Das Dollarzeichen an der Wand in Bagdad sagt nichts über die Zukunft der jungen Iraker. Und die Geberkonferenz von Madrid bringt nur was, wenn sie keine Nehmerkonferenz war.
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Das Dollarzeichen an der Wand in Bagdad sagt nichts über die Zukunft der jungen Iraker. Und die Geberkonferenz von Madrid bringt nur was, wenn sie keine Nehmerkonferenz war.

Hinter Glas: Madrid real

Bei der Konferenz für den Wiederaufbau Iraks klaffen Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander

Von AXEL VEIEL (MADRID)

Hier und da werden schon Stimmen laut, diese Geberkonferenz gebe es gar nicht. Seltsam entrückt mutet auf alle Fälle der Ort an, an dem sich angeblich die Zukunft Iraks entscheidet. Grün und grau glitzern die Glasfassaden des Madrider Kongresspalastes, geben den Blick nicht frei auf das Innenleben des Gebäudes. 1200 Delegierte aus 59 Ländern sollen dort hinter verschlossenen Türen die Bedürfnisse des durch Diktatur, Wirtschaftsembargo und Krieg zerstörten Landes ausloten, den Wiederaufbau organisieren und vor allem finanzieren.

Polizisten in blauen Overalls ziehen Zeltplanen in die Höhe, unter denen später Krabben und anderes Meeresgetier gereicht werden sollen. Kellner zu beschäftigen sei zu riskant, meint einer der Männer. In Zeiten von ETA, Al Qaeda und irakischen Terrorkommandos gelten nicht nur Kellner als Sicherheitsrisiko, sondern gewöhnliche Sterbliche überhaupt. Ihnen allen ist nicht nur der Zutritt zum Kongresspalast verwehrt, sondern zum Madrider Messegelände schlechthin. Teilnehmer und Bewacher bleiben an diesem Freitag unter sich. Für den Rest der Welt ist die Zusammenkunft, wenn überhaupt, ein virtuelles Ereignis, zu verfolgen auf Monitoren und Bildschirmen.

Aznars himmelblaue Visionen

Auf einem Dutzend von ihnen erscheint das Konterfei des Gastgebers. Spaniens Ministerpräsident José Maria Aznar tritt ans Rednerpult. Vor ihm wuchert Efeu, hinter ihm leuchtet Himmelblaues, wohl zum Zeichen einer Irak bevorstehenden himmlischen Zukunft. Als ein demokratisches, weltoffenes Land, das in Frieden mit seinen Nachbarn lebt, beschreibt der nicht eben als Visionär bekannte Politiker Irak, wie er es sich wünscht. Aznar vergisst auch nicht die 332 Millionen Dollar zu erwähnen, mit denen Spanien dazu beitragen will, dass dieser Wunsch Wirklichkeit wird. Dass das bei der Madrider Kollekte eingesammelte Geld weit hinter dem vom der Weltbank errechneten Bedarf von 36 Milliarden liegt, sagt er nicht.

Das geringe Spendenaufkommen mag von politischen Vorbehalten zeugen gegenüber der angloamerikanischen Besatzungsmacht, von Haushaltsdisziplin in wirtschaftlich schwieriger Zeit oder gar Geiz. Es beweist aber auch Realitätssinn. In Irak sei die Sicherheit noch nicht gewährleistet, und ohne Sicherheit sei jeder Wiederaufbau Illusion. Das ist die inoffizielle Botschaft von Madrid, die mal mehr, mal weniger verschlüsselt erklingt. Enttäuschend ist für den gerade auf der internationalen Bühne so ins Rampenlicht strebenden Spanier allerdings nicht nur die geringe Ausbeute "seiner" Konferenz, sondern auch die Geringschätzigkeit, mit der einige der Geladenen die Großveranstaltung bedenken. Staaten, die sich dem Irak-Krieg widersetzt hatten und die Last des Wiederaufbaus am liebsten den Besatzungsmächten aufbürden würden, schickten Politiker aus der zweiten oder dritten Reihe. Während sich Paris immerhin noch durch Außenhandelsminister François Loos vertreten ließ, beließ es Berlin bei der Entsendung eines Staatssekretärs.

Der Frust ist Aznar nicht anzumerken. Er hatte die Konferenz wohl schon abgeschrieben, bevor sie überhaupt richtig angefangen hatte. Mit UN-Generalsekretär Kofi Annan kehrte er am Vorabend den Arbeitsräumen des Moncloa-Palastes den Rücken und strebte den Ehrenlogen des Bernabeu-Stadions entgegen. Anstatt widerwillig erbrachter Spenden mögen die beiden dort Ecken und Freistöße zusammengezählt haben. Die Torbilanz fiel im Champions-League-Spiel Real Madrid gegen Partizan Belgrad mager aus. Mit einem mühsam erkämpften 1 : 0 war die Ausbeute der Gastgeber auf dem Rasen ähnlich gering wie die am Konferenztisch.

