Himmelfahrtskommando "Aktion Rheinland" rettete Düsseldorf

Stadt sollte 1945 vor anrückenden US-Truppen zerstört werden / Oppositionelle verhinderten Schlimmeres - und mussten sterbenFünf Männer retteten bei Kriegsende die Stadt Düsseldorf vor der von den Nationalsozialisten angeordneten Zerstörung. 59 Jahre später werden sie mit einer Gedenktafel geehrt.

Von INGRID-MÜLLER-MÜNCH

Köln · 18. April · Auf dem Weg zum Fotokopierer mussten Düsseldorfer Polizisten schon immer an diesem Kellerverschlag vorbei. Sie taten dies achtlos, ohne großes Interesse für die hier lagernden Akten. Doch seit kurzem ist das Augenmerk speziell auf den achteckigen, durch Gittertüren zu schließenden Raum gerichtet, in dem sich in einer Mittelsäule der Grundstein des Düsseldorfer Polizeipräsidiums befindet.

Darin eingemeißelt der Satz: "Der Bau wurde vollendet am 31. 12. 33, dem Jahr der nationalen Erhebung Deutschlands." Diese Inschrift wurde dieser Tage durch eine Gedenkstunde für Widerstand und Befreiung Düsseldorfs Synonym dafür, wie widersprüchlich und gegensätzlich deutsche Geschichte sein kann. Denn gegenüber, an einer Backsteinwand, erinnert von nun an eine Gedenktafel an fünf Männer, die für die Rettung Düsseldorfs vor 59 Jahren ihr Leben ließen.

Es geschah am 16. April 1945. Düsseldorf war eingekesselt von alliierten Truppen. Gauleiter Karl Florian hatte den Befehl gegeben, beim Einrücken der US-Armee sämtliche Düsseldorfer Versorgungsbetriebe, Eisenbahn- und Straßenbrücken zu sprengen. Den Alliierten sollte nur verbrannte Erde hinterlassen werden. In dieser brisanten Lage wandte sich eine aus Architekten, Bäcker- und Schreinermeistern sowie einem Anwalt bestehende Widerstandsgruppe an den Kommandeur der Schutzpolizei, Oberstleutnant Franz Jürgens. Man wollte mit seiner Hilfe verhindern, dass Düsseldorf dem Erdboden gleich gemacht wurde.

Aus der "Aktion Rheinland", wie die Widerstandsgruppe das Unternehmen nannte, wurde ein Himmelfahrtskommando. Zwar gelang es den Männern, Jürgens von ihrem Anliegen zu überzeugen. Der stellte ihnen auch einen Passierschein aus, damit sie mit den Alliierten die kampflose Übergabe der Stadt aushandeln konnten. Und schickte zwei Regimegegner mit Wagen samt weißer Fahne zu den US-Truppen. Auch wurde der amtierende NS-Polizeipräsident in eine Zelle gesteckt.

Jürgens‘ Motive bis heute unklar

Doch irgendjemand verriet die Aktion. Jürgens und vier Oppositionelle wurden festgenommen. Noch am Abend des 16. Aprils 1945 wurden sie von Standgerichten zum Tode verurteilt und erschossen. Bilder dieser fünf Männer zieren nun die Wand im Grundsteinraum des Düsseldorfer Polizeipräsidiums. Denn ihnen ist es zu verdanken, dass die US-Panzer einen Tag später, am 17. April, ohne Schusswechsel in die Stadt einrückten.

So widersprüchlich wie sich die Gestaltung des Grundsteinraumes im Düsseldorfer Polizeipräsidium anlässt, so zerrissen ist auch die Biografie des besonders geehrten Oberstleutnants Franz Jürgens. Zwar schien Jürgens den Widerständlern seinerzeit vertrauenswürdig, hatte er sich doch zuvor mehrfach gegen den nationalsozialistischen Polizeipräsidenten aufgelehnt.

Doch bis heute ist ungeklärt, ob Jürgens sich in letzter Minute nicht lediglich deshalb gegen die Machthaber in Berlin wandte, weil er die militärische Lage realistisch einschätzte. Und nicht, weil er grundsätzlich etwas gegen das NS-Regime hatte.

Für die zuletzt genannte These würde ein kürzlich gefundenes Dokument aus Darmstadt sprechen, wo Jürgens vor seiner Zeit als Kommandeur der Düsseldorfer Schutzpolizei tätig war. Der Leiter der dortigen Gestapo bedankte sich 1942 bei Jürgens "für die erwiesene Unterstützung bei der Durchführung der Judenevakuierung".

(Zuerst publiziert am 19. April 2004)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare