier Spezialkräfte der Polizei auf Drahtscheren zurück, um sich Zugang zu verschaffen.

Anschließend wurden die Demonstranten einzeln an den Händen gefesselt, mit Hilfe der Baggerschaufel auf den Erdboden herunter gelassen. Viele der Bewohner waren schon vor Monaten aus eigenen Stücken weggezogen. Ganim und Kadim standen bereits längere Zeit leer.

In Sanur und Homesch hatten jedoch nationalreligiöse Ideologen die Stellung übernommen, verstärkt von rund 2000 jungen rechtsradikalen Abzugsgegnern. Nicht wenige galten als Anhänger der verbotenen Kach-Bewegung oder Mitglieder der berüchtigten "Hügel-Jugend", die weder vor Vandalentum in palästinensischen Nachbardörfern zurückschreckt, noch staatliche Autorität respektiert.

Die Sorge der Polizisten, wonach einige Militante sogar mit scharfen Waffen sich der Zwangsräumung widersetzen würden, bestätigte sich aber nicht. Abgesehen von dem Versuch eines Siedlers in Homesch, auf einen Soldaten einzustechen, hielt sich die Gewalt in Grenzen. Als Ausdruck ihrer Verachtung für die Staatsmacht wählten manche Demonstranten eine drastische Symbolik.

So reckten zum Beispiel einige Frauen, gekleidet in gestreifte Blusen mit aufgestecktem Judenstern nach Art der KZ-Uniformen, ihre rot wie Blut gefärbten Hände hoch, als sie sich widerstrebend von Polizistinnen in die Busse zum Abtransport abführen ließen. Die in einer Synagoge verschanzten Männer klammerten sich aneinander, als ob sie in Feindesland deportiert würden.

An zahlreichen Wänden prangten Parolen wie "Verräter" oder "Wir haben kein anderes Zuhause". Mit Kalkül inszenierten die Siedler den erzwungenen Auszug so traumatisch wie möglich: Auf dass keine israelische Regierung es noch einmal wagen solle, Kolonien im Westjordanland aufzugeben.

Dabei ändert sich, anders als in Gaza, für die Westbank-Palästinenser wenig. Etwa 140 Siedlungen bleiben und im Gebiet der vier geräumten hat weiter die Armee das Sagen. Inge Günther

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