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„Atomwaffen sind Terrorwaffen“

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Im August 1945 bringen die USA abertausendfachen Tod über die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki.
Im August 1945 bringen die USA abertausendfachen Tod über die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki. © Imago

Der Publizist Franz Alt warnt in einem aufrüttelnden Essay für die FR vor der Selbstzerstörung der Menschheit.

„Schon der Besitz von Atomwaffen ist unmoralisch“, sagte Papst Franziskus bei seinem Besuch in Hiroshima 2019 an die Adresse der neun Staaten gerichtet, die Atomwaffen besitzen und mit deren Einsatz drohen wie in diesen Wochen Präsident Putin. Der Ukraine-Krieg zeigt, dass atomare Abschreckung Kriege gerade nicht verhindert.

Vor 77 Jahren warfen die USA erstmals in der Menschheitsgeschichte eine Atombombe auf bewohntes Gebiet ab. Ihr Ziel am 6. August 1945, morgens um 8.15 Uhr, war die südjapanische Stadt Hiroshima. Nur drei Tage später, am 9. August um 11.02 Uhr, fiel die zweite Atombombe auf Nagasaki. In Hiroshima starben 140.000 Menschen und in Nagasaki 73.000.

Die US-Regierung rechtfertigt ihren brutalen Einsatz bis heute mit dem Argument, dass nur durch die beiden Atombomben der Zweite Weltkrieg im Fernen Osten rasch beendet werden konnte. Nicht nur japanische, auch US-Historiker bestreiten diese These und weisen darauf hin, dass die japanische Regierung schon vorher Friedens-Signale gesendet habe und Zeichen von „Kriegsmüdigkeit“.

Bis zum Jahr 2022 sind mehr als doppelt so viele Menschen an den Spätfolgen nuklearer Verstrahlung gestorben – insgesamt mehr als 400.000. Und das Sterben geht bis heute weiter – noch 77 Jahre nach den Atombomben. Wie intelligent ist Atombombenpolitik? Noch nie hat eine Maus eine Mausefalle gebaut, aber Menschen bauen Atombomben. Die Atombombe ist die größte und gefährlichste Missgeburt unseres materialistischen Zeitalters.

Ein Massenmord, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat

In den letzten Jahren hatten mich die Bürgermeister von Hiroshima und Nagasaki, Tatadoshi Akiba und Tomihisa Taue, zu Vorträgen eingeladen. Mein Thema hieß „Vom Atomzeitalter ins Solarzeitalter“. Wichtigere Orte zu diesem Thema gibt es wohl nicht.

Wer in Hiroshima und Nagasaki mit Strahlungsopfern spricht oder die eindrucksvollen Gedenkstätten besucht, dem öffnet sich das Tor zur Hölle auf Erden. Im August 1945 geschah ein Massenmord, wie ihn sich die Welt bis dahin nicht vorstellen konnte. Innerhalb von Sekunden haben sich Zehntausende von Menschen in Nichts aufgelöst, waren ein Häufchen Asche. Alle anderen waren für den Rest ihres Lebens verstrahlt und verkrüppelt.

Die zehn Meter hohe Friedensstatue von Seibo Kitamura aus Nagasaki dominiert den 1955 eingerichteten Friedenspark der Stadt. Foto by Philip FONG / AFP.
Die zehn Meter hohe Friedensstatue von Seibo Kitamura aus Nagasaki dominiert den 1955 eingerichteten Friedenspark der Stadt. Foto by Philip FONG / AFP. © afp

Am meisten erschüttert hat mich jedoch eine Zahl, die mir der Bürgermeister von Hiroshima nannte: Jedes Jahr sterben heute noch in Japan mehr als 3000 Menschen an den Folgen von 1945. Kurz vor meinem Vortrag in Nagasaki schob mir der Bürgermeister noch einen handgeschriebenen Zettel zu, auf den er die aktuelle Zahl der in seiner Stadt bisher durch atomare Verstrahlung getöteten Menschen geschrieben hatte: 140.144!

