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Viele Hilfsangebote für vernachlässigte Kinder und überforderte Eltern sind weggebrochen – mit katastrophalen Folgen für die Schwächsten.

Familien in der Corona-Krise

Schutzlos zu Hause

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Familien leiden besonders unter den Einschränkungen in der Corona-Krise. Experten warnen vor wachsender Gewalt und Armut.

Als Erste stürmt die achtjährige Lea zur Wohnungstür, dann folgt ihre Mutter Jessica Laue, dann die großen Brüder Andy (14) und Alex (12). Bernd Siggelkow streckt seinen rechten Fuß aus, alle tippen den Schuh mit ihren Hausschuhen an. „Corona-Gruß“, murmelt Andy.

Die Laues nehmen zwei große Einkaufstüten und eine Kochbox in Empfang, die ihnen der Leiter des Kinder- und Jugendprojekts Arche zusammen mit seiner Mitarbeiterin Rebekka Rauchhaus in den dritten Stock eines Plattenbaus in Berlin-Hellersdorf geschleppt hat. „Habt ihr Eier mit?“, fragt Lea und jubelt, als Siggelkow bejaht. „Dann können wir Ostereier bemalen!“ Mutter Jessica freut sich mehr über die Packung Küchenpapier. „Das ist toll, in der Kaufhalle war es ausverkauft.“

Zu normalen Zeiten gehen alle drei Laue-Kinder nach der Schule in die Arche, bekommen warmes Essen, Hausaufgabenhilfe und Zuwendung. Doch im Zuge der Corona-Einschränkungen musste das christliche Hilfswerk seine 26 Standorte in ganz Deutschland schließen. „Am nächsten Tag waren wir wieder unterwegs“, sagt Siggelkow, „und haben die Familien besucht.“ Von fast allen haben sie Handynummern, können den Kontakt auch in der Krise halten.

Die Lebensmittel-Touren erfüllen einen doppelten Zweck. Siggelkow und Rauchhaus leisten einerseits ganz konkrete Hilfe in der Krise, andererseits bekommen sie bei den Besuchen an der Wohnungstür einen Eindruck, wie gut die Familien durch die Krise kommen. Die Lebensmittel nehmen die Laues gern. „Die Sonderangebote sind alle ausverkauft, die Tafel ist geschlossen, mit meinem Hartz IV komme ich da nicht mehr zurecht“, erklärt Jessica Laue. „Sonst bekommen die Kinder in der Arche ein ausgewogenes Mittagessen, jetzt kann ich es ihnen dank der Hilfe auch zu Hause kochen.“

„Wir kommen nicht mehr klar“

250 Euro zusätzlich muss eine Familie in der Krise im Durchschnitt pro Monat aufwenden, überschlägt Siggelkow. „Bei vielen reicht das Geld nur bis zur Mitte des Monats.“ Gerade ploppt eine neue SMS einer Mutter auf seinem Handy auf: „Wir kommen nicht mehr klar. Was muss ich tun, außer über meinen Stolz zu springen?“

Die Osterferien hat die Familie Laue so gut es geht genossen. „Wir haben den Keller entrümpelt, die Fahrräder flottgemacht und planen eine Radtour“, erzählt Jessica Laue. „Und abends wird gekuschelt. Das kam in den letzten Wochen zu kurz.“ Seit die Schulen geschlossen haben, musste sie für alle drei Kinder das Lernpensum kontrollieren. Bei Andy geht es um viel: Das erste Halbjahr hat er komplett geschwänzt, er war in der Obhut des Jugendamts – und zum Ende des Schuljahrs steht der mittlere Schulabschluss nach der neunten Klasse an.

„Da knallten ein paar Türen“, sagt Andys Mutter lakonisch. Abends habe sie sich völlig erschöpft im Wohnzimmer eingeschlossen, die Tage waren einfach zu lang.

„Das System schläft ein“

Aber jetzt gehen die Ferien zu Ende und die Beschränkungen bestehen weiter. Die Arche bleibt zu und Siggelkows Sorgen wachsen. „Die Luft wird dünn“, sagt er. „Die Kinder haben definitiv keinen Bock mehr und die Eltern können es nicht auffangen.“ Noch zwei Wochen, dann lese man überall von häuslicher Gewalt. „Nicht nur hier in den Plattenbauten, auch bei bürgerlichen Familien. Eltern sind es einfach nicht gewohnt, ihre Kinder 24 Stunden pro Tag um sich zu haben.“

Oliver Dierssen ist Kinder- und Jugendpsychiater in der Region Hannover. Eine seiner größten Sorgen derzeit ist, dass viele seiner großen und kleinen Patienten in der Versenkung verschwinden. „Das System schläft ein“, warnt der Mediziner.

Seit die Schulen und Kitas geschlossen sind und die Arbeit in den Vereinen ruht, gebe es kaum noch Instanzen, die seine Patienten – unabhängig von der Familie – mit im Blick hätten. „Das ist gerade für Kinder und Jugendliche, die Gewalterfahrungen machen, eine sehr schlimme Situation“, sagt Dierssen. Denn die Arbeit in seiner Praxis, in der aktuell weitgehend nur Notfälle behandelt werden, hat ihm gezeigt: „Ja, es gibt fiese Lehrer und Mitschüler, tatsächlich sind es aber oft Familienmitglieder, die den Kindern zusetzen.“

Körperliche Gewalt und seelische Grausamkeiten – es gehört zu Dierssens täglicher Arbeit, die Geheimnisse seiner Patienten schichtweise abzutragen. Institutionen wie Schulen, Vereine, Musikschulen und auch das Jugendamt seien dabei eine große Hilfe: „Wir fordern dort regelmäßig Berichte an.“ Durch die aktuelle Situation ist diese Zusammenarbeit nun unterbrochen, zu vielen seiner Patienten könne er kaum Kontakt halten, zumal die Etablierung der Videotherapie sehr zäh verlaufe.

