60 JAHRE DANACH

Der Himmel über Krefeld

Elisabeth Rohde-Esch berichtet darüber, wie sie als Kind nach einem Bombenangriff verschüttet wurde. Um ihre Erinnerung verarbeiten zu können, gestaltete sie mit Eisenteilen und zerfledderten Wellpappen den Albtraum von der heranzischenden Bombe nach, schreibt sie in dem Brief an die FR.

Es war Voralarm, und ich rannte mittags nach Hause: Ende Januar 1945 war es kalt um 13 Uhr, und die Sonne stand klar am blauen Himmel über Krefeld. Da - Vollalarm. Die Geschwister waren zum Glück auch zurück. Wir rannten in den Keller, unseren Luftschutzraum mit verstärkter Türe. Mutter nahm die Pellkartoffeln mit hinunter, und wir saßen um den Tisch. Sie pellte weiter für unser Mittagessen. "Bitte, Mutti, leg das scharfe Küchenmesser weg!" Nun hielten wir uns rundum an den Händen. Mutter saß auf ihrem Bambussessel. Wir hatten Mäntel und Mützen an und ein kleines Kissen auf dem Schoß.

Ein furchtbares Sausen und Donnern von Bomben begann. Auf den Lippen hatten wir gemeinsam die Liedstrophe aus dem evangelischen Gesangbuch EG 374 "?und wenn zerfällt die ganze Welt? !!" An dieser Stelle: Entsetzliches Jaulen beendete unsere Worte mit krachendem Getöse und Steinwucht. Links war die Hand meiner Mutter nicht mehr zu spüren, rechts die meiner Schwester nicht. Ich jammerte; mit meinen Fingern konnte ich nur noch eine Lücke vor dem Mund hohl halten, um zu atmen. Ein furchtbarerer Druck auf Kopf und Rücken ließ mich ahnen: das ist der Rest Atemluft - das ist Sterben! Wo ist mein bergender Gott aus dem Lied?

Von links hörte ich schmerzerfülltes Stöhnen! Mutti? Das ließ nicht nach, doch von rechts bewegten sich Steine und Geröll: Meine Schwester räumte meinen Kopf und Arme frei, und ich sah auf dem aufgerissenen Luftschutzkeller den verstaubten Himmel hinter mir! Das Stöhnen meiner Mutter schmerzte mich beängstigend. Sie war vom Druck der Grundmauer in unserm Rücken am Tisch eingeklemmt und voll verschüttet. Direkt in unserm Vorgarten war die Bombe eingeschlagen, hatte uns verschoben und das Haus schräg weggerissen. Ein großer Bruder war bei uns (als Verwundeter auf Heimaturlaub). Er ließ sich eine Handsäge durch den Türspalt reichen für die Tischplatte. Dann schaufelten alte Männer vom "Volkssturm" unsere Mutter frei. Sie schleppten die Verletzte in den Garten auf eine Liege. Schmerzverzerrt lag sie dort und verabschiedete sich von mir für immer - wie sie meinte. Die Männer hoben sie an, ich weinte sehr und stieg über die Geröllhalde hinter ihnen her. Sie schoben meine Mutter in das Transportauto. Ich kletterte mit in das Auto und hielt mich an der Liege und sie an der Hand fest. Die Metalltüre knallte zu, und es war stockdunkel. Die Türe wurde nach rumpelnder Fahrt noch fünfmal geöffnet und zugeknallt. Der Wagen war voll mit Verletzten und Sterbenden. Beim letzten Halt rief einer: "Das Kind muss raus!" Sie zerrten mich weg und ließen mich sehen, wie die graue Metalltüre mit dem roten Kreuz sich entfernte. Ich stand mutterseelenallein in einem weiten, unendlichen, grauweißen Trümmerfeld und gleißendem Sonnenlicht. Es gab für mich keinerlei Orientierung durch bekannte Häuserfronten - alles platt und weißgrau. Irgendwie fand ich mein gewesenes Zuhause wieder - weinend und stolpernd. (...)

Unsere Mutter war seit neun Jahren Witwe mit sieben Kindern. Dennoch hatte sie alles Erdenkliche riskiert für Menschen, die unter Hitler verfolgt wurden - eine Widerstandsfrau! Das Verschüttetsein hinterließ sie schwer verletzt. Nach bangen Tagen fanden wir sie in den überfüllten Kellern des Städtischen Krankenhauses - sie kam durch. Für die beiden eventuell suchenden Brüder an der Ostfront steckten wir ein kleines Schild auf einen Stab und drückten diesen in den Trümmerberg unseres gewesenen Zuhauses. Sie kamen nie zurück: Der Älteste verhungerte auf dem Weg in russischer Gefangenschaft. Der andere wurde an einer Brücke in Königsberg/Kaliningrad von Tieffliegern tödlich getroffen.

Elisabeth Rohde-Esch, Wesel

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