77 Jahre danach liegen Hiroshima und Nagasaki nicht hinter uns, sondern noch immer vor uns. Es wird weiter gestorben.

Wir wissen durch die jahrelangen Diskussionen über die Atombombe für Nordkorea und den Iran um den engen Zusammenhang zwischen der sogenannten friedlichen Nutzung der Atomkraft und dem Bau von Atombomben. In AKW wird auch der Stoff für die Bombe produziert. Ohne Atomkraftwerke gibt es keine Atombombe. Die weltweiten Störfälle in vielen Atomanlagen müssten auch die größten Atomfreunde nachdenklich machen! Solange auf der Welt aber mehr als 400 AKW laufen, werden skrupellose Politiker weiterhin versuchen, Atombomben zu bauen. 400 AKW sind 400 mögliche Atomunfälle. Es gibt kein einziges AKW auf der Welt, das zu 100 Prozent sicher ist. Sicher ist nur das atomare Restrisiko.

Atombomben könnten in die Hände von Terroristen gelangen

Wir müssen zudem damit rechnen, dass Atombomben eines Tages auch in die Hände von Terroristen gelangen, wenn wir das Atomzeitalter nicht hinter uns lassen. Das aber heißt: Möglichst rasch alle AKW schließen und die Energie künftig aus erneuerbaren Energiequellen gewinnen – aus Sonne, Wind, Bioenergie, Erdwärme, Wasserkraft und Meeresenergie. Bei entsprechendem politischem Willen ist die solare Energiewende in 15 Jahren zu 100 Prozent möglich.

Die Oberbürgermeister von Hiroshima und Nagasaki haben sich schon 1982 geschworen, dass der atomare Massenmord in ihren Städten von der Menschheit niemals vergessen oder verdrängt werden darf und gründeten die weltweite Organisation „Mayors for Peace“ – „Bürgermeister für den Frieden“, der sich inzwischen 8031 Stadtobere aus 164 Ländern angeschlossen haben – darunter auch die von mehr als 900 deutschen Städten und Gemeinden, zum Beispiel Berlin, München, Hannover, Köln und Frankfurt. Nach einer Forsa-Umfrage befürwortet die Mehrheit der Deutschen einen Abzug der noch immer auf deutschem Boden gelagerten 20 Atomwaffen der USA.

Zum Autor

Franz Alt, geboren 1938, war und ist ein Journalist und Autor, wie man ihn sich wünscht: offen, engagiert und unkonventionell.

Er promovierte im Revoltejahr 1967 ausgerechnet über Konrad Adenauer, er arbeitete 20 Jahre für den SWR, leitete dessen Zukunftsredaktion und moderierte dort Sendungen wie „Grenzenlos“ und „Querdenker“ (als das noch ein ehrenhaftes Wort war).

Von 1963 bis 1988 CDU-Mitglied, stritt er sich aber auch über Jahre mit seinem Sender wegen seines nachrüstungskritischen Bestsellers „Frieden ist möglich“ von 1982. Schon früh setzte der bekennende Christ sich auch für die ökologische und energetische Wende ein. Und Hobbyzauberer ist Franz Alt noch obendrein. rut

www.sonnenseite.de

Das Ziel der „Bürgermeister für den Frieden“, die inzwischen mehr als 300 Millionen Menschen vertreten: Eine atomwaffenfreie Welt! Hiroshimas Akiba ist optimistisch: „Da es möglich war, weltweit die Bio- und Chemiewaffen abzuschaffen, ist es natürlich auch möglich, die gefährlichsten Waffen, die Atomwaffen, abzuschaffen. Keine andere Stadt soll jemals das Schicksal von Hiroshima oder Nagasaki erleiden. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen aber noch viel mehr Städte und Dörfer unserem Bündnis beitreten. Bitte helfen Sie uns auch in Deutschland dabei. Denn nur durch viel Druck auf die mächtigen nationalen Politiker der Atombombenbesitzer können wir erreichen, dass die heute weltweit an die 14.000 Atomsprengköpfe vernichtet werden“.

„Es gibt“, sagt mir Nagasakis Taue zum Abschied, „nicht die geringste Rechtfertigung für die atomare Geiselnahme von Städten und Dörfern.“ Mir geht dabei die Verpflichtung durch den Kopf, dass wir dieses Engagement für eine atomwaffenfreie Welt auch unseren Kindern und Enkeln schuldig sind. Die 14.000 Atomwaffen, die es heute global gibt, haben eine Zerstörungskraft von 900 000 Hiroshima-Bomben.