Folgen für stationäre Jugendhilfe

Die Kinder einzubestellen sei auch mit einem nicht unerheblichen Risiko verbunden. Nicht nur die fehlende Schutzausrüstung ist ein Problem, viele seiner Patienten litten auch unter Ängsten: „Die gehen aktuell gar nicht vor die Tür.“

Auch auf die stationäre Jugendhilfe hat die Corona-Krise große Auswirkungen. Franziska Meyer (Name geändert) arbeitet in einer Einrichtung zur Inobhutnahme in einer mittelgroßen Stadt im Osten Deutschlands. „Zu uns kommen die Kinder und Jugendlichen in akuten Notsituationen und zwar direkt nachdem sie vom Jugendamt aus den Familien genommen wurden oder selbst nicht mehr bei ihren Eltern bleiben wollen und können“, erklärt die Sozialpädagogin.

Sie bleiben so lange, bis sie zurück in die Familien gehen können oder in eine Wohngruppe umziehen. Die jüngsten der zwölf Bewohner sind gerade einmal vier Jahre alt, die ältesten stehen vor der Volljährigkeit. Diese ohnehin schon anspruchsvolle pädagogische Arbeit hat sich durch Corona noch verkompliziert. An Masken oder Abstand ist kaum zu denken. Dafür ist die psychische Belastung der Kinder und Jugendlichen ohnehin schon groß genug. Nähe und Geborgenheit sind ein wichtiger Teil der Arbeit – genau wie feste Rituale wie das gemeinsame Abendessen mit 13 Personen.

Immense Belastung für Pädagogen

Auch der Kontakt zu den wichtigen Bezugspersonen wie den Eltern oder Großeltern besteht weiter. Allerdings können die Angehörigen nicht mehr einfach vorbeikommen. Besuche finden nun im Freien statt. Außerdem wurde auf ein neues Schichtsystem umgestellt. Nun arbeiten zwei Viererteams in vierzehntägigen Schichtwechseln. Das ist zwar eine immense Belastung für die Pädagogen, gewährleistet aber die Betreuung bei möglichen Corona-Fällen im Team. „Wir können nicht einfach schließen. Unsere Arbeit ist zu wichtig für die Kinder und Jugendlichen. Außerdem müssen wir täglich damit rechnen, weitere Fälle aufzunehmen“, sagt Meyer.

Zwei Notfallplätze wurde bereits geschaffen, geplante Auszüge in Wohngruppen vorverlegt. Auch eine spontane Aufbettung ist möglich. Noch hält sich der Anstieg der Inobhutnahmen in Grenzen. Das liegt aber vor allem am fehlenden Blick in die Familien. Die meisten Jugendamtmitarbeiter besuchen nur noch selten. Auch andere Schutzinstitutionen wie Kitas, Schulen oder Tagesgruppen bleiben geschlossen. „Um einige ehemalige Bewohner, die noch vor Corona zu ihren Familien zurückgekehrt sind, machen wir uns große Sorgen“, sagt Meyer. „Eigentlich wissen wir, dass sie im Moment bei uns besser aufgehoben wären, und können nur beten, dass nichts Schlimmes passiert“, sagt sie.

In Berlin-Hellersdorf haben Bernd Siggelkow und Rebekka Rauchhaus ihre Lebensmittel-Liefertour beendet. Feierabend ist noch lange nicht. Beide halten auch online mit den Arche-Kindern Kontakt. Rauchhaus hat eine Punkte-Challenge entwickelt: Wer beispielsweise ein Foto seines Mittagessens verschickt, bekommt einen Punkt. „Dann wissen wir, dass die Familie gekocht hat.“ In den Ferien läuft ein Lerncamp für Kinder wie Andy, die Stoff aufholen müssen – und sich beschäftigen sollen. Es ist ein improvisierter Ersatz für die Sozialarbeit in der Arche, mehr nicht. Aber niemand wird vergessen.

Die „Nummer gegen Kummer“  ist ein bundesweites, kostenloses und anonymes Beratungsangebot. Die Telefonzeiten sind: Montag bis Freitag, 14-20 Uhr.

Für Kinder und Jugendliche gilt die Nummer: 0800 111 0 333.

Für Eltern und andere Erwachsene, die sich um Kinder sorgen: 0800 111 0 550.

Krisenberatung  rund um die Uhr liefert auch die Telefonseelsorge, erreichbar unter 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222 oder 0800/116 123. Der Anruf ist kostenfrei.

Gewalt gegen Frauen:Das bundesweite Hilfetelefon für Frauen, die Gewalt erlebt haben oder noch erleben, anonym, kostenfrei und rund um die Uhr erreichbar. Unter der Nummer 08000 116 016 und via Online-Beratung unter www.hilfetelefon.de erreichbar.

Sexueller Missbrauch:  Auf der Webseite www.hilfeportal-missbrauch.de finden sich Beratungsangebote und Anlaufstellen in jeder Region. Das bundesweite Notfalltelefon ist unter der Rufnummer 0800 22 55 530 erreichbar. Eine Online-Beratungsangebot für Jugendliche gibt es unter: save-me-online.de.

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