Rassismus in den USA

New York: Die Weißen holen sich Harlem zurück

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Vor 15 Jahren zog FR-Autor Sebastian Moll als Weißer in das afroamerikanisch geprägte Viertel in New York – ein persönlicher Bericht über die Begegnung mit dem Rassismus in den USA.

  • Das New Yorker Viertel Harlem ist ein wichtiger Ort der afroamerikanischen Kultur.
  • Lange Zeit war Harlem ein Zufluchtsort für die schwarze Bevölkerung in den USA.
  • Struktureller Rassismus in den USA treibt die Menschen wieder auf die Straße.

New York - Unabhängige Buchläden sind in Harlem in Zeiten der Gentrifizierung und der Amazonifizierung des Buchhandels dünn gesät. Im Zentrum der inoffiziellen Hauptstadt des schwarzen Amerika gibt es eigentlich nur noch ein Geschäft aus Stein und Mörtel, das Gedrucktes verkauft: der Revolution Bookstore an der Lenox Avenue.

Bis vor nicht all zu langer Zeit war das Geschäft ein eher konspirativer Treffpunkt für den radikaleren Flügel der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. In den Regalen fanden sich Werke von Malcolm X und Angela Davis, Literatur über Polizeigewalt, den Krieg der CIA gegen die Black-Panther-Partei und Biografien von Cesar Chavez und Fidel Castro.

Rassismus in den USA: Wie New York und Harlem sich politisch bilden

Seit Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt in den vergangenen Wochen die gesamten USA überziehen, hat der kleine subversive Laden jedoch unverhofften Zulauf. An jedem beliebigen Werktag stehen die Menschen schon morgens um zehn Uhr davor Schlange, um Bestellungen abzuholen. Darunter sind nicht nur junge Idealisten aller Hautfarben, sondern auch zahlreiche Angehörige der weißen bürgerlichen Mittelschicht, die seit rund 15 Jahren Harlem für sich entdeckt hat.

Immer wieder kommt es zu Zusammenstößen mit der Polizei.

Man will sich politisch bilden in Amerika, die Botschaft, dass der strukturelle Rassismus im Land noch lange nicht überwunden ist, ist nun endlich auch bis in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen. Wohlmeinende Weiße wollen verstehen, was sie tun können. Man will wissen, ob und wie man ein guter „Ally“ sein kann – ein Mitkämpfer für die Sache der schwarzen Emanzipation, die in Amerika seit nunmehr 400 Jahren auf sich warten lässt.

Zu den gefragtesten Titeln bei Revolution und anderswo gehören Ibram X Kendis „How to be an Anti-Racist“ und Robin Di Angelos „White Fragility“. Die beiden Bücher stehen seit vielen Wochen an der Spitze der „New York Times“-Besteller-Liste, das Land bemüht sich, individuell und kollektiv, weniger rassistisch zu werden.

Rassismus in den USA: Harlem das „Mekka des schwarzen Amerikas“ in New York

Der jetzige Moment erinnert mich an die Zeit vor gut 15 Jahren, zu der ich nach Harlem gezogen bin. Mein Verständnis der Rassenbeziehungen in Amerika war damals ähnlich unterkomplex wie jenes vieler Weißer, die durch die drastischen Bilder der jüngsten Polizeimorde an Afro-Amerikanern nun langsam zu hören beginnen, was Bürgerrechtler und Soziologen schon seit Jahrzehnten immer wieder artikulieren – dass Amerika der afroamerikanischen Bevölkerung die Teilhabe an der Gesellschaft bis heute wenn nicht verwehrt, so doch dauerhaft erschwert.

Im Jahr 2004 war ich noch Teil der ersten Welle derjenigen Weißen, die das seit den 70er Jahren heruntergewirtschaftete Harlem wiederentdeckten. Zu dieser Welle gehörten bemerkenswert viele Europäer wie ich, die aus Naivität abenteuerlustig in das symbolträchtige Viertel vorstießen, das man seit den 20er Jahren auch das „Mekka des schwarzen Amerika“ nennt.

New York, Anfang Juni: Protest auf den Straßen von Harlem nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd.