Atomwaffen sind Terrorwaffen. Es ist wohl die größte und gefährlichste Illusion der Menschheit, dass wir mit Atomwaffen auf Dauer Frieden sichern können.

2007 starb der Bomberpilot von Hiroshima, Paul Tibbets. Noch kurz vor seinem Tod sagte er: „Ja, ich würde es wieder tun. Ich hatte deshalb keine schlaflose Nacht.“ Bis heute hat sich kein US-Präsident in Japan für die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki und für den Massenmord entschuldigt.

Vor kurzem lud mich der Bürgermeister von Fukushima, Hiroshi Kohata, zu einem Vortrag vor 400 japanischen Bürgermeistern ein. Mein Thema hieß – wie zuvor in Hiroshima und Nagasaki – „Vom Atomzeitalter ins Solarzeitalter“. Dabei fragte ich Kohata, der soeben vom havarierten AKW gekommen war, was passieren würde, wenn er das Reaktorinnere betreten würde. Seine Antwort: „Nach Sekunden wäre ich Asche.“

Wer Frieden will, muss den Frieden vorberieten

Kriege sind ein Verbrechen an der Menschheit. Ein Atomkrieg wäre wohl der letzte Krieg, denn danach gäbe es wahrscheinlich keine Menschen mehr, die noch einen Krieg führen könnten. Der Mahnruf des bisher missachteten Gewissens heißt: Vergesst nicht die Lehren der vier großen Atomkatastrophen in Hiroshima, Nagasaki, Tschernobyl und Fukushima!

Der Autor: Franz Alt. Foto. Imago Images.
Der Autor: Franz Alt. © Eibner/Imago

Die japanischen Bürgermeister sagten mir, dass sie alleine eine atomwaffenfreie Welt und eine Welt ohne AKW nicht schaffen. Dazu brauchen sie die Unterstützung vieler Kolleginnen und Kollegen in der ganzen Welt. Immerhin haben 2019 doch 123 UN-Staaten die Abschaffung aller Atomwaffen gefordert. Aber alle neun Atommächte haben dagegen gestimmt. Wahrscheinlich müssen sich noch viel mehr deutsche Bürgermeister dafür einsetzen, bis auch die Bundesregierung dem Atomwaffenverbots-Vertrag beitritt. Damit könnte Deutschland zeigen, dass es aus seiner Geschichte nach 1945 tatsächlich etwas gelernt hat.

Seit 2000 Jahren gilt der altrömische Grundsatz „Wer Frieden will, muss den Krieg vorbereiten.“ Das Ergebnis dieser Politik sind 2000 Jahre Krieg, Massenmord und unendliches Leid. Aufgrund dieser Erfahrungen müssen wir endlich diese Philosophie entwickeln: „Wer Frieden will, muss den Frieden vorbereiten.“ Auch ich weiß, dass in den Zeiten der Putin-Kriege Pazifismus ein langfristiger Traum ist, aber er bleibt ein notwendiger Traum.

Mit einem Zehntel der weltweiten Militärausgaben könnten wir dafür sorgen, dass kein Kind mehr verhungern muss. Und mit einem weiteren Zehntel könnten wir dafür sorgen, dass alle Kinder zur Schule können. Wären diese nicht lohnendere Ziele, als ein neues Wettrüsten zu beginnen, wie es gerade geschieht? Wann endlich lernen wir, dass nicht Hass und Wettrüsten der Sinn unseres Hierseins ist, sondern Liebe und Frieden?

Mehr Info über die Friedensinitiative der Stadtoberen: www.mayorsforpeace.de

Die Lehre von Hiroshima und Nagasaki: Wir müssen Frieden und Sicherheit neu denken, so wie es Jesus in der Bergpredigt schon vor 2000 Jahren vorgeschlagen hat. Sein zweiter aktueller Vorschlag: „Die Sonne des Vaters scheint für alle“. „Die Bergpredigt Jesu ist im Atomzeitalter das Überlebensprogramm der Menschheit“ – diesen schwergewichtigen Satz sagte mir einst Michail Gorbatschow. (Franz Alt)

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