So sehr der Auftritt des spröden Spaniers auch daran erinnert, dass es eine raue Konferenzwirklichkeit gibt: Der Eindruck des Entrückten, Surrealistischen ist nicht so schnell zu tilgen. Kaum ist der Premier unter dem Beifall von Gebern und Knausern von den Bildschirmen verschwunden, verkündet ein Nachrichtensprecher, dass Madrid an diesem Freitag die sicherste Stadt der Welt sei. Erneut regen sich Zweifel an Wahrnehmung und Wirklichkeit. Ist das Gefühl, das sich der Madrilenen an diesem Tag bemächtigt, nicht Unsicherheit, ja Angst?

Keine Sicherheit, nirgends

Hubschrauber stehen wie graue Libellen über Madrid, kontrollieren einen Luftraum, der für den gesamten zivilen Luftverkehr gesperrt ist. Vor Hotels, auf Brücken oder auch an Kreuzungen wachen Polizisten. Sie drücken den Lauf ihrer Maschinenpistolen mit der Hand Richtung Boden, um ihn notfalls mit eben dieser Hand wieder hochreißen zu können. Um einem möglichen Terrorangriff aus dem Untergrund zuvorzukommen, haben die Sicherheitskräfte Kanaldeckel zuschweißen lassen. Schwer kontrollierbare U-Bahn-Stationen wurden geschlossen. All das vermittelt kein Gefühl der Geborgenheit. Es kündet von Gefahr, erinnert daran, dass Al-Qaeda-Chef bin Laden Spanien als Anschlagsziel ausgewiesen hat.

Auf Monitoren erinnern Redner daran, dass die Iraker hier im Mittelpunkt stehen. Die Suche nach ihnen endet freilich an der Peripherie nach einer halbstündigen Autofahrt gut zehn Kilometer vom Konferenzort entfernt in einem Luxushotel. Hinter Sperrgittern, Maschinengewehrschützen, Mannschaftswagen, Metalldetektoren und noch mehr Schützen laben sich dort im zweiten Stockwerk ein Dutzend Angehörige der von den US-Amerikanern ernannten irakischen Übergangsregierung an Orangensaft und Gebäck. Alte Männer sind es, das Haar ergraut, die Stirn zerfurcht. Aber nicht nur die Würde des Alters und eine im Exil erworbene Weltläufigkeit spricht aus diesen Gesichtern, sondern auch Unsicherheit. Selbst die Minister reden leise, als wollten sie das Gesagte gleich wieder zurücknehmen.

Sie können ja auch kaum anders, als sich hier in Madrid in Widersprüche zu verwickeln. Zum einen müssen sie das Elend ihres Landes vor den Konferenzteilnehmern ausbreiten, um den moralischen Druck auf die Geberländer zu erhöhen und möglichst viel finanzielle Hilfe herauszuholen. Zum anderen sehen sich diese Iraker aber auch in der Pflicht, 300 Delegierte von Firmen und Unternehmensverbänden davon zu überzeugen, dass ihr Geld in Irak gut aufgehoben ist.

Eben erst hat Mowaffak al-Rubaie, auch er Mitglied der Übergangsregierung, die Not in seiner Heimat geschildert. Zwei Drittel der Iraker seien von Lebensmittelrationen abhängig, mehr als die Hälfte habe keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Nun lässt sich der Mann im dunkelblauen Zwirn auf den Polstern einer Hotelcouch nieder und schwärmt von einem Irak, der eines Tages als "Japan des Orients" Furore machen werde. Und die Sicherheit? Ayad Allawi tritt hinzu, der Chef der Übergangsregierung. Schlecht sei es um sie bestellt, sagt er. Und ohne Sicherheit könne die Wirtschaft nicht Fuß fassen, gebe es keine Investitionen, könne der Wiederaufbau nicht gelingen.

Die Geberkonferenz hat trotzdem stattgefunden. Rafael Vila Sanjuan glaubt sogar, dass sie ihren Namen verdient, wenn auch in einem sonderbaren Sinn des Wortes. Das Treffen sei auf die Propagandabedürfnisse der Geberländer zugeschnitten gewesen, sagt der Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen", nicht aber auf die Bedürfnisse Iraks.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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