Unsere Forschheit, so dachten wir damals, weise uns unmissverständlich als offen und unvoreingenommen aus. Wir ließen uns nicht von den Klischees des drogenverseuchten und gefährlichen Schwarzenviertels beeindrucken, das es zu meiden gilt. Stattdessen suchten wir die Spuren des großartigen Harlems der 30er und 40er Jahre, in dem sich zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte schwarze Kultur und schwarzer Intellekt frei entfalten konnten und ein schwarzes Bürgertum sowie eine schwarze Boheme in Würde und frei von Unterdrückung leben konnten.

Rassismus in den USA: Afroamerikanische Kultur in Harlem

So war einer der ersten Texte aus Harlem, die ich schrieb, eine Reportage aus den Jazzclubs des Viertels, welche die Tradition legendärer Säle wie dem Cotton Club, dem Savoy Ballroom oder des Minton’s Playhouse fortführten – wo Giganten der Musikform wie Billy Holiday, Duke Ellington oder Miles Davis die Nächte durchimprovisiert hatten. Ich kaufte mir Bücher über die Harlem Renaissance, die goldene Epoche Harlems, ich ging zur Amateur Night ins Apollo Theater und fantasierte mir ein romantisches Harlem sprudelnder afroamerikanischer Kultur zurecht.

Einen ersten Schlag bekam dieses verklärte Bild im Winter 2006. Es war einen Tag, nachdem in Queens der 23 Jahre alte Sean Bell von Polizeibeamten mit 50 Schüssen hingerichtet wurde. Bell war in den frühen Morgenstunden vor einem Club erschossen worden, in dem er seinen Junggesellenabschied feierte. Die Polizisten hatten den Club wegen Drogen und Prostitution im Visier und identifizierten Bell fälschlicherweise als flüchtig.

Sie haben genug von der Ungerechtigkeit.

Ich war an jenem Abend im St. Nick’s Pub, einem Jazzclub im Sugar-Hill-Bezirk von Harlem. Natürlich wurde am Tresen der Vorfall diskutiert und als ich sagte, zum Glück komme ja so etwas in Harlem nicht mehr vor, wurde ich von meinen Thekennachbarn freundlich aber bestimmt eines Besseren belehrt. Nur weil man nichts in der Zeitung lese, wurde mir gesagt, bedeute es noch lange nicht, dass Polizeischikane gegen Schwarze in Harlem nicht an der Tagesordnung sei. Ich bekomme davon nur nichts mit, weil ich eben weiß bin.

Harlem: Auch nach Obamas Wahl kein Ende des Rassismus in den USA

Ein anderer Vorfall, der mir bewusst machte, dass meine Realität nicht mit der meiner afroamerikanischen Nachbarn übereinstimmt, kam nicht lange nach der Wahl von 2008. Ich hatte die Wahlnacht im Zentrum von Harlem, an der Kreuzung der 125th Street und Adam Clayton Powell Boulevard zugebracht und mich dem ekstatischen Freudentaumel der 100 000 Menschen überlassen, die hierher ins Zentrum Harlems gekommen waren, um die Wahl des ersten schwarzen Präsidenten zu feiern.

Wenige Wochen später war ich zu einem Salon schwarzer Intellektueller in Harlem eingeladen und war noch immer beseelt von der Fantasie, dass in Amerika nun ein neues, post-rassisches Zeitalter angebrochen sei. Die Stimmung an jenem Abend war jedoch alles andere als euphorisch. Die Gespräche wurden beherrscht von der Angst davor, was als Nächstes kommt, vor dem rassistischen Backlash, der ganz sicher die Dinge schlimmer machen werde, als sie sind. Die Mehrheit der Gäste war davon überzeugt, dass Obama die ersten zwei Jahre seiner Präsidentschaft nicht überleben werde.

Obama überlebte zum Glück, ihm blieb das Schicksal von Martin Luther King, Malcolm X und den beiden Kennedy-Brüdern erspart. Dennoch bewahrheitete sich in den folgenden Jahren bitter der Pessimismus, der mir an diesem Abend erstmals in dieser Form begegnete. Heute wissen wir nur allzu gut, dass die Präsidentschaft des ersten Afroamerikaners alles andere bedeutete als das Ende des Rassismus in den USA. Wir haben erlebt, wie das Pendel extrem zurückgeschlagen ist und in einem offen rassistischen Regime seine vielleicht hässlichste Ausprägung in der amerikanischen Geschichte zeigt. Wir haben gesehen, wie die Repression insbesondere der schwarzen Minderheit durch die Staatsgewalt nur noch brutaler geworden ist, als sie schon immer war.

