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Der Hillary-Walzer

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Hillary Clinten mit verkrampftem Lächeln und Barack Obama mit distanzierter Körperhaltung.
Hillary Clinten mit verkrampftem Lächeln und Barack Obama mit distanzierter Körperhaltung. © ap

In seiner Konkurrentin hat Barack Obama die beste aller Lehrmeisterinnen gefunden. Hillary hat ihn für harte Debatten gestählt.

Von MAUREEN DOWD

Demokraten, die sich über die negativen Auswirkungen der Seifenoper, die sie ihren Wahlkampf nennen, Sorgen machen, sollten sich zusammenreißen. Diese "Händeringer", wie Hillarys Chefstratege Harold Ickes sie nennt, sehen das große Ganze nicht.

Hillary wird leider völlig missverstanden, und sie verdient auch mehr Beachtung für ihre Großherzigkeit. Sie hat nicht nur, wie sie selbst kürzlich in Philadelphia bemerkte, eine Menge mit Rocky gemeinsam, sondern auch mit einer anderen berühmten Figur: der Feldmarschallin aus der komischen Oper "Der Rosenkavalier" von Richard Strauss.

Die Feldmarschallin, die mit einem venezianischen Feldmarschall verheiratet ist, hat eine Affäre mit dem viel jüngeren Grafen Octavian. Obwohl sie sich ihrer schwindenden Jugend und der Treulosigkeit der Männer wehmütig bewusst ist, weiht sie den jungen Mann in die Liebe ein und entlässt ihn am Ende würdevoll zu taumelnden Walzerklängen in die Arme der jungen Sophie.

Sie beschützt ihn

Ganz gleich, ob sie gewinnt oder nicht - Hillary hat schon einen noblen Dienst geleistet, indem sie ihrem jüngeren Kollegen Obama eine erfahrene politische Lehrerin war und ihm ein paar wichtige Grundlagen beigebracht hat. Wer hätte ihm sonst zeigen sollen, wo es lang geht? Howard Dean? John Edwards? Dennis Kucinich? Obama war vor diesem Wahlkampf keinerlei harten Attacken ausgesetzt, ist seine Senatswahl doch ein Spaziergang gewesen. Hillary jedoch hat ihn für harte Debatten gestählt. Ohne sie hätte er nie gelernt, sich gegen verquere persönliche Angriffe zur Wehr zu setzen, und wüsste nicht, in welch missliche Lage einen die Zügellosigkeit des eigenen Ehegatten bringen kann oder wie eine glänzende Rede zur Schadensbegrenzung taugen kann. Als man ihn fragte, ob er nicht selbst auch mal mit Schmutz werfen wolle, gab er sich etwas hochmütig. Das Hillary-Lager wird ihm jedoch solange an die Kehle gehen, bis er die Effektivität einer soliden Verleumdungskampagne zu schätzen lernt.

Neben ihrer Mentorenrolle nimmt Hillary in Bezug auf Obama auch die Rolle der Beschützerin ein. Hätte sie nicht über die Sache auf dem Flughafen Tuzla geflunkert und dann wieder geflunkert, um aus der ersten Flunkerei herauszukommen, hätte sich die Presse weiter auf Pastor Wright konzentriert. Sie war der perfekte Blitzableiter.

Durch Hillary ist Obama auch klar geworden, wie wichtig es ist, die Herzen der Frauen zu gewinnen. Auf Besichtigungstour in einer Fabrik in Allentown, Pennsylvania flirtete er mit den Arbeiterinnen, bedachte sie mit breitem Lächeln und Augenzwinkern, nannte eine "Sweetie", versicherte einer anderen, sie sei "wunderschön", und gab außerdem eine Tanzeinlage, die er sich bei seinen Töchtern abgeschaut hatte. Später trat er im Rathaus von Scranton vor Denise Mercuri, eine Apothekerin aus Dunmore, die eine Hillary-Anstecknadel trug. "Was muss ich tun? Soll ich auf die Knie fallen?", erkundigte Obama sich charmant und versprach: "Ich gebe Ihnen einen Kuss."

Bei Hillarys Lehrstunde, wie man sich von einer High-Society-Dame in eine raubeinige Proleten-Braut verwandelt, hat Obama anscheinend jedoch nicht richtig aufgepasst. Seine angestrengten und unfreiwillig komischen Versuche, sich bei der Arbeiterschaft in Pennsylvania anzubiedern, haben ihn nur noch mehr als Weichling erscheinen lassen. Ohne sich die Krawatte zu lockern, nippte er in einer Sportbar in Lotrobe geziert am heimischen Bier und schnitt beim Bowling in Altoona schlecht ab. Hillary forderte ihn zu einer Partie heraus und bot ihm zwei Durchgänge Vorsprung an.

Dann benahm er sich in einer Schokoladenfabrik in Lititz wie ein Model, das den Naschereien aus dem Weg zu gehen versucht, um die gertenschlanke Linie nicht zu gefährden. "Aber nicht doch!", sagte die etwas überraschte Managerin der Fabrik. "In einer Schokoladenfabrik denkt man doch nicht an die Kalorien."

Kichernde Arbeiterinnen

Michael Powell von der Times berichtet, wie Obama die pummeligen, ältlichen Frauen mit Plastikhaarnetzen, die rosafarbene Stöckelschuhe und Phantom-der-Oper-Masken aus Schokolade herstellten, fragte: "Essen Sie selbst eigentlich noch Schokolade oder können Sie keine mehr sehen?" Die Arbeiterinnen kicherten wegen der albernen Frage. Noch besorgter sah er drein, als man ihm eine Schokoladentorte mit weißer Schokoladenglasur anbot. "Du lieber Himmel!", sagte er. "Das ist mir zu dekadent."

Das Wichtigste, das die kernige Hillary dem verträumten Obama - und den zaghaften Demokraten - beibringen kann, ist die Einsicht, dass es beim Kampf um die Präsidentschaftskandidatur darum geht, zu gewinnen. Die Macht wird nicht geteilt und das streitende Paar am Ende auch nicht zwangsverheiratet. Der Gewinner gewinnt, selbst wenn nur der Bruchteil eines Prozentpunktes entscheidet oder die Stimme eines Obersten Bundesrichters. Bei diesem Spiel gibt es keine Fehlertoleranz, wie die Demokraten inzwischen wissen sollten. Und der Sieger darf sich seinen - oder ihren - Vizepräsidentschaftskandidaten aussuchen.

Der ultimative Gefallen, den Hillary dem Neuling aus Illinois erweisen kann, besteht darin, ihn bis zum Finale mit allen Waffen zu bekämpfen und dann würdevoll in die Arme einer anderen zu entlassen. Hillarys Aufgabe ist dann erledigt, wenn sie erledigt ist. Denn auf diese Weise hätte Obama bewiesen, dass er es mit Ahmadinedschad aufnehmen kann - wenn er einen viel schwereren Gegner geschlagen hat.

Maureen Dowd ist Kolumnistin bei der New York Times. 1999 erhielt sie für ihre Kolumnen über den Lewinsky-Skandal einen Pulitzer-Preis.

Aus dem Englischen von Andrian Widmann.

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