Sebastian Moll, 55, lebt seit 20 Jahren in den USA und berichtet aus New York.

Harlem: Rassismus in den USA „Fortsetzung der Sklaverei“

Für mich als naiven Europäer begann sich das alles damals, kurz nach der Wahl Obamas, erst langsam zu einem Bild zusammenzusetzen. Wegweisend war dabei für mich wie für viele das Buch von Michelle Alexander aus dem Jahr 2010, in dem sie das Phänomen der Massen-Inhaftierung von Afroamerikanern unverblümt als Fortsetzung der Sklaverei beschreibt.

Alexander erzählte die Leben der jungen schwarzen Männer, denen ich tagtäglich in meiner Straße und in meinem Viertel begegnete. Ich begann den Zusammenhang zwischen Ghetto-Bildung, Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit zu begreifen, in dem sie gefangen waren und der sie zu einer Existenz verurteilte, in welcher der amerikanische Traum für sie unerreichbar bleiben würde. Einer Existenz, in der sie unweigerlich irgendwann mit dem amerikanischen Strafrechtssystem in Berührung geraten, das ihnen unter dem Deckmantel des „Kampfes gegen Drogen“ mit extremer Härte begegnet und ihnen durch Schikane und Kriminalisierung den Zugang zu einer bürgerlichen Existenz dauerhaft versperrt.

Dann kam der Sommer des Jahres 2014, in dem Ta-Nehisi Coates für das „Atlantic Monthly“ einen aufsehenerregenden Essay schrieb, in dem er Reparationen der Regierung an die afroamerikanische Bevölkerung forderte. Coates machte mit viel historischer Detailgenauigkeit handfest, was ich vorher nur als politische Parole kannte: dass der Wohlstand der USA auf dem Rücken der schwarzen Bevölkerung aufgebaut worden war und dass sie nach dem Bürgerkrieg nicht nur aus unterschwelligem Rassismus, sondern ganz bewusst und gezielt von der Teilhabe an diesem Wohlstand abgeschnitten wurde.

Rassismus in den USA: „Black Lives Matter" in Harlem

Im selben Sommer wurde ich als Reporter nach Ferguson entsandt, um dort über die Unruhen nach dem Mord am schwarzen Jugendlichen Michael Brown durch die Polizei zu berichten. Die Demonstrationen gelten heute als die Geburtsstunde der „Black Lives Matter“-Bewegung, doch was mich damals vor allem beeindruckte war die Dringlichkeit, mit der aus den Menschen, mit denen ich sprach, ihre Geschichten hervorsprudelten. Ich spürte eine Dankbarkeit, dass endlich jemand zuhörte, nach Jahrzehnten, ja Jahrhunderten der Brutalisierung und Entrechtung, von der niemand etwas wissen wollte.

Natürlich wandelte sich in dieser Zeit auch dramatisch meine Wahrnehmung von Harlem. Harlem blieb für mich einerseits das Harlem von Duke Ellington und Miles Davis und die Heimat des Apollo Theater, das als Wiege der schwarzen Musik über 75 Jahre mehr zur amerikanischen Kultur beigetragen hatte als vielleicht irgendein anderer Ort.

Aber es öffneten sich mir auch die Augen für das Harlem, das die Schriftsteller James Baldwin und Ralph Ellison beschrieben und das Gordon Parks in seinen Fotos in den 60er Jahren festgehalten hatte. Ellison hatte dieses Harlem einst als Ruine bezeichnet, geprägt von alltäglicher Gewalt und Kriminalität, vermüllten Gassen, stinkenden Fluren und von Ratten befallenen Behausungen. Es war ein verwirrender Ort für Ellison, einer, an dem der Afroamerikaner, der aus der Armut und der Unterdrückung des Südens dorthin migriert war, innerhalb einer Generation Arzt oder Rechtsanwalt werden konnte, aber auch einer, an dem die Mehrheit der Menschen trotz der vermeintlichen Befreiung im Elend hängen blieb.

Schwarz und wütend: In Harlem protestieren am 4. Juni 2020 Afroamerikaner gegen Polizeigewalt.

Rassismus in den USA: Harlem war Zufluchtsort für Afroamerikaner

Ellison kam deshalb zu dem Schluss: „Harlem is Nowhere“ – es sei kein Ort, der wirklich ist. Harlem war für Ellison ein Ort, an dem Schwarze den sicheren Status eines Menschen zweiter Klasse in der Gesellschaftsordnung des Südens hinter sich gelassen hatten, aber mit ihm auch eine Struktur, die ihnen Halt gab – Religion, Familie, Tradition. Im Norden angekommen, erwartete sie jedoch nicht die große Freiheit und volle Teilhabe an der amerikanischen Gesellschaft, sondern ein eigenartiger Zustand der Entwurzelung, Desorientierung und eines alltäglichen Rassismus, der weniger offen und deshalb oft noch viel schwieriger zu ertragen war.

Im Jahr 2011 lernte ich die junge schwarze Autorin Sharifa Rhodes Pitts kennen, die in diesem Jahr eine Antwort auf Ellisons Text von 1948 geschrieben hatte. In ihrem Buch, das ebenfalls „Harlem is Nowhere“ hieß, bestätigte sie, dass Harlem noch immer nirgendwo sei. Oder besser, dass Harlem zunehmend für Afroamerikaner überall sei. Die Ortlosigkeit war zur Metapher für eine Bevölkerungsgruppe geworden, die einfach keinen Platz in der Gesellschaft finden konnte; die frei sind, aber doch nicht frei.

Immerhin hatten jedoch zu Ellisons Zeit Afroamerikaner in Harlem ein Refugium gefunden, einen Ort, der bis zu einem gewissen Grad geschützt war, wo man unter sich sein konnte und seine eigene Kultur pflegen, an der legendären „Speaker’s Corner“ offen seine Gedanken austauschen. Nun war Harlem jedoch erneut bedroht, von der Gentrifizierung, von Weißen wie mir, die sich für aufgeklärt hielten und Harlem schick fanden. An der 125ten Straße und am Korridor des Frederic Douglas Boulevard wuchsen Luxuswohntürme in die Höhe, es öffneten Bars und Restaurants, und alteingesessene Läden wurden immer mehr von Ketten verdrängt.

Rassismus in den USA: Die Gentrifizierung von Harlem

Für Rhodes-Pitts verdeutlichte all das nur, dass Harlem nie wirklich den Schwarzen gehört hatte. Man hatte es nur ausgeliehen bekommen. Nun wurde es attraktiv und man holte es sich zurück. Und perfiderweise wurde die großartige Kultur der Harlem Renaissance nun als Marketinginstrument missbraucht, um die zahlungskräftige weiße Klientel anzulocken. Kein neues Restaurant eröffnete, ohne dass im Dekor und der Kunst an diese Tage angespielt wurde.

Natürlich schäme ich mich angesichts all dieses gewonnen Wissens meiner naiven Annahme von vor 15 Jahren, dass ich einfach nach Harlem kommen und mein Weiß-Sein ignorieren kann. Immer wieder muss ich an die Worte James Baldwins gegenüber einem weißen Philosophieprofessor denken, der an die gemeinsame universelle Menschlichkeit appellierte: „Sie verlangen von mir, mein Leben und das meiner Familie aufgrund eines Idealismus zu riskieren, den ich in Amerika noch nirgendwo verwirklicht gesehen habe.“ Fantasien einer rassismusfreien Gesellschaft kann man sich nur leisten, wenn man weiß ist.

Harlem: Das Thema Rassismus ist in den USA überall

Doch ich ziehe deswegen nicht weg aus Harlem. Denn wenn ich etwas gelernt habe in meinen mehr als 20 Jahren in den USA, dann ist es, dass man dem Thema „Race“ nirgendwo entrinnen kann. In eine der vermeintlich liberalen weißen Gegenden zu ziehen, in denen es kaum Afroamerikaner gibt, ist genauso ein Statement zum Thema, wie hier zu bleiben.

Harlem ist in den USA überall. Wie Ibram X Kendis in seinem Buch so schön sagt, ist eine Äußerung, wie „Ich sehe Rasse nicht“ mindestens ebenso schädlich wie offener Suprematismus. Und Hinsehen kann ich kaum irgendwo so gut wie hier zu Hause in Harlem. Auch, wenn es nicht immer angenehm ist.

Rubriklistenbild: © dpa

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